Rentner geniessen das Leben in der Schweiz.

Die grossen börsenkotierten Firmen sind ein Selbstbedienungsladen. Die Manager, CEOs und Verwaltungsräte schanzen sich gegenseitig Löhne und Boni in Millionenhöhe zu. Sie nehmen, was es zu holen gibt, bedienen sich aus den vollen Kassen, garnieren ab. In der Diskussion um die Abzocker-Initiative
gehen die Emotionen – zumindest teilweise – sehr hoch. Die Sachlichkeit bleibt dafür etwas auf der Strecke.

In einem offenen System, einem freien Markt, wie wir ihn in der Schweiz – wenn auch mit Einschränkungen – haben, ist der Lohn immer noch Verhandlungssache. Angestellter und Unternehmen debattieren, verhandeln und
einigen sich schliesslich, wie viel der Angestellte bekommt. Je nach Stelle geschieht dies mitunter aufgrund vordefinierter Schemen, beispielsweise beim Staat oder partnerschaftlich festgelegten Gesamtarbeitsverträgen.
Entscheidend ist aber, dass sich beide, sowohl Unternehmen wie Angestellter, einigen – und dies auf einer freiwilligen Basis. Weder die Firma wird gezwungen, genau diese Person anzustellen, noch wird der Angestellte gezwungen, genau diese Stelle anzutreten.
Dies ist aus meiner Sicht der entscheidende Punkt in der ganzen Debatte: Der Lohn ist das Ergebnis einer Einigung von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die sie beide frei von Zwang treffen. Und weil dies frei von Zwang geschieht, geht es im Grunde niemanden etwas an. Genauso wenig wie es meinen Nachbarn zu interessieren hat, ob ich meinem Gärtner 100 oder 200 Franken pro Stunde für die Gartenarbeit bezahle. Ich
darf ihm auch 300 Franken pro Stunde geben. Es spielt auch keine Rolle, wie viel andere Gärtner verlangen. Wenn ich der Meinung bin, mein Gärtner ist mir die 300 Franken wert, darf, kann und soll ich ihm diese bezahlen. Denn es ist mein Geld. Und dieses kann ich glücklicherweise geben, wem ich will. Nicht anders ist die Situation bei den grossen Firmen und globalen Konzernen. Egal ob Nachtportier, Arbeiter am Band oder Chef: Jede dieser Personen handelt mit dem Unternehmen seinen Lohn aus. Und das Unternehmen
überlegt sich, ob die Arbeit dieser Person im Minimum soviel bringt, wie sie kostet. Ist dies der Fall, wird die Person angestellt – ansonsten nicht. Hier zeigt sich eine Schwäche am heutigen System. Wenn ich den Gärtner anstelle und ihm einen «überrissenen» Lohn bezahle, ist es mein Geld, darum
geht es auch niemanden etwas an. Nicht so bei zahlreichen der grossen und globalen Firmen. Sie gehören zwar den Aktionären. Doch treten diese nicht einheitlich auf, haben kein Gesicht. Wer sind die Aktionäre?

Die meisten grossen Firmen sind im Streubesitz, ihre Aktien gehören institutionellen Anlegern. Institutionelle sind in erster Linie ausländische Beteiligungsgesellschaften, Hedge-Funds oder Staatsfonds. Der Anteil der Pensionskassen am Schweizer Aktienmarkt beträgt rund 6,5 Prozent. Im Schnitt
haben die Pensionskassen Anteile zwischen fünf und zehn Prozent an den einzelnen Firmen im Schweizer Streubesitz.
Doch was sind nun «überrissene Abzockerlöhne»? Wenn ich mit meinem Geld «überrissene» Löhne bezahle, ist dies meine Entscheidung, da mein Geld. Wenn aber Firmen «überrissene» Managersaläre bezahlen, ist es eben oft nicht das Geld derjenigen, die auf Firmenseite solche Löhne aushandeln. Die Entscheidungsträger mögen zwar auch Aktien der jeweiligen Firma besitzen – aber nur zu einem verschwindend kleinen Anteil. Wenn sich dann die bedeutenden Aktionäre – also die Institutionellen – nicht einmischen und somit solche Saläre stillschweigend akzeptieren, ist dies zwar auch deren Sache und absolut legitim. Denn führen «überzahlte» Manager die Firma zu neuen Erfolgen, können Millionen an Boni verglichen mit Milliarden an Erträgen gerne in Kauf genommen werden. Und selbst wenn Institutionelle Millionen Boni für Milliarden Verluste bezahlen (wollen), ist dies doch deren Sache – und geht uns im Grunde nichts an. Wenn mich ein zu hoher Lohn stört, steht es mir frei, keine Dienstleistungen oder Produkte von der betreffenden Firma zu kaufen. Ich muss mit der betreffenden Unternehmung nichts zu tun haben, kann meine Aktienanteile verkaufen.

Schwieriger wird das Ganze allerdings bei unseren Schweizer Pensionskassen. Denn diese kann ich nicht frei wählen. Und so kann es geschehen, dass ich als Versicherter zwangsweise – via Pensionskasse – Aktionär einer Firma werde, deren Salärzahlungen oder Geschäftsmodell ich nicht unterstützen
möchte. Zum Beispiel bei einem Unternehmen, das den CEO mit einem mehrstellgigen
Millionenbetrag vergütet. Oder das dem neuen Verwaltungsrat eine Antrittsprämie bezahlt.
Möglich wäre aber auch, dass die Pensionskasse Aktien einer Firma kauft, die Waffen produziert. Oder Handel mit Ländern treibt, deren Regierung ich nicht unterstützen will. Vielleicht werde ich via Pensionskasse auch Teilhaber einer Rohstoffmine im Regenwald. Will ich das? Es spielt keine Rolle, wie die Antwort auf diese oder auch viele andere Fragen lautet – entscheidend ist doch, dass ich selber bestimmen kann, was mit meinem Geld, meiner Pension, geschieht. In der dritten Säule besteht diese Möglichkeit bereits heute. Banken und Versicherungen bieten verschiedene Modelle an, zwischen denen jeder das
Optimale für sich auswählen kann. Die Entscheidung, wie, wo und bei wem das Spargeld für meine Zukunft angelegt wird, sollte doch nicht mein Arbeitgeber treffen, sondern ich. Ich will doch mein Geld derjenigen Pensionskasse geben können, die meine Interessen und meine Wünsche am ehesten berücksichtigt. Die dort mein Geld anlegt, wo ich es auch anlegen würde.

Die Schweiz braucht keine «Abzocker-Initiative», sondern eine freie Wahl der Pensionskasse. Dann können einem nämlich die «Abzocker-Saläre» egal sein, weil man in keiner Weise etwas mit Unternehmen zu tun haben muss, deren Salärzahlungen man ablehnt.

Veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 16. Januar 2013, Foto Joujou / pixelio.de

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One thought on “Die Schweiz braucht keine Abzocker-Initiative, sondern die freie Wahl der Pensionskasse

  1. Die freie Wahl der Pensionskasse ist eine sehr gute Idee, die baldmöglichst umgesetzt werden sollte. Trotzdem hilft mir das beim Thema “modernes Raubrittertum” nicht weiter. Wie sollen Eltern ihren Kindern beibringen, was ein anständiger Mensch ist, wenn die Manager zwar riesige Löhne beziehen, aber keine! Verantwortung tragen müssen, wenn etwas nicht gelingt ( z.B. UBS). Anstatt grosse Gehälter zu beziehen, könnten sich die Manager auch überlegen, wie sie die normalen Angestellten in schwierigen Zeiten schützen könnten. Vielleicht würde dann wieder mehr in eine Firma investiert, statt den Aufwand mit Löhnen zu vergrössern.

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