Bundeshaus mit sommerlichem Springbrunnen
Bären machen einen Winterschlaf. Bern ist trotz dem Bären im Wappen anders. Es macht im ­Sommer Pause. Ab sofort ist Bern für vier Wochen im Sommerschlaf. Wenn die letzte Bundesrats­sitzung vorbei ist, geht der Bundesrat auf sein «Reisli». Üblicherweise in die Heimat des Bundespräsidenten. Das Reisli sei besonders wichtig für die Teambildung in der Regierung, sagte alt Bundesrat Adolf Ogi letzte Woche. Vermutlich dachte das auch Bundesrat Alain Berset, als er mit seinem Handy auf der Reise in den Kanton Neuenburg ein Selfie, ein Gruppenföteli des Gesamt­bundesrates, schoss und auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verbreitete.

Immerhin ist der Bundesrat wahrscheinlich die einzige Regierung, die ausreichend klein ist, um auf einem Selfie Platz zu haben. Kompliment. In Griechenland, Italien und Frankreich hätten sich 17 Köpfe ins Bild lehnen müssen, in Deutschland nur gerade einer weniger. Nach dem «Bundesratsreisli» beginnen die Bundesratsferien.

So klein die Regierung, so gross ist ihre Verwaltung. Die 36 668 Bundesangestellten gehen zu einem grossen Teil genau zur gleichen Zeit in die Ferien wie die Regierung. Jetzt herrscht in Bern Sommerflaute. In den Vorortszügen kann man wieder sitzen. Die Cafés an der Bundesgasse haben um neun Uhr morgens mehr Platz als sonst. Über Mittag fehlen an der «Front», wie die aneinandergereihten Restaurants am Bärenplatz gegenüber dem Bundeshaus heissen, die streng bis langweilig gewandeten Gäste beider Geschlechter, die in ihrer nur Politikern und Verwaltungs­beamten eigentümlichen, aufgesetzten Geschäftigkeit im «Fédéral» am Entrecote säbeln oder im Kalbskopf des «Chez Edy» stochern.

Wenn an normalen Tagen Berns Ausgangs­strassen ab 16 Uhr – früher als in jeder anderen Stadt mit weniger Beamten – ein Gedränge fest­zustellen ist, brausen die wenigen verbliebenen Arbeitstiere des Bundes in diesen Wochen ohne Verzögerung nach Hause. Je höher die Lohnklasse, desto öfters direkt hinter die Kantonsgrenze: ins freiburgische Heitenried etwa oder ins aargauische Zofingen. Mit dem ganz grossen Lohn reicht es für eine Niederlassung am Murtensee.

Auch der Parlamentsbetrieb ruht. Vergangene Woche fanden die letzten Kommissionssitzungen von National- und Ständeräten statt. Da bei diesen der zuständige Bundesrat anwesend sein müsste, würden Sitzungen die Damen und Herren Magistraten in ihren Ferien stören. Darum dasselbe Bild im Parlamentsgebäude: leere Gänge statt hektisches Treiben. Ab und an eine Putzfrau auf der Jagd nach kaum vorhandenem Staub. Das Restaurant in der Galerie des Alpes unter der Wandelhalle des Bundeshauses ist eigenartig leer und bleibt es auch die meiste Zeit.

Erst Mitte August erwacht Bundesbern aus dem Sommerschlaf. Am elften August starten die Kommissionen wieder mit ersten Sitzungen und zwei Tage darauf trifft sich auch der Bundesrat zum ersten Mal wieder.

Wieso haben viele Bundesbeamte drei oder vier Wochen Sommerferien, während normal­sterbliche Steuerzahler zwei oder nur ausnahmsweise drei Wochen der Arbeit fernbleiben? Die Antwort ist einfach. Pro zusätzliche Arbeitsstunde in der Woche gibt es beim Bund in der Regel eine Woche mehr Ferien. Ab 50 kommt eine Woche hinzu und ab 60 eine zweite Woche. Bis in hohe Positionen wird peinlich genau jede Minute Arbeitszeit notiert – und kompensiert. Erst ab fast 200 000 Franken gilt die Vertrauensarbeitszeit. Entsprechend hoch ist der Prozentsatz der «eidgenössisch diplomierten Ferientechniker», die jede Finte zur Optimierung des Feriensaldos kennen. Es ist eine teure Sommerflaute. Auch wenn es wegbleibt, kostet das Bundespersonal 13,7 Millionen Franken pro Tag. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 12.07.14, Foto: Lorenz Ammon / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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2 thoughts on “Sommerschlaf der eidg. dipl. Ferientechniker

  1. Trotz der Flaute – oder gerade deswegen – sparen wir im Moment viel Geld, indem sich niemand schädliche Regulierungen ausdenkt.

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