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Die Sozialwerke wackeln auch nach einer Annahme der Reform «Altersvorsorge 2020»

«Entschuldigung, dass ich so lange lebe.» Da müssen Sie wohl denken, wenn Sie die Diskussion um die Altersvorsorge 2020 mitverfolgen. Tatsächlich hat die Schweiz nun auch Japan bei der durchschnittlichen Lebenserwartung überholt. Mit 82,7 Jahren wird niemand woanders älter. Spitze sind in der Schweiz auch die Sozialwerke. Das Drei-Säulen-Prinzip gilt als führend. Allerdings hat es in den letzten Jahren nicht nur diverse Risse erhalten, die ersten beiden Säulen sind gar im Begriff einzustürzen. Auf 1000 Milliarden Franken veranschlagt die Grossbank UBS alleine die Finanzierungslücke bei der AHV.

Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-­Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau, beziffert die Nachhaltigkeitslücke auf 173 Prozent des BIP. «Durchschnittlich zahlt ein Beschäftigter rund 10 000 Franken im Jahr in die AHV ein. Gleichzeitig fallen pro AHV-Bezüger jährliche Entnahmen aus dieser Kasse von 24 000 bis 26 000 Franken an», sagte er gestern am UBS-Vorsorge- Forum in Bern. Würden Staaten keine Milchbüchlein-Rechnungen machen, sondern Bilanzen erstellen wie Unternehmen, wäre das Übel schon früher erkannt und die Alterspyramide als Döner-Spiess mit dickem Bauch entlarvt. Jeder Schweizer beziehe jedes Jahr mehr, als er bereit sei einzuzahlen. «Das hat nichts mit einer Generationen-Bilanz zu tun», sagte Raffelhüschen. «Das ist ein Selbstbedienungsladen

Die Jungen sind die Opfer

Entfallen derzeit fast vier Erwerbstätige auf einen Rentner, so werden es im Jahr 2060 noch zwei sein. Erschwerend kommt hinzu, dass ein dreifacher Alterungsprozess zu verkraften ist, wie Veronica Weisser, Vorsorgeexpertin bei der UBS, sagt. Dieser sei erstens eine Folge des Baby-Booms der 1940er- bis 1960er-Jahre. Hinzu komme ein Einbruch der Geburtenrate zu Beginn der 1970er-Jahre und ein höheres Durchschnittsalter als Folge der steigenden Lebenserwartung. Auf der Basis der heutigen Gesetzgebung würden alle Generationen mehr von der AHV bekommen als einzahlen. Die von Bundesrat Alain Berset angestossene Reform löse das Problem zwar nicht, da die Finanzierungslücke lediglich auf 82 Prozent reduziert werde. Sie sei aber ein Schritt in die richtige Richtung. Während die Vereinfachung der Finanzflüsse zwischen Bund und AHV und die Sonderregelung für einen Vorbezug mehr kosten als sie einbringen, wird die geplante Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes um 1,5 Prozent einschenken. Sie macht knapp drei Viertel der positiven Gesamtwirkung aus. Würde der Satz um weitere 0,5 Prozent erhöht, läge der Nutzen bei fast 100 Prozent.

Weniger positiv an der Reform ist gemäss UBS, dass die Sanierung fast nur die jungen und künftigen Generationen belasten wird. Weisser spricht von einer deutlichen Ungleichverteilung der Lasten. Neugeborene bis 15-Jährige hätten – gemessen an ihrer verbleibenden Lebensdauer – rund 35 000 Franken beizusteuern, 50-Jährige weniger als 15 000 Franken. Um mehr Generationengerechtigkeit zu schaffen, sind für die UBS pauschale Rentenkürzungen kein Tabu. «Legt man das Jahr 2020 als Zeitpunkt des Inkrafttretens fest, so müssten die AHV-Renten pauschal um 22,6 Prozent gekürzt werden, um die Finanzierungslücke der AHV zu schliessen. 11,9 Prozent wären erforderlich, um die AHV-Finanzierungslücke auf 82 Prozent zu bringen.

Denkbar ist für die UBS auch eine temporäre Aussetzung der Rentenanpassung an die Lohn- und Preisentwicklung bis 2033. Letztlich könnten die AHV-Renten aber auch vom Mischindex aus Lohn- und Preisentwicklung entkoppelt und ausschliesslich der Preisentwicklung angepasst werden. Bis 2078 wäre dann die Finanzierungslücke geschlossen. Möglich wäre es gemäss UBS aber auch, den AHV-Beitragssatz ab 2020 von 8,4 auf 11,7 Prozent zu erhöhen.

Keine Entwarnung gibt die UBS auch bei der 2. Säule. Die derzeitigen Rentenversprechen könnten mit den angesparten Guthaben nicht mehr finanziert werden, heisst es. Der faire Umwandlungssatz liege deshalb langfristig deutlich unter den sechs Prozent, die die Reform vorsehe. Auch eine Anhebung des Rentenalters müsse als Option angesehen werden. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 20.01.15, Foto: txmx 2 / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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