Modell eines Herzens
In der Bundesverwaltung gibt es eine tief verankerte Abneigung, den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Nämlich als Lebewesen, das Vorteile sucht und Nachteile meidet. Statt mit Anreizen arbeitet man lieber mit (wirkungsvollen, aber die Freiheit beschränkenden) Verboten und (wirkungslosen) Kampagnen, um ein erwünschtes Verhalten zu erzielen. Jüngstes Beispiel ist der «Aktionsplan» für mehr Spenderorgane.

In der Schweiz sind zu wenig Leute im Todesfall bereit, ein Organ zu spenden. Und es gibt zu viele, die dringend ein Organ benötigen. 2013 gab es in der Schweiz ganze 110 Organspenden. Auf der Warteliste stehen aber mehr als zehnmal so viele Patienten, die ein Organ benötigen: 1274 (Ende 2013), fast zehn Prozent mehr als Ende 2012. Nur um die bestehende Liste abzubauen, bräuchte es elf Jahre.

Kommunikationskurs für Ärzte
Trotz millionenschweren Kampagnen tragen immer noch die wenigsten Leute einen Spenderausweis auf sich. Sie übertragen damit den Entscheid über eine Spende ihren Angehörigen. Und die lehnen eine Spende immer häufiger ab. Genau da wollen der Bund und die Kantone nun ansetzen. Wenn nicht mehr Leute einen Spenderausweis tragen, muss man auf die Angehörigen los. Der «Aktionsplan» zielt erstens auf das Spital­personal. Wenn im Spital die Angehörigen im richtigen Moment einer Spende zustimmen, kommen die Ärzte zu den Organen, obwohl kein Spenderausweis vorhanden ist. Darum gehört ein obligatorischer «Kommunikationskurs für das Mitteilen von schlechten Nachrichten» dazu, in dem es offensichtlich darum geht, die Angehörigen von einer Spende zu überzeugen. Zweitens ist – nicht überraschend – wieder eine «Bevölkerungskampagne» vorgesehen. Dazu baut man Strukturen auf: eine «Generaldirektion», ein Steuerungsgremium, ein Fachgremium und «Care Teams» (für die Ärzte, nicht für die Trauernden!).

Wie in der Vergangenheit dürfte das Millionen kosten. Anreize kosten nichts, ausser es handelt sich um plumpe Subventionen. Organspende wäre ein klassischer Fall, wie mit Anreizen erwünschtes Verhalten erzielt werden könnte. Wer von seiner Bereitschaft zur Organspende einen konkreten Vorteil hat, wird sich die Frage zu Lebzeiten sehr genau überlegen. Bei der ersten Erarbeitung des Transplantationsgesetzes vor über zehn Jahren wurde das in der Gesundheitskommission des Nationalrates auch diskutiert und schliesslich nur abgelehnt, weil man sich mit Kampagnen eine weite Verbreitung von Spenderausweisen erhoffte. Das klappte nicht. Jetzt wurden Anreize weder für den Aktionsplan noch bei der ersten Revision des Gesetzes diskutiert.

Entscheide haben Konsequenzen
Dabei muss es nicht um finanzielle Anreize gehen: Wenn ein Patient vor seinem eigenen Bedarf für ein Organ selber Spender war, könnte er auf der Warteliste bevorzugt behandelt werden. Wer sich gegen eine Spende entscheidet, hätte einen Nachteil bei der Zuteilung, wenn er später selber ein Organ bräuchte. Entscheidungen sind frei, aber sie haben Konsequenzen. Das bringen wir doch schon unseren Kindern bei.

Wetten, dass mit so einem Anreiz innert wenigen Monaten die Zahl der Spenderausweise sprunghaft ansteigen würde? Wer unterschreibt nicht gern einen Spenderausweis, wenn er dafür im Bedarfsfall einen echten Vorteil hat? In der Folge gäbe es rasch mehr Spenderorgane für die überlange Warteliste und gleichzeitig weniger Angehörige, die in einem schweren Moment der Trauer auch noch unter ärztlichem Druck einen enorm schwierigen Entscheid zu fällen hätten. Und auf die Kommunikationskurse und Care Teams für Ärzte und die teuren Strukturen könnte man auch noch verzichten. (veröffentlciht in der Basler Zeitung vom 22.02.14, Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)

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