Krankenversicherung: Keine Solidarität bei schwerem Fehlverhalten

Zigarette
Also sehr sportlich bin ich ja auch nicht, und in der Folge auch nicht besonders schlank. Trotzdem freue ich mich über eine Studie des Beobachters (meist nur kurz auf dem Netz einsehbar), die in einer repräsentativen Umfrage herausfand, dass eine Mehrheit der Bevölkerung (58%) der Meinung ist, dass ein gesundheitsgefährdendes Verhalten die Prämienhöhe beeinflussen soll. Die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken ist zwar wichtig und richtig. Wer aber in vollem Bewusstsein Gesundheitsrisiken eingeht, soll dies auch bezahlen. Statt Zwangssolidarität mit verheerenden Anreizen will eine Mehrheit – ordnungspolitisch richtig – Anreizstrukturen, die auf einer minimalen Eigenverantwortung aufbauen. Wer viel raucht, weiss doch heutzutage, was er sich antut. Bonus und/oder Malussysteme schaffen einen direkten Anreiz für ein gesunderes Leben – mehr als alle teuren Präventionskampagnen. Sogar heinrich von Grünigen, Präsident der Adipositas-Stiftung, stimmt dem zu. Wer wegen Übergewicht mehr Prämien bezahlen müsse, habe einen Anreiz, abzunehmen. Nur dürfe es bei einem Malus-System nicht nur um Übergewicht gehen. Das finde ich auch!

Pech für Kiffer, Glück für Weingeniesser
Welches Verhalten soll denn Folgen haben? Die Studie untersuchte das ganz genau. Klar ist die Situation nur bei harten Drogen, Kiffen und Rauchen (mehr als 20 Zigaretten/Tag). Zwischen 78 und 87 Prozent der Befragten sind der Meinung, dieses Verhalten solle höhere Prämien zur Folge haben. Bei Alkohol (hoher täglicher Konsum von drei “Stangen”, 57%) und starkem Übergewicht (54%) ist die Mehrheit weniger klar, bei gelegentlichem Rauchen und geringem Alkoholkonsum sind die Befürworter eines Malus in der Minderheit. Dass an der grundsätzlichen Solidarität zwischen Gesunden und Kranken nicht gerüttelt wird, zeigt die Studie ebenfalls auf. Die Frage “Sollten Leute, die mehr als zehn Mal im Jahr zum Arzt gehen, höhere Krankenkassenprämien bezahlen?” verneinte eine (knappe) Mehrheit von 52%.

Welche Solidarität?
Risikogerechtere Prämien stehen direkt im Dienst jener Kranken, die unsere Solidarität tatsächlich benötigen. Meine Frage: Ist es unsolidarisch, wenn von einem starken Raucher mit einem Päckli pro Tag auch eine Eigenverantwortung im Hinblick auf seine Gesundheit verlangt wird? (Foto: pixelquelle.de)

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8 Kommentare

  1. Esther:

    Ich finde es den falschen Weg, über unterschiedlich hohe Prämien die BürgerInnen und Bürger zu gesünderem Leben zu erziehen. Stell dir nur mal vor, welch unsinniger Verwaltungsapparat und welche Eingriffe in das Privatleben nötig wären, um festzustellen, wer seine Gesundheit fahrlässig gefährdet. So was ist auch immer ziemlich willküranfällig, denn die Liste der Methoden zur eigenen Gesundheitsgefährdung wäre immer unvollständig und wohl auch höchst umstritten. Kurzum: kein gangbarer Weg.

    Andererseits verstehe ich durchaus und finde richtig, dass die Kosten für bewusste Gesundheitsgefährdung nicht von der Allgemeinheit übernommen werden sollen. Doch hierfür gibt es einen weit besseren, unbürokratischen Weg: die Internalisierung der Kosten über Tabak-, Alkohol- und ähnliche Steuern. Und was das Kiffen angeht: Wenn Cannabis-Konsum entkriminalisiert würde, könnte auch steuernd eingegriffen werden und würde den Reiz des Illegalen speziell für Jugendliche verlieren.

  2. Christoph:

    Ich sehe mehrer Probleme. Erstens: Wie ist zu entscheiden, ob es sich um schweres oder leichtes Fehlverhalten handelt oder ob am Ende eine ererbte Krankheit? Fettleibigkeit ist doch in vielen Fällen krankhaft und kaum Selbstverschulden.

    Zweitens bin ich nicht so sicher, dass Leute, die weniger lang leben, wirklich höhere Gesundheitskosten verursachen. Am meisten kosten oft diejenigen, die alt werden und ihre Partner überleben, und da am Ende niemand da ist, der sie schliesslich pflegt, zahlt dann die Krankenkasse die Pflege. (Vor allem aus diesem Grund verursachen Frauen höhere Krankenkosten – weil sie ihren Mann, den sie bis zu dessen bitterem Ende gepflegt haben, oft überleben und dann hilflos sind, wenn sie selbst erkranken.)

    Abgesehen davon: Ohne Raucher wäre die AHV längst pleite, und zwar weniger wegen der Zigarettensteuer, sondern wegen der kürzeren Lebenserwartung. Jede Altersvorsorge ist darauf angewiesen, dass einige Leute früher sterben und damit mehr einbezahlt als bezogen haben.

  3. sisyphos:

    Die Frage dürfte man allenfalls auch in den Raum stellen, ob es wirklich des Staates Aufgabe sein soll, die Bürger zu “erziehen”. Es geht hier vielmehr um Kostenwahrheit und richtige Anreize, umso mehr als ja alle in diese Versicherung einzahlen müssen. Genauso wie gewisse Versichertenklassen bei der Motorfahrzeughaftpflicht mehr zahlen sollen, weil sie eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, höhere Kosten zu verursachen, sollten auch bei der obligatorischen KV die Versicherten ihrem Risiko gemäss belastet werden. Gerecht ist es allemal. Sonst trägt ein Versicherter mit geringem Risiko ungefragt die Mehrkosten desjenigen der ein höheres Risiko hat. Diese falsch verstandene Umverteilung ist nicht zu rechtfertigen.

  4. emeidi:

    Ich finde es überlegenswert, das Eingehen unnötiger Risiken (Rauchen, aber auch übermässiger Alkoholkonsum) mit höheren Prämien abzugelten. Wie das aber mit vernünftigem Aufwand kontrolliert werden soll, entzieht sich meiner Kentnis:

    welch unsinniger Verwaltungsapparat

    Spätestens hier sollte das Gedankenspiel des Ordnungspolitischen Blogs aufhören. Gerade mit solchen Massnahmen fördert man “mehr Staat” (oder indirekt halt “mehr Krankenkassenverwaltung”).

    Genauso wie gewisse Versichertenklassen bei der Motorfahrzeughaftpflicht mehr zahlen sollen, weil sie eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, höhere Kosten zu verursachen, sollten auch bei der obligatorischen KV die Versicherten ihrem Risiko gemäss belastet werden.

    Hier fände ich es aber falsch, den Strassenarbeiter höhere Prämien bezahlen zu lassen, weil er schwere körperliche Arbeit verrichtet …

  5. sisyphos:

    Ich verstehe Deinen Einwand emeidi. Handkehrum wer soll die Kosten dann sonst übernehmen? Jemand der diesem erhöhten Risiko selber nicht ausgesetzt ist? Darum geht es aber genau bei der Umverteilung im Wohlfahrtsstaat. Ist doch auch ungerecht wenn jemand der mit dem Risiko nichts zu tun hat, dafür belastet wird. Zudem ist es meist so, dass die typischen “Büroleute”, die in der Tat ganz allgemein weniger Risiken ausgesetzt sind, schon jetzt mehr für den “Staat” und die Volkswirtschaft beitragen: Sie zahlen (viel) mehr Steuern und sie leisten meist auch mehr an das BIP sprich an unseren Reichtum. Das Problem ist, dass irgendjemand aber die anfallenden Kosten übernehmen muss. Die gerechteste Lösung ist es sich zu bemühen, dass möglichst jene für Risiken zahlen, welche sie effektiv auch selber tragen (unabhängig vom Grund des Risikos). Dies soll natürlich nicht als Geringschätzung für Strassenarbeiter u.ä verstanden werden. Ohne sie gehts nicht, dass ist evident. Aber es geht auch nicht ohne Banken, Versicherungen, Unternehmer, Ärzte, Anwälte, etc. Es geht mir darum, die Umverteilung möglichst gering zu halten und grad bei “Sozial-”Vesicherungen Kostenwahrheit anzustreben.

  6. Sepp:

    Es geht keinesfalls um Erziehung, sondern um falsche Solidarität: Ich verstehe, dass eine Mehrheit nicht mit Menschen solidarisch sind, die wider beseres Wissen Ihrer Gesundheit Sachaden zufügen und dann doch die soziale Grundversicherung für die Gesundung beanspruchen.

    Der Teufel steckt im Detail, aber sind in der Umsetzung Verfahren denkbar den Apparat gering zu halten (siehe private Versicherungsbranchen, die ja ähnliche Dinge zu beurteilen haben). Das funktioniert dort stichprobenmässig oder dann im Schadensfall.

  7. Luzern: Spitäler verselbständigen auf Ordnungspolitischer Blog:

    [...] – Betreffend Nachfrage: Wenn auch im Gesundheitswesen das reine Versicherungsgeschäft von der sozialpolitisch motivierten Umverteilung getrennt und entsprechend mit eigenständigen Instrumenten gestaltet wird (vlg. dazu hier betreffend risikogerechten Prämien und hier betreffend AHV) , wird sich die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen kostenbewusster orientieren. [...]

  8. Ordnungspolitischer Blog » Blog Archive » Risikoabhängige Krankenkassenprämien: Kopf hoch, Ruth Humbel!:

    [...] Anreize und das bringt mehr als alle Kampagnen gegen Dicksein, Rauchen etc. und sie kann eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wissen. Der Vorschlag rechnet mit Menschen, die rechnen und dann entscheiden [...]

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