Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Von zahlreichen Hilfswerken flattern jetzt Bettelbriefe in unsere Briefkästen, und an den Bahnhöfen lauern die Spendeneintreiber, die uns zu einer Dauerspende überreden wollen (die zuerst beim Spendeneintreiber bleibt und das auftraggebende Hilfswerk erst nach Monaten oder Jahren erreicht).

Die Schweizerinnen und Schweizer sind Weltmeister im Spenden von Geld – was politisch von links ausgeblendet wird, wenn es um die staatliche Entwicklungshilfe geht. Auch dieses Jahr wieder scheiterten Anträge, nur leichte Korrekturen am Budget der Entwicklungshilfe anzubringen. Dies obwohl wegen dem starken Franken effektiv viel mehr Geld zur Verfügung steht und eine Kürzung des Budgets deshalb an den Einsatzorten nicht zu spüren wäre.

Der Bund respektive seine Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) schreibt Aufträge aus, auf die sich die Hilfswerke stürzen. Zusätzlich vergibt er mit wolkigen Vereinbarungen getarnte «Programmbeiträge». Eigentlich geht es dabei um etwas anderes: Der Bund verdoppelt damit jeden Spendenfranken, wie Melchior Lengsfeld, damals Präsident der Hilfswerk-Lobby Alliance Sud, letztes Jahr im Radio SRF sagte. Das heisst also, jeder Spendenfranken an Caritas, Heks, Helvetas oder Swissaid kostet Sie zwei Franken. Hinzu kommt, dass in der Deza und bei den Hilfswerken Millionen gut gemeinter Spenden in der Bürokratie versanden und ihr Ziel gar nie erreichen. Darüber wird allerdings geschwiegen. Die allermeisten Hilfswerke legen weder ihre administrativen Kosten noch den staatlichen Anteil an ihren Spendeneinnahmen offen – und wenn, dann nur ganz gut versteckt. Die Stiftung Zewo, welche die Jahresrechnungen der Hilfswerke untersucht, könnte für Transparenz sorgen. Doch sie tut es nicht – sie wurde von den Hilfswerken gegründet und wird von ihnen dominiert. Wer richtig Spenden will, hält sich deshalb von den intransparenten und staatsabhängigen Hilfswerken mit ihren teuren Wasserköpfen fern.

Es gibt eine Alternative, mit der die leidigen Diskussionen um das Budget der Entwicklungshilfe mit dem undurchsichtigen Lobbying darum herum endgültig beendet werden könnte. Gleichzeitig würde der Entscheid über die Verwendung des Geldes an jene übertragen, von denen das Geld tatsächlich stammt. Das Konzept heisst «Einprozent-Steuer» und ist in einigen Ländern Osteuropas mit Erfolg eingeführt worden.

Statt dass die Bürokratie die Millionen anderer Leute verteilt (und sich vorher selbst versorgt), entscheiden in diesem System die Steuerzahler selber, wer ihr Geld bekommt. Das geht einfacher, als man denkt: mit dem rechtskräftigen Steuerbescheid erhält jeder Steuerzahler eine Liste mit Organisationen und kann ankreuzen, wer ein Prozent seines Steuerbetrages erhält. Er schickt den Zettel ein, und der Betrag wird überwiesen. Macht er es nicht, bleibt das Prozent in der Staatskasse. Auf die Liste käme, wer gewisse Mindeststandards erfüllt. Damit könnte man die bestehende Stiftung Zewo beauftragen.

Ein Prozent der Steuereinnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden würde grob dem heutigen Budget der Deza entsprechen. Statt um die Gunst eines Deza-Beamten müssten die Hilfswerke allerdings um die Wertschätzung der Steuerzahler buhlen. Es käme zu einem echten Wettbewerb um Qualität und Effizienz. Das zeigen auch die Erfahrungen mit diesem System in Osteuropa.

Vor Jahren habe ich diesen Systemwechsel einem Vertreter der Deza vorstellen dürfen. Meine jugendlich-ungestüme Präsentation unterbrach der gute Mann nach ein paar Minuten mit der Frage: «Aber Herr Feusi, braucht es uns dann noch?» Ich antwortete ehrlich mit «Nein, nicht mehr». Wieder ein paar Minuten später stand ich auf der Strasse. Der Chef eines Hilfswerks sagte ein paar Tage später: «Ich bin doch nicht blöd. Es ist viel einfacher, das Geld in Bern zu holen als bei jedem einzelnen Steuerzahler – und grösser sind die Beträge noch dazu.» Das heutige System bevorteilt Beamte und Hilfswerke – auf Kosten aller anderen. Grund genug, es zu ändern. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 09.12.17, Bild: Giro 555 SHO / flöickr.com CC-Lizenz, unverändert)

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Afrika hungert
Niemand ist für Hunger und Armut. Es ist selbstverständlich, dass wohl­habende Gesellschaften wie die Schweiz sich gegen Hunger und Armut engagieren. Es spielt aber ethisch keine Rolle, ob das der Staat mit Steuergeld oder Private mit ihren Spenden machen. Im Gegenteil: Private, freiwillige Zuwendungen sind moralisch jeder staatlichen Zwangssolidarität überlegen.

Einen zynischeren Missbrauch von Hunger und Armut in der Welt als den gestrigen «Weckruf» der Hilfswerke hat man hierzulande lange nicht mehr gesehen. Gemäss den aktuellsten verfügbaren Zahlen der OECD leistet die Schweiz nämlich so viel Entwicklungshilfe wie fast kein anderes Land. Aber es ist überwiegend privates Engagement in Form von grossen und kleinen Spenden und nicht Steuergeld. Sogar wenn die staatliche Entwicklungshilfe wie vorgeschlagen von 0,5 Prozent (2014) auf 0,4 Prozent des BSP zurückgefahren wird, bleibt die Schweiz eines der spendabelsten Länder der Welt im Kampf gegen Hunger und Armut.

Die Hilfswerke setzen sich trotzdem für eine Erhöhung der Zwangssolidarität via Staat ein, weil ihr Aufwand, an grosse Summen zu kommen, viel geringer ist, wenn sie bei der staat­lichen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) vorsprechen können, als wenn sie bei vielen einzelnen Privatspendern Überzeugungsarbeit leisten müssen. Mit dem gestern veröffentlichten «Weckruf» werden Hunger und Armut in der Welt missbraucht, um den eigenen Aufwand beim Spendensammeln möglichst klein zu halten.

Gleichzeitig scheint die berechtigte Kritik an Entwicklungshilfe sowohl an der Deza wie an den Hilfswerken weitgehend abzuprallen. Auch insgesamt 5000 Milliarden Unterstützungsgelder seit 1960 haben an der Misere beispielsweise in Afrika nicht viel geändert. Es wird zwar viel von nachhaltiger Entwicklung geredet, aber kaum eine staatliche Tätigkeit ist weniger nachhaltig als Entwicklungshilfe. Das hat Gründe: in den Hinterzimmern von Deza und Hilfswerken wird das Geld der Steuerzahler mit ideologischen Scheuklappen verteilt. Statt in Eigentumssicherheit und Marktwirtschaft wird in Projekte investiert, die eigentlich private Aufgabe sein müssten. So wird jede unternehmerische Initiative zunichte gemacht. Es entsteht Abhängigkeit vom Norden statt Selbstverantwortung im Süden. Asien hat vorgemacht, wie Entwicklung geht. Die globale Armut ist auf dem Rückzug. Entwicklungshilfe spielt da nur eine Nebenrolle, entscheidend waren und sind Eigentum, Freiheit, Wettbewerb und Integration in die Weltwirtschaft. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 31.03.16, Bild: Florian Willner / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Water (Africa)
Afrikas Menschen brauchen Eigentum und Freiheit

Als Hongkong im August 1945 von der japanischen Besatzung verlassen wurde, war es eine armselige britische Kolonie mit ein paar Felsen und viel Sumpf. Die Stadt war von Luftangriffen weitgehend zerstört. Es gab keine Rohstoffe, dafür 1,7 Millionen Menschen. Ganz ähnlich die Situation in Singapur: Sumpf und Menschen. Taiwan und Südkorea waren von Landwirtschaft geprägt und mausarm. Letzteres erlitt im Korea-Krieg zudem einen enormen Rückschlag. Doch bald erzielten die vier Territorien Jahr für Jahr hohe Wachstumsraten und wurden Industrie-, später Dienstleistungszentren für Asien und die ganze Welt. Sie sind heute überdurchschnittlich reich und bilden die Tigerstaaten Asiens. Mit dem Wohlstand sind Zivilgesellschaften entstanden und ursprünglich autoritäre Regimes sind mehrheitlich gefestigten Demokratien gewichen wie nirgends sonst in Asien.

Im Unterschied dazu kommen Afrikas Staaten trotz Milliarden an Unterstützungsgeldern nicht vom Fleck. Die Menschen fliehen vor den Verhältnissen in ihrer Heimat und der Aussichtslosigkeit, dass sich daran etwas ändert. Die westliche Entwicklungshilfe muss sich den Vorwurf gefallen lassen, allzu oft unfähige Tyrannen gestützt und wirtschaftliche Abhängigkeiten geschaffen zu haben.

Die unterschiedlichen Startbedingungen der vier asiatischen Tiger lassen darauf schliessen, worauf es bei erfolgreicher Entwicklung nicht ankommt: nicht auf Rohstoffe, nicht auf koloniale Herrschaft und – es tut weh, aber ist so – nicht auf Demokratie. Entscheidend ist nicht Fair Trade mit Bio-Lebensmitteln, nicht gentechfreie Saatgut-Genossenschaften und nicht klimaschonende Solar-Brunnen. Das sind vielmehr unsere romantischen Ideen, die wir paternalistisch den längst von uns abhängigen Afrikanern aufdrängen.

Die Gemeinsamkeiten der Tigerstaaten erschliessen hingegen, was wirklich zählt. Die erfolgreicheren Stadtstaaten Hongkong und ­Singapur belegen in der Rangliste der wirtschaft­lichen Freiheit seit Jahren die ersten beiden Plätze. Taiwan liegt mit Platz 14 weit vorne. Südkorea folgt als viertes Land Asiens auf Platz 29. Taiwan und Südkorea machen jedes Jahr Plätze gut. Wirtschaftliche Freiheit beinhaltet den Schutz des privaten Eigentums und die Freiheit, dieses Eigentum gewinnbringend zu investieren. Dazu gehören staatliche Institutionen, die dafür sorgen, dass ­Verträge eingehalten werden, und der Verzicht ­dieser Staaten darauf, Investitionen zu behindern. Wenn sich der Eigennutz lohnt, kommt Entwicklung in Gang. Das Streben nach Gewinn ist gut. Das ist zwar nicht romantisch, aber erfolgreich erprobt. Es geht mit afrikanischen Löwen wie mit asiatischen Tigern.

Solche Startbedingungen brauchen nicht viel Geld, sondern gute Regierungsführung. Die Ausrichtung der Entwicklungshilfe auf diese Startbedingungen wäre der erste Schritt, weitere afrikanische Dramen zu verhindern. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 23.04.15, Foto: Arsenie Coseac / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

Ernesto Sirolli, von dem wir es auch schon hatten, weiss wie es geht:

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Der italienische Wirtschaftswissenschaftler und Entwicklungsexperte Ernesto Sirolli kritisiert die traditionelle Entwicklungshilfe. Stattdessen fordert er Hilfe zur Selbsthilfe

BaZ: Herr Sirolli, an Weihnachten spenden viele Menschen Hilfswerken Geld für Entwicklungshilfe. Wen sollen sie unterstützen?

Ernesto Sirolli: Es gibt zwei verschiedene Arten von Hilfswerken. Die einen leisten Nothilfe bei Katastrophen. Selbstverständlich muss in solchen Fällen alles getan werden, um den betroffenen Menschen zu helfen. Andere Organisationen wollen langfristig eine Entwicklung anstossen. Das geht aber mit Wohltätigkeit nicht. Wenn Sie zum Beispiel mit Schweizer Geld eine Schule in Afrika bauen, werden die Afrikaner von Ihnen abhängig. Sie erwarten dann, dass Schweizer auf ewig die Schule finanzieren, anstatt dass sie selber lernen, Schulen aufzubauen und zu betreiben. Das ist keine Entwicklung, sondern das Gegenteil.

Sie haben selber erfahren, welchen Schaden Wohltätigkeit in Afrika anrichten kann.

Ich war sieben Jahre in Afrika tätig. Jedes Projekt, das ich gesehen habe, ist gescheitert. Es war eine Katastrophe. Und das ist auch heute noch so. Diese Hilfe schafft Abhängigkeit und Korruption. Es ist ein falsches Entwicklungsmodell.

Was sollten die Hilfswerke denn tun?

Statt mit vorgefertigten Ideen und Konzepten zu kommen, müssten sie den Leuten zuhören. Wenn sie etwas Gutes in Afrika tun wollen, dann müssen sie darauf hören, was die Afrikaner sagen und sie stärken. Sie müssen ihnen ermöglichen, aus ihren Ideen etwas zu machen, damit sie für sich selber sorgen können.

Was heisst das konkret?

Wir arbeiten zum Beispiel im Kongo, in der Region Katanga, einer der am schlimmsten von Krieg und Gewalt zerstörten Regionen der Welt. Drei meiner Leute sind dort – als Unterstützer für einheimische Unternehmer. Ohne einen einzigen Rappen Geld zu verteilen, haben sie in zwei Jahren 180 Unternehmen aufgebaut, die insgesamt 750 Mitarbeiter beschäftigen. Es sind Unternehmen von Afrikanern, vor allem von Bauern und Handwerkern, die schlicht nicht wussten, wie sie sich organisieren können, um produktiver zu werden und Geld zu verdienen.

Wie machen Ihre Mitarbeiter das?

Sie müssen den Leuten vor Ort zuhören und deren Ideen unterstützen. Dann zeigen sie ihnen die Grundlage eines erfolgreichen Unternehmens: ein gutes Produkt, eine starker Verkauf und eine saubere Buchführung. Niemand kann alle diese drei Sachen. Darum bringen wir Leute zusammen. Eine Frau in Kamina im Kongo züchtete zum Beispiel Hühner. Sie verkaufte sie aber nur ab Hof. Wenn sie in die Stadt ginge, würde sie bestohlen. Mein Mitarbeiter vermittelte ihr dann eine Person, welche Hühner zu einem höheren Preis in der Stadt verkauft und dabei selber auch etwas verdient.

Das tönt jetzt aber sehr einfach.

Vor dreissig Jahren realisierte ich, dass alle Menschen auf der ganzen Welt die Passion haben, etwas zu erreichen, damit es ihnen und ihren Familien besser geht. Ich machte dann ein Experiment in einem abgeschiedenen Dorf im Westen von Australien. Ich wollte jeder leidenschaftlichen Person helfen, aus ihrer Idee ein kleines Unternehmen zu machen. Nach vier Tagen hatte ich meinen ersten Kunden. Ich half ihm, seinen geräucherten Fisch nicht einem Zwischenhändler, sondern direkt den besten Restaurants zu verkaufen. Das sprach sich herum. Nach zwei Monaten hatte ich dort 30 Projekte.

Worauf kommt es bei der Arbeit vor Ort an, damit sie gelingt?

Entscheidend ist, dass meine Mitarbeiter den lokalen Unternehmern absolute Vertraulichkeit und höchste Kompetenz bieten. Unternehmerische Persönlichkeiten haben Angst, dass ihre Idee gestohlen wird. Darum werden sie auch nie an einer öffentlichen Veranstaltung darüber reden. Der Service muss kostenlos sein, weil diese Unternehmer meist kein Geld haben. Meine Mitarbeiter werden zum Beispiel durch Regierungen oder Stiftungen bezahlt.

Ihre Mitarbeiter sind also eigentlich Unternehmensberater?

Sie lehren Unternehmertum, richtig. Und sie zeigen Wege auf. Machen müssen es die Leute selber, mit ihrem Ehrgeiz, für sich selber zu sorgen. Das ist etwas ganz anderes, als es die Hilfswerke heute in Afrika tun.

Es ist ein marktwirtschaftlicher Ansatz. Die meisten Hilfswerke halten aber nicht viel von der Wirtschaft, sondern lehnen sie als egoistisch ab.

Vielleicht. Aber das ist eine veraltete und arrogante Sichtweise von uns Westlern. Jetzt kommt eine neue Generation von engagierten Leuten und sogar Hilfswerken, die nicht nur Gutes, sondern auch das Richtige tun wollen. Es sind die Afrikaner, die mir sagen: Gebt uns keine Almosen, sondern eine wirtschaftliche Perspektive. Wir verlieren die Herzen der Afrikaner an die Chinesen, die genau das verstanden haben.

Sie lehnen Wohltätigkeit also rundheraus ab?

Wohltätigkeit macht abhängig statt eigenverantwortlich. Niemand will von Spenden abhängig sein, denn das ist erniedrigend, aber viele nehmen natürlich Geschenke an, wenn sie welche bekommen. Wir Westler müssen aufhören, den Afrikanern zu befehlen, was sie zu tun haben. Heute behandeln wir sie entweder wie Kinder und schenken ihnen das, was sie zum Leben brauchen. Oder aber wir behandeln sie wie Diener, die unseren Vorstellungen genügen müssen. Die meisten Hilfswerke machen Ersteres, die meisten Unternehmer hingegen Letzteres. Beides ist aber sowohl falsch als auch respektlos.

Wie gehen Sie mit der in Afrika allgegenwärtigen Korruption um?

Entwicklungshilfe zementiert heute Korruption, weil Gelder in privaten Taschen landen. Wer das überwinden will, muss die Zivilgesellschaft an der Basis gegen die korrupten Eliten stärken. Wenn eine Schicht aus Kleinunternehmern entsteht, überwinden diese ihre Abhängigkeit von korrupten Eliten. So entsteht eine Mittelschicht, die sich nicht mehr alles gefallen lässt. Der selbstverantwortliche Mittelstand lässt eine funktionierende Demokratie und einen Rechtsstaat entstehen. Meine Mitarbeiter fördern das, indem sie für ihre Kunden Erfahrungsgruppen aufbauen.

Was braucht es, um Flüchtlingskatastrophen wie jene vor der italienischen Insel Lampedusa zu verhindern?

Wer vor Krieg und Katastrophen flüchtet, dem muss geholfen werden. Jenen, die aus wirtschaftlichen Gründen fliehen, kann geholfen werden, indem ihnen vor Ort gezeigt wird, wie sie ein kleines Unternehmen aufbauen und persönlichen Wohlstand schaffen. Wenn die Menschen die Hoffnung haben, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können, verlassen sie ihre Heimat nicht. Der Exodus aus Afrika ist ein Ausdruck der Misere, die wir mit unseren Milliarden an Hilfsgeldern angerichtet haben. Unsere Hilfe hat versagt. Deshalb sollten wir unsere Perspektive ändern und nicht mehr die Aufgaben der Afrikaner erledigen, sondern ihnen zeigen, wie sie sich selbst helfen können.

Entwicklung durch Unternehmertum

Der italienische Ökonom Ernesto Sirolli startete seine Karriere in den Siebzigerjahren als Entwicklungshelfer in Sambia. Rasch merkte er, wie wirkungslos die Entwicklungshilfe war und entwickelte ein eigenes Modell auf der Basis von Unternehmertum. Statt mit vorgefertigten Plänen aufzutreten, unterstützen seine Mitarbeiter die unternehmerischen Ideen der lokalen Bevölkerung. Für Sirolli ist «Planung der Todeskuss für das Unternehmertum». Er baute das Sirolli Institute auf, das seinen Ansatz sowohl in Entwicklungsländern als auch in strukturschwachen Gegenden von entwickelten Ländern umsetzt. Heute ist Sirolli ein weltweit gefragter Entwicklungs­experte und berät internationale Organisationen, Staaten und Gemeinden.

(veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 23.12.13, Link zum TED-Talk von Sirolli))

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Zukunft für Afrika - afrikanische Dorfkinder
Eines ist klar: Die afrikanischen Flüchtlinge besteigen nicht nur aus politischen Gründen die gefährlichen Boote, die sie über das Mittelmeer ins gelobte Europa bringen ­sollen. Sie flüchten vor allem vor der wirtschaftlichen Misere in Afrika. Diese dauert trotz Tausenden von Milliarden an Unterstützungsgeldern und rund 40 000 engagierten Nichtregierungsorganisationen an. Das ist der erste Skandal.

Wirtschaftswachstum wird nicht von Regierungen gemacht, sondern von Unternehmern. Die gibt es auch in Afrika. Sie brauchen Investitionen, Eigentumssicherheit und eine Justiz mit einer Polizei, welche das Eigentum schützt. Dazu bedarf es eines politischen, sozialen und kulturellen Umdenkens, welches mit den Milliarden der weltweiten Entwicklungshilfe heute verhindert wird. Das ist der zweite Skandal.

Die Unternehmer brauchen die Möglichkeit, ihre Waren zu handeln, insbesondere mit dem wohlhabenden Europa. Afrika ist reich, wenn es endlich gleichberechtigter Teil der Weltwirtschaft würde. Asien hat diese Entwicklung vorgemacht. Das ist der dritte Skandal.

Aber die Schweizer Entwicklungshilfe setzt weiterhin weitgehend auf technische Zusammenarbeit und Budgethilfe. Sie nimmt so den afrikanischen Staaten ihre ureigene Arbeit ab und zementiert die korrupten Strukturen, die diesen Kontinent kaputtmachen. Die Ideen von ­hiesigen Gutmenschen sind wichtiger als die Unternehmer vor Ort. Das ist der vierte Skandal.

Wenn nach der Heuchelei um die Tragödie vor Lampedusa im Parlament eine inhaltliche Diskussion über die Milliarden der Eidgenossenschaft einsetzt, dann ist das eine Chance. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 10.10.13, Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)

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Was bringt Entwicklungshilfe eigentlich?
Nach einem halben Jahrhundert Entwicklungshilfe braucht es neue Ansätze. Dambisa Moyo (Link, Twitter, Site, Youtube) liefert welche, die nicht vom Helfersyndrom, sondern vom einfachen ordnungspolitischen Hinschauen geprägt sind. Ihre Analyse und Vorschläge gemäss dem heutigen Tages-Anzeiger (Link):

Ihre Diagnose der Entwicklungspolitik ist kurz und bündig: Die Entwicklungshilfe an afrikanische Regierungen fördere die Abhängigkeit, begünstige die Korruption und mache letztendlich schlechtes Regieren und Armut zu einem Dauerzustand. Mit diesem Befund mögen Entwicklungshelfer möglicherweise noch halbwegs einverstanden sein.
Energisches Kopfschütteln löst Moyos radikale Forderung aus: Die Zahlungen müssen innerhalb von fünf Jahren eingestellt werden. Afrika brauche Direktinvestitionen, fairen Handel und Mikrokredite.

Vermutlich wäre Frau Moyo einverstanden, wenn wir noch die Eigentumsgarantie hinzufügen. Sie ist entscheidende Grundlage, damit Direktinvestitionen, fairer Handel und Mikrokredite funktionieren. (Foto: geralt @ pixelio)

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