Handschellen
Also eben: ich war ja bekanntlich in St.Gallen und las das St.Galler Tagblatt. Obigen Titel sehe ich auf der Seite zwei und erinnere mich an meine Jugendzeit, als ich unseren Volkswirtschaftslehrer provozieren wollte mit der Aussage “Gewinn ist Betrug”. Tja, das war einmal… Roland Baader wird da aus Anlass seines aktuellen Buches interviewt. An wem wird denn denn da Diebstahl begangen? Baader dazu:

Am Bürger. Dem einen nehmen und dem anderen geben, das ist Diebstahl. Wenn es der Staat tut, dann ist es eben staatlich sanktionierter Diebstahl.

Baader entlarvt die landläufige Aussage, die Umverteilung sichere den sozialen Frieden als Konstrukt des politisch geschürten Sozialneids. Die Sicherheit der Menschen nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts ausgerechnet an den Staat zu delegieren findet er fahrlässig. Ein Minimalstaat, wie er ihm vorschwebt hat nur die Rechtsordnung und das Eigentum zu schützen, weil er einzig das besser kann. Dem Journalisten kommt dann als ersten zusätzlichen Bereich die Bildung in den Sinn. Baader dazu:

Ich betrachte das Bildungswesen mit der Schulpflicht als Kidnapping der Kinder zu beliebigen Indoktrination [schönes Beispiel hier bei freilich.ch, Anm. Scaramuccia].

Auch Baader teilt die Meinung, dass freie Schulwahl mit Mindeststandards die Qualität des gesamten Bildungswesens erhöhen würden. Zudem entstünde jene schulische Vielfalt (oberhalb der Mindeststandards), welche den Neigungen und Bedürfnissen der Schülerinnen und Schülern angemessen wäre. Nun kapituliert der Journalist bereits und meint, für Baader seit halt der Staat immer “das Böse”. Baader kontert mit einem witzigen Wortspiel:

Aus Vater Staat wird schnell Väterchen Stalin.

Das hat einen ernsten Kern. Für Baader hat der Staat das Machtmonopol und die Wirtschaft keinerlei Macht, oder erst, wenn sie sich in regulierten Märkten mit ihm verbindet. Diese Fehler können aber nicht der Wirtschaft und einem freien Markt angelastet werden. Marktwirtschaft entsteht spontan und ist nicht an Macht gebunden. Erst wenn dieser Staat reguliert und seine Macht einsetzt, entstehen die Verzerrungen und Marktversagen. Auch für weniger Wohlhabende wird in einer freien Gesellschaft gesorgt. Für Baader ist es der Sozialstaat, der die Freigiebigkeit der Menschen und ihr Engagement zerstört – wer sieht den schon einen Sinn in sozialem Engagement, wenn der Staat sich diese Aufgaben angeeignet hat? Statt für Chancengleichheit plädiert Baader für Chancenfreiheit – gerade im Bereich der Schulen. Freiheit ist ein Risiko und Menschen sind risikoscheu, darum sind viele mit der relativen Unfreiheit in der vermeintlichen Geborgenheit des Staates einverstanden:

Es sind zwar alle unzufrieden, aber sie erkennen die Ursache nicht. Eine erzwungene Sicherheit ist ihnen lieber, als eine Risiko in Freiheit.

Doch auch in dieser scheinbar wohligen Wärme lauert ein Risiko. Der Sozialstaat ist für Baader aus finanziellen Gründen ein Auslaufmodell:

Die Verschuldung ist immens, hinzu kommen demografische probleme, kurz, der Wohlfahrtsstaat wird nicht überleben. Entweder er entwertet das Geld, was laufend geschieht, oder er wird bankrott gehen – dann sind die Ersparnisse der Bürger erst recht futsch.

(Foto: pixelquelle.de)

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5 thoughts on ““Umverteilung ist Diebstahl” sagt Roland Baader

  1. “Auch für weniger Wohlhabende wird in einer freien Gesellschaft gesorgt.”

    Das kann jeder behaupten und glauben. Diejenigen, die bereits hier genug zum Leben haben, müssten sich auch in einem solchen “System” keine Sorgen machen. Es geht aber nicht darum, die wirtschaftlich Stärksten und deren Meinung als Massstab zu nehmen, sondern die wirtschaftlich Schwächsten.

    In der Tat wäre ich gespannt, welche Art von “Sozialhilfe” die Wirtschaft als Ersatz zur staatlichen Fürsorge anbieten würde. Oder meint Baader mit “sozialem Engagement” Almosen eines zufällig vorbeiziehenden Herrn Ospels in die Mütze eines Bahnhof-Bettlers? Oder soll den Kirchen zu neuem Glanz verholfen werden? Baaders “Idee” ist mir noch zu wenig gründlich durchdacht.

    Nebenbei gefragt: Gibt es Länder auf dieser Welt, die diesen Weg bereits gegangen sind? Ich befürchte nein. Wieso? Die “Privatisierung” der Sozialhilfe wäre doch mal etwas, woran sich die liberalen Kräfte – allen voran Herr Baader – in diesem Land versuchen könnten …

  2. Im Interview führt er das genauer aus – schade ist das so unlesefreundlich…

    “Uns fehlt das historische Bewusstsein. Der Staat war nicht immer so allmächtig, wie wir ihn heute kennen. Ein Beispiel: Wir bilden uns viel auf unseren Sozialstaat ein, der sich angeblich für die Schwachen und Armen dieser Gesellschaft einsetzt. Aber denken Sie nur mal an die Geschichte der Friendly Societies im London um 1900. Die Beiträge für diese Vereine waren in Bürgerfamilien die dritthöchste Budgetposition nach Lebensmitteln und nach der Miete. Damals ist kaum jemand ohne Hilfe geblieben, kaum jemand hat Hunger gelitten.Aber heute geht es dem schlecht situierten Bürger besser als dem schlecht situierten Bürger vor hundert Jahren.”

    Es ist doch tatsächlich so, dass alles Anheben der Staatsquote, alles Umverteilen nicht wirklich etwas gebracht hat. es treibt nur mehr Leute in die Abhängigkeit, Lethargie und Psychiatrie.

  3. “Aber heute geht es dem schlecht situierten Bürger besser als dem schlecht situierten Bürger vor hundert Jahren.”

    Aha, es sollte eigentlich umgekehrt sein, es sollte dem schlecht situierten Bürger schlechter gehen?

    Die anarcho-libertäre Wunderwelt scheint mittlerweile auch ordnungspolitik.ch befallen zu haben. Ist der Grund für Umweltverschmutzung etwa Marktversagen wegen Staatlicher Regulierung? Nein, also bitte, das ist grober Unfug.

  4. Ohne das gesamte Interview gelesen zu haben, steht es niemandem zu, auf derart plumpe Weise zu polemisieren. Für Denjenigen, der “anarcho-libertär” logisch erscheint, gilt das Gleiche wahrscheinlich auch für schwanger-männlich.

    @Peter Hugentobler: Sie scheinen eine sehr selektive Wahrnehmung zu haben.

    “Aha, es sollte eingentlich umgekehrt sein, es sollte dem schlecht situierten Bürger schlechter gehen?”

    Auf das Sie die Ironie beißen möge, bis die Unterstellungen ausbleiben.

    Und noch so eine lustige: Ist der Grund für Umweltverschmutzung etwa Marktversagen wegen Staatlicher Regulierung?…

    Ich habe auch eine: Sie grüner Sozi, Etatist und Klimawandelverfächter *totlach* :-)

  5. Pingback: “Traum eines Mittelständlers” – Roland Baader zum Gedenken auf Ordnungspolitischer Blog

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