Schweizer Fahne im Wind
Der ehemalige NZZ-Redaktor Christoph Plate benutzt seine Rückkehr nach Deutschland für eine Abrechnung. Er beschwert sich in der «NZZ am Sonntag» über die «Behaglichkeit» in der Schweiz und vermisst eine «Debatten-Kultur», und «Selbstironie» wie es sie in Deutschland gebe. Dort dürfe er diskutieren, ohne als «Störenfried» zu gelten. Selbstverständlich geht es nicht ohne Verweis auf den «Brandstifter» Christoph Blocher, gegen den niemand aufstehe. Die kritischen Geister unseres Landes seien alle im Exil. Hier­zulande regiere der «Bünzli».

Was der Mann aus dem Norden Deutschlands hierzulande offensichtlich vermisst, ist eine Elite von «kritischen Geistern», die dem dummen Volk erklärt, was es zu denken hat. Eine Elite aus «Künstlern», «Denkern» und «Politikern», welche sich mit der Moralkeule der politischen Korrektheit auf jedes unbequeme Thema stürzt und es niederknüppelt.

Plate übersieht, was dieses Land gerade im Gegensatz zu Deutschland ausmacht: nicht die Debatte von oben, sondern die Politik von unten. Er hat in seinen zehn Jahren in der Schweiz rund 40 eidgenössische Abstimmungssonntage erlebt. Jede Volksabstimmung bringt mehr Debatte und Streit als der eben zu Ende gegangene Wahlkampf in seinem Heimatland. Während die epischen Debatten in deutschen Eliten früher oder später wirkungslos verebben, trifft hier am Schluss der Stimmbürger eine Entscheidung. Und die hat meistens eine konkrete Wirkung. Doch genau daran scheint einer wie Plate zu leiden. Er sieht sich selber vermutlich als Teil der Elite. Und für die Elite ist es natürlich mühsam, sich viermal im Jahr mit einem Volk herumschlagen zu müssen.

Dafür gibt es in der Schweiz weniger Politikverdrossenheit (und die Debatte darüber). Jeder, der etwas ändern will, hat politische Rechte, dies zu tun. Nur muss er sich einem demokratischen Diskurs stellen und eine Mehrheit davon überzeugen. Plate ging in Deutschland ausgerechnet nach Ravensburg. Ich befürchte, bei den Schwaben regiert der «Bünzli» noch mehr als in Zürich oder Basel. Eigentlich gut so. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 09.10.13, Foto: Andrea Damm / pixelio.de)

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