Schweizer Fahne Swiss Flag Martin Abegglen / flickr.com
Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft sucht Ersatz für den Schweizerpsalm

Die Schweiz und ihre Landeshymne, das ist eine langwierige Geschichte. Diese sagt vor allem viel darüber aus, was wir nicht sind: keine Monarchie, kein Zentralstaat, kein Staat von oben. Der heute gesungene «Schweizer­psalm» brauchte vom ersten ­Vorschlag bis zum offiziellen Beschluss des Bundesrates ganze 87 Jahre. Ein einziges Lied für vier Sprachen und mindestens 26 kulturelle Räume, das kann nur scheitern.

Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft SGG wagt trotzdem einen Anlauf und setzt eine halbe Million Franken ein, um uns von einer «zeitgemässen» Hymne zu überzeugen. Umgekehrt würde sie bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors die Verwertungseinnahmen kassieren, was am Ende ein gutes «Return on investment» bedeuten könnte.

«One handy, one vote»
Im 21. Jahrhundert meint die SGG, das gehe nur noch über eine Art Casting-Show mit Online-Voting. Beim Abstimmen auf www.chymne.ch muss man jedoch eine Handynummer angeben. Die Folge: Wer kein Handy hat, darf nicht abstimmen, wer zwei oder drei hat, darf zwei oder drei Mal. Bei ihrer Gründung setzte sich die SGG dafür ein, dass alle (Männer) das gleiche Stimmrecht erhalten. Aus «one man – one vote» ist jetzt «one handy – one vote» geworden – schöne neue Casting-Welt. Wir amüsieren uns zumindest politisch zu Tode.

Gestern wurden nun sechs von insgesamt 208 Vorschlägen präsentiert. Wenn es nicht dreimal schneller geht als die 87 Jahre, welche der Schweizerpsalm bis zur Bestätigung benötigte, ist der SGG-Vorschlag veraltet, bevor er beschlossen ist. Gemäss Lukas Niederberger, Geschäftsleiter der SGG, soll der Casting-Sieger nämlich nur rund dreissig Jahre halten. Falls einer dieser Vorschläge durchkommt, ist das eine gute Nachricht.

Die Texte sollen sich an der Präambel in der Bundesverfassung orientieren. Das war die Vorgabe. Die Autoren bleiben geheim. Bei einer Eingabe hatten vermutlich die Jusos die Hände im Spiel:

Land, an Freiheit überreich,
Land, das will, dass alle gleich,
Friedenswiege du für die ganze Welt.
Lasst uns heute nehmen an den Händen
und sie reichen auch den Fremden.

Wo lebt dieser Autor? Ist ein Land «an Freiheit überreich», wenn dessen Bewohner mehr als die Hälfte ihres Einkommens dem Staat abliefern müssen? Wo genau in der Präambel der Bundesverfassung steht, dass wir wollen, dass «alle gleich»? (Nirgends.) Und wie gebe ich dem Fremden – rein physisch – die Hand, wenn meine zwei schon mit Schweizern am Schütteln sind? Schöner hätte die Jury ihre ideologische Schlagseite nicht unter Beweis stellen können. Immerhin klingt das mit dem Steuernzahlen in einer französischen Übersetzung (wo denn sonst) an:

engageons-nous avec ardeur
pour que chacun ait part au bonheur.

Wobei sich «chacun» vermutlich vor allem auf die fast 200 000 Staatsbeamten bezieht, die das «bonheur» haben, von den Steuergeldern der anderen zu leben. Die Zeilen besingen das sozialistische Paradies: Man braucht nicht mehr «seines eigenen Glückes Schmied» zu sein, sondern wird durch den Einsatz (die Zwangsabgaben) der anderen beglückt.

Überhaupt herrscht «Friede, Freude, Eierkuchen» allüberall. Kein einziger Vorschlag beinhaltet, was unser Staat eigentlich tut: Er übt Gewalt aus. Seine Gesetze sind Mehrheitsmeinungen mit Pistole. Das Entscheidende unseres politischen Systems ist deshalb, dass diese Gewalt wesentlich von der Bevölkerung ausgeübt, gebrochen und möglichst begrenzt wird – sonst ist es aus mit der Freiheit und all den anderen hymnisch besungenen Dingen. Ok, das hat man auch in der Präambel der neuen Bundesverfassung vergessen so aufzuschreiben.

Die NGO-Strophe
Mit den sechs Vorschlägen ist definitiv kein neuer Goethe vom Himmel gefallen. Sie könnten auch aus einem Heft für schmachtende Teenies stammen:

Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit
machen unsre Herzen hilfsbereit.

Oder ist das die Dritte-Welt-Strophe der Schweizer Hilfswerke? Gut möglich. Auch Schweiz Tourismus stand einem Beitrag Pate:

In den Bergeshöhen,
Städten und an Seen
lieben wir all den Reiz
der schönen Schweiz.

Ziel der Übung sei, die Werte der Schweiz in der Hymne zum Ausdruck zu bringen, sagte SGG-Präsident Jean-Daniel Gerber gestern. In einigen Beiträgen wird denn auch tatsächlich von den «Werten» gesungen, jedoch ohne dass man sie genau benennt. Das gibt weniger Angriffsfläche:

Was die Schweiz an Werten bisher fand,
stets in Harmonie vereint entstand

Dieser Autor hatte wohl einen Fensterplatz im Geschichtsunterricht. Die jüngere Schweizer Historie ist nichts als innerer Zwist und Bürgerkrieg, der in der Regel erst durch einen gemeinsamen äusseren Feind geschlichtet wurde. Ganz oberflächlich wird die Sache, wenn einfach die Landesfahne besungen wird:

Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund

und politisch korrekt geht es dann weiter:

Offen für die Welt, in der wir leben,
woll’n wir nach Gerechtigkeit streben.

Nur zur Vollständigkeit: auch «Gerechtigkeit» kommt in der Präambel nirgends vor.

Kein «Morgenrot» in Sicht
Das Problem für den biederen Bürger: Wem all dies zu blöd ist, kann sich im Online-Voting nicht entsprechend ausdrücken. Die bestehende Landeshymne steht nämlich nicht zur Auswahl. Davor hatte die Jury offensichtlich Angst. Denn «Trittst im Morgenrot daher» war vermutlich nie so populär wie heute. Doch die SGG verhöhnt sie als realitätsfremd, «sperrig», oder «eine Art Wetterbericht».

Warum ist das schade? Gerade wegen ihres Alters erinnert «Trittst im Morgenrot daher» an die gewaltsame Entstehung des heutigen Bundesstaates. Zur Erinnerung: Da gab es einen Krieg mit Siegern und Besiegten. Die Bundesverfassung von 1848 überlebte die Volksabstimmung nur mit dem Trick, dass Stimmenthaltungen als Ja gezählt wurden. Die Besiegten mussten jahrelang Repara­tionszahlungen leisten. Viel mehr als der religiöse Überbau hielt dieses Land während Jahren nicht zusammen.

Doch was macht denn die «Willensnation Schweiz» eigentlich aus? 1848 wie heute die persönliche Freiheit, die für ihre Einwohner geringer wäre, wenn sie damals bei einer der benachbarten Monarchien oder heute bei der EU dabei wären. Ab der neuen Verfassung von 1874 verband auch die neu geschaffene politische Mitbestimmung mittels Referenden und Initiativen die einstigen Feinde. Doch all das hat in den Hymnen der SGG keinen Platz. Im Gegenteil: Sie lässt den Sieger des Votings genau am 12. September küren, dem Datum, an dem 1848 die Bundesverfassung der Sieger den Besiegten aufgedrückt wurde. Alles längst vergessen? Mitnichten: Die Zentralschweizer CVP-Sektionen – die heutigen Vertreter der damaligen Besiegten – haben bereits gefordert, die Übung abzubrechen.

Was bleibt? Vermutlich bloss die Idee von Jury-Mitglied und Generalsekretär des Fussballverbandes, Alex Miescher: Es brauche für Spiele der Fussball-Nati eine erste Strophe mit einem Text mit allen vier Landessprachen, damit alle Spieler miteinander den gleichen Text singen könnten. Die Jungs singen die Hymne nämlich kaum, weil das parallel in mehreren Sprachen auch geübten Sängern schwerfällt.

Das wäre auch mit dem Schweizerpsalm möglich. Ohne Casting und Voting. Darum «betet, freie Schweizer, betet!» (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 31.03.15, Foto: Martin Abegglen / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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One thought on “Das Kreuz mit der Hymne

  1. einfacher wäre es, die Hymne des Kantons Waadt zu adaptieren. Da ist alles drin, angelehnt an die Marseillaise.
    Kommt zackig und selbstbewusst daher. Man kann sie auf You tube anhören.

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