Ems-Chemie, Graubünen, Wisi Greter at Flickr.com
Es gibt keine andere politische Figur in der Nachkriegsschweiz wie Christoph Blocher. Wo sein Name fällt, steigt der Blutdruck – sowohl bei Freund wie bei Feind. Das ist nicht erst seit gestern so, sondern seit mehr als 20 Jahren.

Die über den Aufstieg der SVP immer verzweifelteren Gegner des Übervaters klammerten sich zuerst insgeheim, dann immer offener an die Gesetze der Biologie. Irgendwann würde Blocher von all dem genug haben, älter werden oder gar ableben. «Das Problem Blocher wird sich irgendwann biologisch lösen», hörte man von Blochers Gegnern, besonders als 2007 die vier Jahre vorher gewählte Strategie «Einbinden in den Bundesrat» aus ihrer Sicht gescheitert war. Kein Jahr – schon gar kein Wahljahr verging – ohne eine angestrengte Diskussion, was denn aus der SVP einmal werde, wenn «der Blocher» nicht mehr sei. Und immer schwang dabei die Hoffnung mit, die SVP würde dann wieder die Zehn-Prozent-Partei werden, die sie vor der Ära Blocher einmal gewesen war. Politik wäre wieder so viel einfacher.

Diese Hoffnung hatte immer etwas Naives, weil sie die tief greifenden Veränderungen im politischen System der Schweiz übersah: Blocher prägte den politischen Prozess, die Inhalte und die Strukturen so dauerhaft, dass sie nicht mehr einfach in die Achtzigerjahre zurückgeführt werden können – zumal angesichts der Herausforderungen der Gegenwart.

Die Kandidatur von Magdalena Martullo-Blocher für den Nationalrat ist darum der Albtraum für alle Blocher-Gegner. Sie ist keine Kopie des Vaters. Sie ist bemerkenswert unabhängig, als Unternehmerin noch erfolgreicher – und sie ist eine Frau. Dies haben die bis anhin als Nachfolger von Blocher gehandelten Namen nicht zu bieten. Sie ist quasi die biologische Antwort auf jene, die in Sachen Blocher auf die Biologie gehofft haben. Davon gibt es auch einige in der SVP selber. Seit dem Rücktritt Blochers aus dem Parlament vor einem Jahr agierte die Fraktion zum Beispiel finanzpolitisch weniger geradlinig als vorher.

Dass Martullo in Graubünden antritt, zumal ohne den Wohnsitz dorthin zu verlegen, beweist, dass sie den Wahlkampf und die dabei mögliche Niederlage nicht scheut – in Zürich wäre sie mit einem guten Listenplatz wohl einfacher zum Sitz im Parlament gekommen. Zuletzt haben zahlreiche Unternehmer die Bundespolitik verlassen, was der Glaubwürdigkeit der Wirtschaft und des Unternehmertums geschadet hat. Mit ihrem Einstieg in die Politik gibt Martullo Gegensteuer. Es ist zu hoffen, dass sie Nachahmer findet – auch in anderen Parteien. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 21.04.15, Foto: Wisi Greter / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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One thought on “Martullo-Blocher: Der Albtraum der Blocher-Gegner

  1. So lange Mitte links Parteien den EU Beitritt im Hinterkopf haben, wird es nie eine echte Bürgerliche Mehrheit geben. Siehe die Führenden Köpfe der Nebs und aus welcher Partei sie stammen

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