Eine Arztpraxis eröffnen ist nicht einfach - wenn die anderen Ärzte es zuerst erlauben müssen
Der wunderbare Artikel 55a des KVG setzt die Gewerbefreiheit der Bundesverfassung ausser Kraft und verfügt einen Zulassungsstopp von jungen Ärztinnen und Ärzten, die eine eigene Praxis eröffnen wollen (auch die NZZ macht sich heute Gedanken, leider ohne ordnungspolitisch durchdachte Fragen an die Akteure: Link). Das führt dazu, dass Zahlstellennummern (ZSR-Nummern) einen Wert erhalten und bei Verkäufen von Arztpraxen als Aktiva aufgeführt werden. Es ist ein richtiger Handel mit diesen Zulassungen entstanden: In der Ärztezeitung erscheinen Inserate mit folgendem Text:

ZSR-Nummer für Nephrologie abzugeben. Gebote ab 150’000 CHF an Chiffre 354554.

Noch absurder wird es, wenn man die Vergabe dieser Zulassungnummern in der Praxis genauer anschaut. Dafür sind nämlich die Kantonsärzte zuständig. Ihren Enstcheid stützen Sie nicht etwa auf bestimmte objektive Grundlagen, sondern auf Gutdünken oder – und jetzt kommt’s – auf eine Umfrage bei den niedergelassenen Ärzten der entsprechenden Fachrichtung. Konkret: Die HNO-Ärzte des Kantons Aargau werden befragt, ob sie der Ansicht seien, es brauche weitere HNO-Ärzte (die in der Regel jung, gut ausgebildet und voll im Saft sind). Muss ich irgend jemandem darlegen, wie die Umfrage herauskam?

Man stelle sich einmal vor, die Autowerkstätten der Stadt Aarau würden befragt, ob sie noch zusätzliche Konkurrenz mit weiteren Autowerkstätten erlauben möchten! Genau so funktionierte das Handwerk vor der Aufklärung und vor der Einführung der Gewerbefreiheit. Die Zunftmitglieder sitzen am Futtertrog und entscheiden, ob ein Platz frei wird.

In der nächsten Session soll der erwähnte Zulassungsstopp zum zweiten Mal verlängert werden – obwohl im Artikel explizit steht, man mache das nur einmal, aber das ist eine andere Geschichte. Für die FMH ist er willkommenes Mittel, sich junge gut ausgebildete Konkurrenz vom Hals zu halten (dank Zwangsmitgliedschaft müssen diese trotzdem die FMH-Funktionäre finanzieren). Für die Krankenkassen ist der Zulassungsstopp das Pfand zur Einführung der Vertragsfreiheit. Solange die Ärzte in Sachen Vertragsfreiheit nicht zu einem minimalen Kompromiss (unser Vorschlag hier) bereit sind, wird der Zulassungsstopp verlängert. Der Verband der Assistenz- und Oberärzte (VSAO) scheint aus ideologischen Gründen nicht bereit, für seine Mitglieder Hand zu einer Lösung zu bieten. Beinahe schon zynisch ist nun die in diesen Tagen verschickte Klage einer solchen Zunft, sie sei leider überaltert…

Von uns Patientinnen und Patienten redet hingegen niemand. Heute wird unsere medizinische Wahlfreiheit durch die Ärztezünfte massiv eingeschränkt. Wir haben uns mit den überalterten Ärzten abzufinden. Punkt. Mir wäre es lieber, diese Kontrolle würde durch die Krankenkassen wahrgenommen, denn die stehen unter öffentlicher Beobachtung und sind auf uns Prämienzahlende angewiesen. Die FMH und ihre Zünfter sind das nicht. Die Qualität der Versorgung dürfte schlagartig zunehmen – bei gleich bleibenden Kosten.

(Foto: Claudia Hautumm @ pixelio)

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3 thoughts on “Ärztegesellschaften sind Zünfte: Wem der Zulassungsstopp nützt

  1. supr! weiterso! werde das watchblag der liberal düdelnden… bald schreibst du auch über die NZZ, welche geld vom staat nehmen um ihre zeitungen zu verschicken… das wird lustig!

  2. Es gibt auch die “sozial düdelnden”, welche sich selbst in das gefütterte Portemonnaie arbeiten. Gut gibt es dazu hier auch Beispiele.

  3. Pingback: Gesundheitspolitik: Weg vom Zwang « Ordnungspolitischer Blog

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