Frauendemo 2012

In der offiziellen Statistik fehlen lohnrelevante Daten

Frauen verdienen fast 20 Prozent weniger als Männer. So vermeldete es am Montag das Bundesamt für Statistik (BfS). Nur die Hälfte dieses Unterschieds sei statistisch erklärbar. Für das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau ist klar: Die restlichen neun Prozent sind eine Diskriminierung. Frauen erhalten für die genau gleiche Arbeit weniger Lohn.

Das würde dem Gesetz widersprechen, denn seit 1981 steht in der Bundesverfassung, dass Frauen und Männer für gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten sollen. Und das Gleichstellungsgesetz von 1996 verbietet jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Verstossen die Arbeitgeber dauernd gegen geltendes Gesetz?

Dieser Eindruck wurde am Montag erweckt und von den Medien verbreitet. Am Dienstag legten beispielsweise die FDP-Frauen nach: Sie sprachen von einer «bitteren Pille». Die freiwilligen Massnahmen hätten nichts gefruchtet. Die NZZ schrieb am Mittwoch, die Lohnstrukturerhebung sei «Rückenwind für Forderung nach Lohnpolizei». Im Nationalrat ist eine parlamentarische Initiative aus der CVP hängig, die eine Lohngleichheitskommission mit Durchsetzungskompetenzen fordert.

Methodisch fragwürdig
Wie aber kommt die Feststellung der Lohndiskriminierung zustande? Die Aussage stützt sich einerseits auf Onlinebefragungen zu Löhnen, die methodisch fragwürdig sind, weil sie nicht auf einer zufällig ausgewählten Stichprobe und auf einer geringen Fallzahl beruhen. Das Bundesamt für Statistik geht andererseits viel umfassender vor. Es befragt alle zwei Jahre rund 33 000 Unternehmen und umfasst damit 1,2 Millionen Arbeitnehmer. Damit enthält es einen auch bei spezialisierten Berufen repräsentativen Überblick über die Lohnsituation. Von jedem Arbeitsverhältnis werden Alter, Geschlecht, Aufenthaltskategorie, Zivilstand, Ausbildung, Hochschultitel (sofern vorhanden) und Eintritt in das Unternehmen erhoben. Und mit diesen Kennzahlen kann die Hälfte des Lohnunterschieds erklärt werden. Doch das BfS sagt auf Anfrage der BaZ auch, dass nicht alles, was nicht erklärbar sei, auch diskriminierend sein müsse. Konsequenterweise schreibt das Bundesamt weder in der Medienmitteilung noch in den Zusatzinformationen etwas von Diskriminierung. Was man nicht sicher weiss, kann man nicht behaupten.

Fehlende Faktoren
Das hat seinen Grund: Keine Aussage macht die Lohnstrukturerhebung des BfS über Weiterbildung, Berufs- oder Führungserfahrung, Sprachkenntnisse, den genauen Standort des Arbeitsplatzes und den Anstellungsgrad in der Berufskarriere. Das sind jedoch zweifellos alles Eigenschaften, die den Lohn um mehr als zehn Prozent nach oben oder unten beeinflussen können. Wenn diese Faktoren aber nicht gemessen werden, können sie zur Erklärung des Lohnunterschieds nicht beigezogen werden. Die Folge ist ein unerklärbarer Lohnunterschied, der aber nicht zwingend etwas mit Diskriminierung zu tun haben muss. In der Datenbasis landet im Extremfall ein Mann, Bankfilialleiter in Basel mit 20 Jahren Berufserfahrung und Führungsverantwortung für zehn Leute, im gleichen Topf wie eine Filialleiterin aus Zwingen, die nach zehn Jahren Babypause wieder eingestiegen ist und zwei Mitarbeiter hat. Dass bei einem solchen Vergleich ein Lohnunterschied besteht, überrascht kaum. Dass es oft Frauen sind, die weniger Erfahrung, Weiterbildung und andere lohnrelevante Faktoren aufweisen, ist ebenfalls nicht überraschend, aber nicht automatisch eine Diskriminierung.

FDP-Nationalrat Ruedi Noser (ZH) sieht sich bestätigt: «Lohndiskriminierung ist eine statistische Erfindung.» Die Baselbieter SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer widerspricht. Die Lohnstrukturerhebung sei enorm breit und darum auch präzis und auch juristisch anerkannt. Leutenegger gibt aber auch zu, dass Frauen selber mehr tun müssten: «Frauen geben sich mit zu wenig zufrieden.» Das Eidgenössische Gleichstellungsbüro ging auf die Anfrage der BaZ nicht ein und verwies darauf, die Methode sei «robust» und «international anerkannt». (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 03.05.14, Foto: SGB /USS auf Flickr, CC-Lizenz, unverändert)

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