Christa Markwalder, Nationalrätin FDP, Bern
Affäre Markwalder: Die Berner Nationalrätin soll das Amtsgeheimnis verletzt haben

Die Affäre um die Berner FDP-Nationalrätin Christa Markwalder wirft zwei Fragen auf: Wie naiv darf eine Nationalrätin sein? Und wie gutgläubig eine Nationalratspräsidentin? Die erste Frage beantworten die Berner Wähler am 18. Oktober. Die zweite dann vielleicht die Nationalräte am 30. November.

Markwalder hatte sich von einer Lobbyistin einen Vorstoss aus Kasach­stan aufschwatzen lassen und toleriert, dass Hinweise auf Menschenrechte aus dem ersten Entwurf entfernt wurden. Und sie hatte in der Aussenpolitischen Kommission Fragen zu Kasachstan gestellt und die Antworten schriftlich weitergeleitet. Dass Parlamentarier Vorstösse zugesteckt erhalten, ist gang und gäbe. Dass sie Informationen aus Kommissionen weitergeben ebenfalls, obwohl diese Sitzungen eigentlich dem Amtsgeheimnis unterliegen. Auch Amtskollegen Markwalders, die jetzt mit dem moralischen Zeigefinger auf die Bernerin zeigen, machen das. Oft. Markwalders Fehler war, das schriftlich zu machen und – gemäss ihren Angaben – die Verwendung dieser Informationen nicht mit der Lobbyistin abgesprochen zu haben. Für eine Parlamentarierin mit fast zwölf Jahren Erfahrung ausserordentlich naiv. Lobbying ist – zumal in einem Milizsystem – legitim und nötig. Die Interessenvertretung rund um das Parlament dient dem gesetzgeberischen Prozess. Dass auch im Parlament nicht direkt vertretene Gruppen so Zugang zu Entscheidungsträgern bekommen, ist wichtig.

Markwalder selber räumt ein, dass sie «naiv» und «gutgläubig» gewesen sei. Leider nicht zum ersten Mal: Ende Januar wurde bekannt, dass sie eine Organisation präsidiert, die Firmen hilft, Schweizer Stellen nach Deutschland zu verschieben. Auch damals beteuerte sie, von all dem nichts gewusst zu haben. Mehrere Parlamen­tarier bestätigen, dass sie zu Versicherungsthemen von ihrem Arbeitgeber, der Zurich Versicherung, ausformulierte Anträge in die Kommission einbringe, auf denen noch das Logo der Versicherung prange. Das Problem sind nicht die Lobbyisten in der Wandelhalle. Das Problem sind die Lobbyisten mit Stimmrecht im Nationalrats- oder Ständeratssaal, wie Christa Markwalder. Lässt sich das mit dem Amt als Nationalratspräsidentin vereinbaren?

Einige Parlamentarier sind bekannt dafür, dass sie einfach von einem Vorstoss zu überzeugen sind. Das bringt der Lobbyistin rasch zähl- und verrechenbare Arbeit. Aber die Gefahr ist gross, dass sie nur von kurzfristigem Nutzen sind. Naivlinge wie Markwalder nützen wenig und gefährden viel.

(veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 11. Mai 2015, Foto von Christa Markwalder: Jürg Vollmer / flickr.com, Link zur CC-Lizenz, unverändert, der Autor arbeitete zehn Jahre als Politik­berater und Lobbyist. Er hatte dabei keine geschäftlichen Kontakte mit Christa Markwalder)

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One thought on “Markwalder: Zwölf Jahre Leichtgläubigkeit

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