Jetzt muss es mal gesagt sein. An der krise der Zeitungen sind die Zeitungen auch selber Schuld.

Vor mir liegen: das aktuelle NZZ-Folio zum Thema Zeitung und das Magazin aus dem Hause TA. Wieder einmal tue ich mir den Daniel Binswanger an, weil Titel und erste Sätze suggerieren, es gehe ihm dieses Mal nicht wie jedes Mal um seine persönliche Sicht der Wirtschaftskrise, sondern um eine eigenständige, mich zum Nachdenken anregende Sicht der tessiner Politik – ja die würde mich interessieren, weil mich der Zusammenhalt dieses Landes interessiert. Rasch wird klar, dass meine Hoffnung enttäuscht wird, denn auch dieses Mal lässt Binswanger die Gelegenheit nicht aus, seine altbekannte und durchgekaute Haltung zu Wirtschaft und Politik auf “tote Bäume” zu drucken. Der Artikel kippt mit dem Satz, dass nun auch der italienische Finanzminister “sein Geld zurück” wolle. “Sein Geld”? Tremonti will an das Geld, das andere verdient haben.

Für Binswanger ist die staatliche Habgier nicht der kritischen Betrachtung würdig. Sein Journalismus ist trendig und pseudo-kritisch. Schon Tocqueville (um nur einen mir wichtigen Autoren zu nennen) hat vor 170 Jahren festgehalten, dass die Demokratie zu einer schleichenden Tyrannei der Mehrheit führen kann – und zu einem Machtapparat Staat, der seine Bürger schrittweise enteignet, bremst, knechtet und zu voraufklärerische Abhängigkeit und Unfreiheit erniedrigt. Binswanger ist kein kritischer Journalist, kein aufklärerischer Kommentator der Zeit, sondern nur mantrahafter Vorausahner oder Nachvollzieher von mächtigen Entwicklungen, die wirklich kritische Geister eigentlich enttarnen, benennen und durchleuchten würden. Konkret ist für ihn klar: Die Schweiz steht am Abgrund, weil sie sich zu wenig diesem Trend der Mächtigen anpasst, einen zu schwachen Staat hat, zu viel individuelle Freiheit für alle bietet, weil sie Steuerhinterziehung als weniger schlimm als Steuerbetrug erachtet, weil sie erfolgreiche Banken hat und sowieso weil sie nicht Mitglied der EU ist und dafür ein Bankkundengeheimnis hat und daran festhält, weil den Staat meine individuellen Vermögensverhältnisse nichts angehen.

Binswangers Leistung ist es gemäss TA-Online, “dass linke Haltung sich mit Stilwillen verträgt und auch einer im guten Anzug die Hummlers dieser Welt kritisieren kann”. Zu mehr reicht es nicht. Wie gut tut mir da die Aussage Peter von Matts im NZZ-Folio (Link), die Zeitung müsse ein Sparringpartner sein.

Das Schrecklichste ist für mich eine Zeitung, bei der ich zum vornherein weiss, was mich erwartet. Wenn ich sowieso schon weiss, was ein Journalist schreibt, muss ich das gar nicht mehr lesen. […] Mich nervt einfach die Vorhersehbarkeit, und die hat zugenommen.

Dem ist – in Sachen Binswanger – nichts hinzuzufügen. Schade nur um die “toten Bäume”, die jeden Samstag daran glauben müssen.

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2 thoughts on “Binswanger langweilt

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