Moritz Leuenberger, der Schauspieler
Die Szene des an einem Auspuff schnüffelnden Umweltministers Moritz Leuenberger ist legendär. 2003 weibelte der damalige Bundesrat damit für eine Energieeffizienzetikette für Autos. Seit einigen Tagen wissen wir, dass die berühmte Szene blosse Inszenierung war. Leuenberger selber hat das zugegeben, in einem Artikel im Tages-­Anzeiger über das «Korsett des Politikers». Was für eine Überraschung!

In der Abschrift eines Referates schreibt sich der ehemalige Bundesrat fast vier Jahre nach dem Rücktritt seine Seele vom Leib. Politik und Theater seien nahe Verwandte. Für ihn ist der ganze politische Betrieb in Bundesbern blosses Theater, bei dem Politiker, Medien und «Vertreter der Wirtschaft» (jene der Gewerkschaften und der Bundesverwaltung blendet der Sozialdemokrat aus) Rollen übernähmen, die «vor allem von den Erwartungen des Publikums» geprägt würden. Das brächte Amtsinhaber in einen Konflikt, weil sie etwas sein müssten, was sie eigentlich gar nicht sein wollten, nur um den Erwartungen des Publikums zu entsprechen. Die Folge sei ein Freiheitsverlust für Politiker. Aber es kommt noch schlimmer: Der Politiker müsse nicht nur die Wähler repräsentieren, sondern darüber hinaus Vorbild sein. «Der Repräsentant mutiert zum Idol.» Die Wähler sähen sich darin gespiegelt und der Politiker müsse diesem Anspruch gerecht werden. Immer. Wie furchtbar!

Ein Stück Selbstvergewisserung

Der Text ist Protokoll der politischen Verbiegung des Moritz Leuenberger. Er liest sich als eine Mischung aus Betty-Bossi-Rezept und Geständnis: Seht her, liebe Leute, so habe ich es gemacht und so weit habe ich es damit gebracht. Der Text ist ein Stück Selbstvergewisserung, wie es von Burn-out-Patienten spätestens am zweiten Tag ihres Kuraufenthaltes verfasst wird. Nur verzichten jene darauf, ihn zu verbreiten oder zu verallgemeinern. Leuenberger nimmt für sich in Anspruch, dass sein Inhalt für alle Politiker, auch für alle Bundesräte, gelte.

Die Verbiegung nahm spätestens Ende der 80er-Jahre seinen Anfang, als der junge Nationalrat in der Fichenaffäre seine Chance zum grossen Coup erkannte, und aus dem Telefonat einer Bundesrätin an ihren Mann eine Staatsaffäre kreierte. Danach kandidierte er 1991 für den Zürcher Regierungsrat. Im Wahlkampf inszenierte sich Schauspieler Leuenberger mit Positionen, die sich kaum von jenen seiner FDP-Konkurrenz unterschieden, wie die NZZ damals süffisant bemerkte. Und er brach mit der im wahrsten Sinn des Wortes trockenen Wahlkampfsprache im protestantischen Zürich: Auf dem Wahlplakat posierte er mit einer Flasche feinstem Barbaresco «Opera prima» aus dem Piemont.

Alles Inszenierung. Allerdings mit einem tieferen Sinn: der Sitz in der Regierung war tatsächlich nur sein erstes Werk auf dem Weg in den Bundesrat, dem zweiten Werk, «Opera secunda». Im Amt übernehme der Politiker allmählich die Erwartungen des Publikums, «um sich in der Rolle zu gefallen», schreibt Leuenberger. Der Verbogene verbiegt nun auch sein Selbstverständnis, damit das Theaterstück nicht vorzeitig endet. Karl Marx hat das «doppelte Entfremdung» genannt, es aber auf Proletarier und ihre Freude an der Arbeit trotz miesen Arbeitsbedingungen bezogen. Je länger Leuenberger Bundesrat war, desto mehr litt er sichtlich an seiner Schauspielerei. Leuenberger erkennt heute beichtend eine «Spirale der Selbstüberschätzung».

Jahrelang gab es Rücktrittsgerüchte, vermutlich haben genau sie Leuenbergers Amtszeit verlängert. Denn der richtige Schauspieler geht erst, wenn es niemand mehr erwartet. Leuenbergers Theater musste mit der dürrenmattschen «schlimmstmöglichen Wendung» für Leuenberger enden, jener in die Komödie. Das schuldete der sich selbst inszenierende Literat seiner Eitelkeit. Doch sein Leiden wollte und wollte nicht lustig werden. Pure Qual.

Das Tragische an der Figur Moritz Leuenberger ist aber, dass er über all die Jahre geglaubt hat, Journalisten, Parlamentarier und nicht zuletzt das Publikum merkten nicht, dass da einer mehr Bundesrat spielt als Bundesrat ist. Und dass er offensichtlich nie versucht hat zu tun, was andere Bundesräte taten: einfach sich selbst zu sein. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 10.09.14, Foto: Jürg Stuker / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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