Finn Canonica: Wie man mit sachlicher Kritik umgeht
Editorial frei nach Finn Canonica, ein Chefredaktor (leider kann man das Edito des heutigen Magazins nicht verlinken):
Die erste sachliche Kritik an der weder neuen noch interessanten These von Roger de Weck (“Kapitalismus als Religion”) durch Silvio Borner in der Weltwoche hat viel Zustimmung gefunden. Es wurde aber auch kritisiert. Durch einen Chefredaktor eines Wochenblattes, der ein halbes Editorial dazu verwendet, sachliche Kritik am ersten Pamphlet der ideologieschwangeren Feder als Orthodoxie zu bezeichnen. Während sich Borner noch die Mühe machte, im Detail auf de Weck und seine klaren sachlichen Fehler einzugehen, müsste Cannonica über seinen Schatten springen, wenn er die Fehlschlüsse, Falschbehauptungen und vorgefertigten Versatzstücke seines Autoren als solche erkennen möchte. Aber eben: Wer es wagt, die Gründe der Krise sauber zu benennen, wer es wagt von Kritikern des Kapitalismus minimalen ökonomischen Sachverstand einzufordern, gehört ins Feindeslager, so der Kern dieser Logik. Sie ist ein Paradebeispiel für das Erstarren des Denkens von Cannonica, de Weck und Konsorten in der Orthodoxie, dass nur die sichtbare staatliche Hand Gutes tun kann. Ich vermute, dass es einen Teil 2 der sachlichen Kritik an den Pamphleten von de Weck in der Weltwoche nicht geben wird. Dafür ist sich Borner wohl zu schade. Genauso schade wäre es für die toten Bäume, die dazu bedruckt werden müssten – sie leiden schon genug an fünf ellenlangen Versuchen (“Essays”) zu rechtfertigen, was nun richtig, gut und schön zu sein hat.





Benjamin B.:
Danke. Es beruhigt mich ungeheuerlich, dass noch andere dieses Editorial mit ebenso grossem Missfallen, ja gar Abstoss, gelesen haben wie ich.
11 Juli 2009, 9:43 pm/sms ;-):
ja. es braucht kraft, immer und immer wieder “die schachliche kritik” inhaltlich zu wiederholen… bloss… welche wiederholung machst du hier? soweit ich sehe, benennst du insbesondere: “…dass nur die sichtbare staatliche Hand Gutes tun kann.”
so weit ich sehe, macht dies de weck (im zweiten text) aber nicht. nach meinen ersten kommentaren zum ersten text (dort wo du reagiert hast: http://blog.rebell.tv/p12018.html), finde ich den zweiten text interessanter. etwas wie er dem wort “planwirtschaft” nachgeht, ist klasse. und was mir auch wichtig scheint: es geht der ideologie – nicht nur irgendeiner, sondern prinzipiell! – an den kragen. übrigens: in der aufzählung von acht schwächen, wird die macht der politik genauso kritisiert (punkt 5). wenn sein zwischenergebnis 2 lautet: “Im real existierenden Kapitalismus bleibt der Staat so wichtig wie der Markt; ist die gemischte Wirtschaft bewusst zu gestalten; ist der Markt als Macht zu begreifen; ist Gegenmacht aufzubauen, damit die nichtökonomischen Werte bestehen bleiben.” dann nickt es in mir eifrig. immerhin auch, weil der staat (in seiner variante 1.0 ;-) nicht als das allheilmittel dargestellt wird. sondern: “Die Marktwirtschaft bringt immer mehr Konzerne hervor, die so gross sind, dass sie nie untergehen dürfen und deswegen Staatsgarantie geniessen: «too big to fail», sagen die Angelsachsen. Die Globalisierung verstärkt den Trend. Ausgerechnet der Markt erzeugt noch mehr Staat.”
ich bleibe stur: wenn es zu einem “staat 2.0″ kommt, dann sollten wir “erinnern – gedenken – erneuern”. und dann zählten wir auf: die liberlen staatsgründer wollten damals für die schweiz (als ein update auf usa 1.0):
- rechtstaatlichkeit (das starke recht vor die rechte des stärkeren)
- demokratie (macht auf zeit, herrschaft der beherrschten)
- förderalismus (von unten nach oben, subsidiarität)
- sozialstaat (nicht sozialarbeiterstaat, sondern bildung!)
das war vor 200 jahren. und wo wir angekommen sind… wow… das ist wahrlich eine riesen enttäuschung!
12 Juli 2009, 7:55 am