Europa European Flag
«Wieso habt ihr Schweizer so Mühe mit der EU?», fragt mein Gegenüber. Er ist Botschafter eines EU-Mitglieds in der Schweiz. Ein gebildeter, um nicht zu sagen feinsinniger Mann. Er hat mich zum Essen eingeladen. Bei Petite Arvine und St. Galler Bratwurst mit Rösti reden wir offen und ehrlich über Schweizer Politik. Nach ein paar Runden gegenseitigen Abtastens scheint das Gespräch jetzt dort angekommen zu sein, wo es wehtut. Die Frage ist nur, ob bei ihm oder bei mir.

Zuerst überlege ich mir, ob ich lange ausholen möchte – historisch beispielsweise. Ob ich ihm erzählen soll von dieser schwierigen, aber zweifellos sonderbaren Staatenbildung in dieser Innerschweiz, welche die über sie herrschenden Fürsten regelmässig aus der adeligen Komfortzone riss. Ob ich ihm damit diesen im Mittelalter eigentlich futuristischen Gebilde, dem späteren «Staat von unten» erklären soll, den die edlen Herren – ähnlich wie heute die Herren in Brüssel – jahrhundertelang als rückständig verachteten. Oder ob ich mehr ökonomisch herleiten soll, wie die eidgenössische Kleinstaaterei und der schwache Bundesstaat von 1848 die Voraussetzung für wenig, dafür gute Politik und viel Freiheit bildete, woraus der Wohlstand wachsen konnte, welcher die zentralistische EU nie erreichte und auch nicht erreichen wird. Oder ob ich ethisch-moralisch argumentieren soll, dass je grösser die Regierung, desto kleiner der Bürger wird, und dass dies ja schlechterdings Ziel und Zweck von Aufklärung, Demokratie und Selbstbestimmung des Menschen sein könne.

Doch dann entscheide ich mich, direkt auf den zentralsten Aspekt dieser Gretchenfrage der Schweizer Politik einzugehen: «Die EU ist eine Frage der Existenz.» Mein Gegenüber stutzt. Er ist mehr als nur leicht überrascht. «Der Existenz ­dieses Landes», dopple ich nach. «Warum der ­Existenz?», fragt mich der Diplomat. Ich versuche es mit einer Gegenfrage: «Was macht ein Land zu einer Nation?» Er sagt: «Eine gemeinsame Sprache, Kultur, Religion, Geschichte, oder mindestens zwei oder drei dieser Gemeinsamkeiten.» «Richtig. Genau so haben wir das gelernt.» Ich mache eine Kunstpause. «Aber ausgerechnet auf die Schweiz trifft das nicht zu. Die Schweiz hat weder eine gemeinsame Sprache, eine gemeinsame Kultur, eine einheitliche Religion oder Geschichte. Wir sind anders, wir sind eine Willensnation

Jetzt komme ich in Fahrt und bringe das ­Argument des Publizisten und früheren Schweizer Botschafters Paul Widmer: «Die Romands ­könnten auch Franzosen sein – aber sie wollen nicht. Die Tessiner könnten Italiener sein – aber sie wollen nicht. Wir Deutschschweizer könnten Deutsche sein – aber wir wollen nicht. Warum glauben Sie, dass wir das nicht wollen?» Mein Gegenüber runzelt die Stirn und sagt das, was er wohl in der Diplomatenschule als Antwort auf so eine Frage gelernt hat: «Sagen Sie es mir.»

«Es gibt zwei Dinge, die Romands, Tessiner und Deutschschweizer geniessen, wenn sie zusammenbleiben, statt Franzosen, Italiener oder Deutsche zu werden: erstens mehr persönliche Freiheit und zweitens mehr politische Mitbestimmung.» Mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger meiner Hand unterstreiche ich die Aussage. «Die Schweiz gibt es wegen diesen beider Vorteile. Und solange die Weiterentwicklung unserer Beziehung mit der EU an diese zwei Vorteile rührt, geht es um die Existenz. Wenn unsere persönliche Freiheit in EU-Gleichmacherei und die politische Mitbestimmung im Brüsseler Demokratiedefizit untergehen, dann braucht es die Schweiz nicht mehr.» Er schaut auf meine Finger. Ich zitiere den ehemaligen FDP-­Bundesrat Kaspar Villiger: «Eine Willensnation muss wollen.» Ich setze zur finalen rhetorischen Frage an: «Was wenn die Willensnation keinen Grund mehr hat, zu wollen? Was wenn persönliche Freiheit und politische Mitbestimmung, die beiden entscheidenden Gründe für dieses Wollen, weggefallen sind?» Pause. Jetzt bin ich fertig. «Danke, ich verstehe», sagt mein Gegenüber.

Bloss eine diplomatische Floskel? Ich weiss es nicht. Wenn ich ihm das nächste Mal begegne, werde ich ihn daran erinnern – mit ausgestrecktem Mittel- und Zeigefinger. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 05.03.16, Foto: Leena Saarinen, CC-Lizenz, unverändert)

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3 Gedanken zu “Zwei Finger gegen die EU

  1. Ist unser System so schwer zu verstehen ? Obwohl es schon bald 200 Jahre oder noch viel älter ist!
    Vielleicht ist unser Wille für die Erhaltung unserer Heimat für viele Studierte zu wenig akademisch.

  2. Irgendwann werden die geistigen Mauern gegenüber dem Ausland so hoch gebaut werden müssen, dass es eben höchstens noch eine Freiheit gegen innen, ein goldiger Käfig sein wird. Man kann noch solange alte historische Bilder heraufbeschwören, das spielt keine Rolle: Die Welt verändert sich trotzdem unaufhaltsam.

  3. Ja, alles richtig. Die Schweiz ist ein Zweckverbund, zusammengehalten mir der effektivsten Salbe: „woanders-ist-es-immer-schlimmer“.

    Beispielhaft wird aber in der EU gerade jetzt vorgefuehrt, wie aehnlich aber auch grundanders die EU funktioniert, im Vergleich zur Schweiz.

    Nach innen wollen die EU-ler ebenjene Zweckgemeinshaft nach schweizerischem Vorbild. Das Zweck ist, um es auf den Punkt zu bringen: Wohlstand und Bildung. Nach aussen haben sie aber – anders als die Schweiz – zumindest zum Teil – evangelistische Ansaetze. Es reiche Manchen nicht, wenn dieser Wohlstand nur innereuropaisches Ziel bleibt. Ausserhalb Europas – gar auf der ganzen Welt – muesse man ebengleiche Anstrengungen unterstuetzen und forcieren.

    Daher ist der ehrliche Unterschied ein Anderer: Die Schweiz will Wohlstand aber auch Abstand (Neutralität). Europa will Wohlstand aber dies mit universellem Anspruch – und das erzwingt sie zur aktiven Mitbestimmung an der Willensbildung andere Staaten. Nun, innerhalb der EU ist das Bild nicht gleich, denn manche Staaten haben eigene Interessen, und sind nicht Willens der Deutsch-Französisch-Benelux Axis in allen Zielen zu folgen. Und nun daher, anhand der Ärmsten, den Flüchtlingen, wird gerade vorgeführt, welche Fliehkräfte Europe zerschredden werden.

    Eleganterweise, sogar feinsinnigerweise, lässt der schweizerischen Staatsräson das nicht zu: eine aktive Mitwirkung verstösse gegen der am allerheiligsten aller schweizerisichen Lästen, nämlich die Neutralität (oder auch: Andere gehen uns am Arsch-vorbei-mentalität).

    Die Frage ist, wie lange die Schweiz mit der Nabelschauselbtsverleumdung noch zurechtkommen kann. Ich vermuüte: noch ganz Lange. Wie der alte Witz mit dem wütenden Bär uns lehrt: man muss nicht besser sein als der Nachbar, man muss nur länger durchhalten können, dabei werden Andere die Probleme überwinden oder erleiden müssen.

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