Zwei Frauen küssen sich
Mein Beziehungsstatus geht den Staat nichts an – warum «Ehe für alle» nicht liberal ist

Endlich kommt die «Ehe für alle». So jubelten am Freitagnachmittag die selbsternannten Progressiven und Liberalen im Land. Die Rechtskommission des Nationalrates hatte einer parlamentarischen Initiative der Grünliberalen Folge geleistet, welche in der Bundesverfassung festhalten will, dass die Ehe «Paaren unabhängig von ihrem Geschlecht oder ihrer sexuellen Orientierung» offenstehe. Nun machen sich die Rechts­kommissionen an die Arbeit, eine ­Vorlage auszuarbeiten.
Es ist richtig, die Ungleichbehandlung aufgrund von sexuellen Vorlieben zu beenden. Es ist falsch, dies durch die Öffnung der Ehe für alle zu tun. Man sollte sie umgekehrt als staatliches Grundrecht abschaffen – und damit den Menschen überlassen, wen sie lieben und wie sie das benennen.

“Natürliche Verbindung”
In der Geschichte hat es viele verschiedene Beziehungsformen gegeben. Der Staat hatte mit der Definition der Ehe jahrhundertelang nichts zu tun. Seit Augustinus, also seit rund 1600 Jahren, ist die Ehe für das christlich geprägte Europa «die erste, natürliche, von Gott selbst gewollte und angeordnete Verbindung der menschlichen Gesellschaft, die von Mann und Weib». Folgerichtig krallte sich die Kirche diesen Begriff und machte die Ehe zu einem Sakrament. Allerdings getraute auch sie sich nicht, vollständig in die Privatsphäre ihrer Gläubigen einzudringen. Das Sakrament der Ehe wurde das einzige der sieben Sakramente, welches nicht durch einen Priester vermittelt wird, sondern das sich Frau und Mann gegenseitig spenden.
Der aufklärerische Staat entriss der Kirche die Hoheit über den Begriff und seine Umsetzung. Er machte die Ehe zum Grundrecht und verfügte, zumindest hierzulande, dass sie kirchlich erst durchgeführt werden darf, wenn sie vor einem Staatsbeamten rechtmässig geschlossen worden ist. Dabei blieb die augustinische Substanz erhalten, dass es sich um eine Verbindung von Frau und Mann handle. Der kulturelle und historische Inhalt der Ehe blieb derselbe.
Längst ist dies nicht mehr klar. ­Kulturhistorische Begriffe unterliegen einem gesellschaftlichen Wandel. Nicht nur Homosexuelle stören sich an dieser Definition. Zu Recht: Es war falsch, kirchlich oder staatlich zu verordnen, was die Ehe ist. Wer nun aber staatlich verordnen will, dass sie beliebig alles sein kann, macht den gleichen Fehler wie jene, die Schwule und Lesben von der Ehe ausgeschlossen haben. Sie verordnen durch einen politischen Entscheid, was ein kultureller Begriff zu bedeuten hat. Das ist nicht progressiv und nicht liberal, sondern rückwärtsgewandt und staatsgläubig. Fehler werden nicht gutgemacht, indem sie auf alle ausgedehnt werden.

Es geht bereits um Abstimmungstaktik
Es ist nicht Aufgabe des Staates, die privaten Beziehungen seiner Bürger zu regeln. Und es ist nicht Aufgabe des Staates, kulturelle Begriffe zu definieren. Wer aus den Fehlern der heutigen Verfassungswirklichkeit und ihrer Folgen lernen will, muss die Ehe als Grundrecht abschaffen und die Art und Weise, wie Menschen lieben und leben, wieder ihnen selber überlassen. Dann würde die Ehe, was sie vor Augustinus und dem Kirchenrecht war: ein kultureller Begriff, dem freien Willen der Einzelnen und dem gesellschaftlichen Wandel – statt dem politischen Willen von Politikern – unterworfen.
Daran müssten eigentlich auch konservative Kreise, zum Beispiel Kirchen, SVP oder CVP Interesse haben. Religiöse Organisationen könnten für ihre Mitglieder frei festlegen, was sie unter Ehe verstehen. Sie stünden untereinander in einem Wettbewerb um Sinnstiftung, aber auch um Rechtfertigung. Die Heiratenden wären frei, diese Angebote anzunehmen – oder nicht.
Doch im Parlament geht es bereits nicht mehr um die Frage, ob die Definition von Ehe Staatsaufgabe ist, sondern bereits um Abstimmungstaktik. Die Befürworter von «Ehe für alle» wollen das Anliegen unbedingt ohne Änderung der Verfassung durchdrücken, weil sie das Ständemehr fürchten.
Das Recht auf Ehe in der Verfassung ist, selbst gemäss zwei Gutachten aus dem Justizdepartement, die Verbindung zwischen Frau und Mann. Wer sich nicht dem Vorwurf der politischen Unkultur aussetzen will, muss eine Änderung der Verfassung vorschlagen – so wie es die Grünliberalen in ihrem Vorstoss getan haben. Alles andere stellt den Wert der Verfassung infrage. Vielleicht hätte die Vorlage «Ehe für niemand» bessere Chancen als «Ehe für alle», weil sie den begrifflichen Wandel nicht von oben herab befiehlt, sondern weiterhin zulässt, was seit Augustinus kulturelle Tradition ist. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 15.05.17, Bild: Mathieu IPS / flickr.com, CC-Lizenz, untervändert)

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Zur Volksinitiative «Für Ehe und Familie – gegen die Heiratsstrafe»

Wenn Heuchelei zur politischen Tugend wird, ist genaues Hinschauen Pflicht. Bei kaum einer Abstimmungsvorlage von Ende Februar ist dies wichtiger als bei der Volksinitiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe.

Das hat mit einer anderen Vorlage vom 28. Februar zu tun. Insbesondere SP, Grüne und FDP warnen mit einer seit der Abstimmung über den EWR nie mehr da gewesenen Kampagne davor, dass in zehn Tagen wahlweise der Rechtsstaat, die Demokratie oder sogar die Schweiz untergehen könnte, weil mit der Durchsetzungs-Initiative der Ermessensspielraum der Richter eingeschränkt würde. Die Gegner preisen die Justiz und wie wichtig diese für das Funktionieren des Landes sei.

Die gleichen Parteien ignorieren gleichzeitig ein Urteil ebendieser Justiz. Seit mehr als dreissig Jahren. 1984 entschied das Bundesgericht nämlich, dass Ehepaare gegenüber Konkubinatspaaren steuerlich nicht benachteiligt werden dürfen. Während die meisten Kantone den Urteilsspruch pragmatisch umgesetzt haben, hat es die Bundespolitik bis jetzt nicht zustande gebracht. Die Volksinitiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe will nichts anderes. Und wer bei der Durchsetzungs-Initiative mit dem Rechtsstaat argumentiert, müsste dies auch bei der Heiratsstrafe tun. Niemals wurde dem Rechtsstaat mehr Schaden zugefügt als durch den gegenwärtigen Missbrauch zu Abstimmungszwecken.

Steuerhochhalte-Partei

Die Heuchelei von Linken und Freisinnigen offenbart, dass es ihnen um etwas ganz anderes geht, als sie vorgeben. Weder den einen noch den anderen geht es um die tatsächliche Einführung der Individualbesteuerung, also die separate und damit doppelt aufwendige Besteuerung der zwei Personen in einer Partnerschaft. Die SP will die mit der Initiative verbundenen Steuerausfälle verhindern. Dass der durchschnittliche Schweizer heute die Hälfte seines Einkommens an den Staat abliefert, ist der SP – der «Steuerhochhalte-Partei», wie SP-Nationalrat Rudolf Strahm es vor Jahren treffend definierte – nicht genug. Jede Reduktion der Steuerlast für irgendwen ist ein «Steuergeschenk», wie wenn wir Bürger Leibeigene wären und der Staat uns grosszügigerweise etwas übrig lassen würde. Die möglichen Steuerausfälle von 2,3 Milliarden Franken sind rund ein Prozent der gesamten Steuereinnahmen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Angesichts von viel einschneidenderen Effizienz- und Sparrunden in der freien Wirtschaft ist das beim Staat nicht nur zumutbar, sondern müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein.

Trotz dieser durchsichtigen Doppelbödigkeit der Sozialisten hat sich die FDP mit der SP ins politische Lotterbett gelegt. In den 31 Jahren seit dem Bundesgerichtsentscheid hat sie das Konzept der Individualbesteuerung immer dann auf den Tisch gelegt, wenn es darum ging, eine andere Lösung zu verhindern. Selber erreicht haben die Freisinnigen nichts. Die FDP stellte von 1996 bis 2010 während 14 Jahren ununterbrochen den Finanzminister und brachte auch dann die von ihr favorisierte Lösung nicht zustande. Niemand in diesem Land will freiwillig zwei Steuererklärungen ausfüllen. Angesichts dieses Versagens spielt bei der FDP zweifellos auch ein bisschen Neid am politischen Futtertrog mit.

Angesichts der Steuerbelastung gibt es keinen Zweifel, was liberal heisst: «Ich bin für Steuersenkungen unter allen Umständen, mit welcher Entschuldigung, mit welcher Begründung auch immer, wenn immer es irgendwie möglich ist.» So sagte es Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman und die ganze liberale Welt weiss es – nur die FDP hat es vergessen. Es spielt auch keine Rolle, ob «nur» 320 000 Steuerzahler von der Initiative profitieren. Es sind berufstätige Frauen und Männer, Leistungsträger dieser Gesellschaft, die seit dreissig Jahren zu viel bezahlen – grob aufgerechnet insgesamt 25 Milliarden Franken. Sie werden auch nach einem Ja (weit mehr als) genug an den Fiskus abliefern.

Ehe für niemanden

Aber ist die Festlegung der Ehe als «auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau», wie es im Initiativtext heisst, nicht rückwärtsgewandte Diskriminierung von gleichgeschlechtlichen Paaren? Nein. Dieser Ehebegriff ist weder neu noch rückwärtsgewandt, sondern immer noch grossmehrheitlich gelebte Realität. Er liegt bereits jetzt der Bundesverfassung zugrunde. Wer «Ehe für alle» will, muss auch bei einem Nein zur Initiative eine Verfassungsabstimmung anstreben. Wobei für Liberale nicht «Ehe für alle» das Ziel sein kann, sondern «Ehe für niemanden» – die Privatisierung der Ehe und damit die Abschaffung der Einmischung des Staates in einen der privatesten Lebensbereiche des Menschen.

Linke und Freisinnige sind sich ihrer heuchlerischen Argumentation beim eigentlichen Thema – der steuerlichen Ungleichbehandlung und ihrer Beseitigung – vermutlich sehr bewusst. Genau darum weichen sie auf den Nebenschauplatz des Ehebegriffs aus. Das ist von langer Hand geplant worden. Im Parlament haben sie einen Gegenvorschlag mit einer anderen, bezüglich der Ehe unverbindlicheren Formulierung abgelehnt. Aus dem politischen Lotterbett von Linken und Freisinnigen ist eine Umsetzung des Bundesgerichtsurteils von 1984 nicht zu erwarten. Die Stimmbürger können dem unwürdigen Treiben ein Ende bereiten. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 19.02.16, Foto: Max Sat, CC-Lizenz, unverändert)

Sehenswert zum Thema Ehe und Staat – Rabbi Shmuley Boteach vor der Oxford Union:

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Familie aus Gummibären Haribos
Offener Brief an die FDP Frauen Schweiz zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Abstimmung über den Familien­artikel ist Geschichte. Die abstrakte und antiföderalistische Vorschrift auf Bundes­ebene ist gescheitert. Das ist gut so: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss in der Lebenswelt von ­jungen Paaren selber errungen werden – jeden Tag neu. Als direkt betroffener Mann hätte ich erwartet, dass Sie am Thema dranbleiben. Es wäre nur schon schön, wenn Bund, Kantone und Gemeinden uns das Leben nicht noch schwerer machen würden. Und was machen Sie? Sie liefern sich eine Auseinandersetzung mit der Mutterpartei über Formalitäten. Jetzt ist die Session in Bern vorbei – für freiheitliche Vorstösse für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es vorläufig zu spät.

Wie schön wäre es gewesen, Sie hätten sich für einen Abbau der unsäglichen Regulierungen bei der Kinderbetreuung starkgemacht. Die Vorschriften ver­hindern tagtäglich die Schaffung von Krippenplätzen und das Engagement von neuen Tageseltern. Auf Bundesebene hätten Sie die letzten Sommer verschärfte Bewilligungspflicht angehen können. Auf die Kantone könnten Sie Druck ausüben, indem Sie die Millionen aus dem Fördertopf des Bundes nur noch an Kantone zahlen, welche die Bürokratie auf das absolut notwendigste Mindestmass reduzieren. Sie hätten sich in die Qualitätsdiskussion einschalten und als liberale Frauen darauf hin­weisen können, dass der Staat die Verantwortung für die Qualität der Kinderbetreuung nicht übernehmen kann und auch nicht soll. Die Prüfung von pädagogischen Konzepten und Hygienericht­linien verbunden mit regelmässigen Besuchen schützt die Kinder nämlich nicht vor schlechter Betreuung. Dazu braucht es die wachen und aufmerk­samen Eltern der Kinder. Es ist sogar gefährlich, wenn der Staat so tut, als übernehme er die Verantwortung für die Qualität, weil sich dann Eltern darauf verlassen und ihre eigene Ver­antwortung nicht mehr wahrnehmen. Für die Finanzierung braucht es Betreuungsgutscheine an die Eltern statt Subventionen an die Krippenbürokraten. Die Erfahrungen in Luzern sind gut, die Warteliste ist weg.

Sie hätten sich für Reformen in der Steuerpolitik starkmachen können, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Es ist eine Tatsache, dass es sich angesichts der steilen Progression und plötzlich wegfallender Subventionen oft gar nicht lohnt, wenn der Partner einem Beruf nachgeht. Ende des Monats bleibt schlicht nichts mehr übrig. Die hohen Steuern beispielsweise des Kantons Bern sind faktisch frauenfeindlich. Und sie widersprechen dem liberalen Leistungsprinzip.

Und sie hätten sich für Tagesstrukturen einsetzen können, die diesen Namen verdienen. Das Problem der arbeitenden Mütter und Väter beginnt nämlich erst richtig, wenn das erste Kind in die Schule kommt. Da zerstört der Staat ganze Karrieren und zwingt mehrheitlich Frauen zurück an den Herd. Schade um deren Wissen und Können.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Blockzeiten, die nur 75 Minuten dauern, sind ein Hohn. Da wird in den kantonalen und kommunalen Bildungsbürokratien an den Bedürfnissen von jungen Paaren vorbei geplant. Tagesstrukturen (beispielsweise über Mittag) sind rasch und ohne zusätzliche Kosten möglich. Die Schule muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren. Auch das gelingt nicht mit Absichtserklärungen und schönen Konzepten, sondern mit einem Paradigmenwechsel. Statt dass wir Eltern um die Berücksichtigung unserer Bedürfnisse betteln müssen, sollen wir jene Schule auswählen können, die unseren Bedürfnissen am besten entspricht. Setzen Sie sich für die freie Schulwahl ein. Wettbewerb sorgt auch dort dafür, dass sich das Angebot an der Nachfrage orientieren muss.

Abbau von Regulierungen bei Krippen und Tageseltern, Betreuungsgutscheine, Abbau der Fehlanreize bei Steuern und Gebühren, Tagesstrukturen und die freie Schulwahl: Das (und vielleicht mehr) wäre ein liberales Programm für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, rasch umsetzbar in Vorstösse beim Bund, in den Kantonen und Gemeinden. Trauern Sie nicht einem Verfassungs­artikel nach, der nichts von alledem gebracht hätte. Machen Sie vorwärts mit konkreten liberalen Ideen. Viele junge Paare würden es Ihnen danken. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 25.03.13, Foto: Gisela Peter / pixelio.de)

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