Europa und die Menschen
Wer den Erhalt der Bilateralen zur Glaubensfrage macht, verkennt den politischen Preis

Niemand ist gegen die Bilateralen. Nicht einmal die SP, die eigentlich der Europäischen Union beitreten will, aber auch nicht die SVP, die sonst gar nichts mit der EU anfangen kann.
Besonders deutlich ist das Bekenntnis zu den Bilateralen in der Mitte. Die FDP sieht sich als «Gralshüterin» der bilateralen Verträge und erkennt darin «den einzigen Garant für eine erfolgreiche Strategie» des Landes. CVP-Präsident Christophe Darbellay verwendete schon das Wort «Königsweg» und lancierte auf Vorrat die Idee einer Volksinitiative für die Bilateralen. Sowohl FDP als auch CVP haben die Aufwertung des Frankens für Bekenntnisse zu den bilateralen Verträgen benutzt.

Auch der Bundesrat beurteilt die Verträge so. Bundesrat Johann Schneider-Ammann sagte kürzlich, es sei ganz «simpel». Die EU sei unser wichtigster Handelspartner und das müsse so bleiben. Er verwies darauf, dass die Hälfte der Exporte in die EU gingen. «Wer die Bedeutung der bilateralen Verträge kleinredet, der spielt mit dem Feuer», schob er nach. Indirekt meinte er: Wer die bilateralen Verträge aufs Spiel setze, der riskiere, dass wir nichts mehr in die EU exportieren könnten. Das ist die Haltung des Bundesrates. Das ist auch die Haltung des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, der in einem im letzten Sommer eiligst erstellten Papier den Wert der Verträge überhöht. Die bilateralen Verträge werden zur Glaubenssache gemacht. Und wenn es um die Wahrheit geht, spielt der Preis keine Rolle.

Am Scheideweg

Das sollte er aber, denn dieser Preis könnte hoch sein. Wenn die EU zu keinen Zugeständnissen bei der Personenfreizügigkeit bereit ist, steht die Schweiz vor einem Scheideweg. Entweder sie verzichtet auf die Umsetzung eines Volksentscheides vom 9. Februar 2014 oder sie riskiert die Kündigung der bilateralen Verträge. Ähnliches droht, wenn der Bundesrat dereinst mit einem Verhandlungsergebnis zu einem institutionellen Abkommen nach Hause kommt: Akzeptieren wir ein EU-Gericht als Schlichtunginstanz bei Unklarheiten? Schlucken wir, dass Gesetze fortan in Brüssel gemacht werden und wir sie höchstens ablehnen können, wenn wir das Risiko der Kündigung von Verträgen in Kauf nehmen? Akzeptieren wir das wirtschaftliche Damoklesschwert über unserer politischen Selbstbestimmung?

Die EU versucht mit der Schweiz, was sie seit bald 60 Jahren in ganz Europa macht: Sie fördert wirtschaftliche Kooperation, um damit die politische Integration voranzutreiben. Wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt es nur um den Preis der Aufgabe von Selbstständigkeit. So mündete die wirtschaftlich begründete Europäische Gemeinschaft 1992 in den politischen Vertrag von Maastricht. Die Vermischung von Wirtschaft und Politik war bei uns im gleichen Jahr das Kernproblem bei der Abstimmung über den EWR. Es ist längst historisch aufgearbeitet, dass der Bundesrat früh um diese Verknüpfung von Wirtschaft und Politik wusste und sie fürchtete (und darum im Sinne von «jetzt erst recht» vor der Abstimmung ein Beitrittsgesuch nach Brüssel schickte). Und es ist auch bekannt, dass die Verhandlungen über die bilateralen Verträge möglich wurden, weil Bern der EU dies als neuen Versuch der nicht bloss wirtschaftlichen, sondern auch politischen Annäherung verkaufen konnte. Die EU ist bereits weiter: Der Euro ist der vorerst letzte Versuch, mittels wirtschaftlichem Werkzeug am politischen Projekt zu arbeiten. Sogar das Scheitern der Gemeinschaftswährung wird dazu verwendet, die politische Integration zu vervollständigen.

Brüssel betont darum gegenüber der Schweiz bei jeder Gelegenheit, ein Binnenmarkt brauche gemeinsame und einheitliche Regeln. Das ist eine Behauptung, die weder historisch noch ökonomisch zutrifft. Handel zwischen politisch selbstständigen Staaten mit unterschiedlichen Rechtssystemen ist in Geschichte und Gegenwart die Regel und nicht die Ausnahme. Es gibt für die Notwendigkeit von einheitlichem Recht keinen Grund, ausser das eigentliche Ziel der Zusammenarbeit sei nicht nur ein Binnenmarkt, sondern auch die politische Vereinigung.

Warum ist das für die Schweiz schwer zu schlucken? Weil wir diese Sphären voneinander trennen. Wir sind wirtschaftlich global ausgerichtet, aber politisch in unserem Kleinstaat zu Hause. Es sind die von ihm garantierten persönlichen Freiheiten und demokratischen Selbstbestimmungsrechte, welche die Willensnation Schweiz ausmachen. Die Romands könnten auch Franzosen sein, die Tessiner Italiener und wir Deutsche. Wir sind es nicht nur durch historischen Zufall nicht geworden, sondern weil wir in der Schweiz mehr persönliche Freiheit und politische Selbstbestimmung geniessen als überall sonst. Der Transfer von politischer Bestimmung nach Brüssel durch die Verknüpfung von Politik und wirtschaftliche Kooperation rührt darum an die «Raison d’être» der Schweiz. Das feine Gespür der Menschen in diesem Land, dass ihnen etwas weggenommen wird, ist der Kern der Skepsis gegen die EU.

Wie viel Politik darf es sein?

Die Schweiz wollte immer Wirtschaft ohne Politik. Darum hat sie sich vom europäischen Einigungsprozess ferngehalten und die europäische Freihandelsorganisation EFTA mitgegründet, die genau das versprach. Wir wollen wirtschaftliche Integration ohne politischen Preis, was der grundlegenden Strategie der EU zuwider läuft.

Wann ist der politische Preis für die Bilateralen zu hoch? Schon wenn wir dereinst auf die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative verzichten oder erst, wenn wir uns in einem institutionellen Abkommen zu einer automatischen Rechtsübernahme verpflichten? Wieviel Politik darf es denn sein, bis wir «mit dem Feuer spielen» und die sechs mit dem Abkommen über die Personenfreizügigkeit verknüpften Verträge zu riskieren bereit sind? Und was riskieren wir wirtschaftlich, wenn wir das tun?

Den genauen Wert der Bilateralen kennt niemand. Klar ist einzig, dass sie keineswegs für das ganze Exportvolumen der Schweiz in die EU von gut 116 Milliarden Franken verantwortlich sind. Eric Scheidegger, Vize-Direktor im Staatssekretariat für Wirtschaft, beziffert den Wert zwischen einem und 3,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP). Die obere Zahl würde bedeuten, dass die Bilateralen für das gesamte Wachstum der Schweiz seit 2008 verantwortlich wären. Angesichts der stagnierenden Exporte in die EU und des Wachstums in fast allen anderen Weltregionen ist das nicht stichhaltig. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH berechnet den Wert mit 0,2 Prozent des BIP. 2012 kam sogar das Integrationsbüro selber zum Schluss, dass der Nutzen der Bilateralen gering ist. FDP-Nationalrat Ruedi Noser sagte letzten Herbst, die Bilateralen seien «nicht mehr so bedeutend» wie früher und kein «heiliger Gral». Der ehemalige SP-Nationalrat und Ökonom Rudolf Strahm hält fest, dass 95 Prozent der Exporte der Schweiz in die EU durch die Regeln der Welthandelsorganisation WTO geschützt seien. Die WTO verbiete die Verschlechterung einmal eingeführter Handelsliberalisierungen.

Alles nicht so schlimm? Es sind zwei von den sieben Abkommen, die von der Wirtschaft als wichtig eingestuft werden. Das Abkommen über öffentliche Beschaffungen ermögliche den Schweizer Unternehmen Zugang zu öffentlichen Beschaffungen in der EU. In der Theorie ist das richtig. In der Praxis sind aus Grenzregionen dutzendweise Beispiele für vertragswidrige Diskriminierungen bekannt. Es ist unklar, was denn das Abkommen angesichts bereits bestehender WTO-Regeln bei Ausschreibungen bringt. Das zweite Abkommen ist jenes über die technischen Handelshemmnisse. Es erleichtere den Export für Güter, die zuerst von den Behörden zertifiziert werden müssen. Doch diese Hindernisse könnten auch einseitig durch die Schweiz abgebaut werden, wenn man das wirklich als so dringlich erachten würde. Und auch Schweizer Behörden könnten ohne Abkommen die Einhaltung von EU-Regeln überprüfen. Europäische Zertifizierungsstellen haben zudem Büros in der Schweiz.

Das Landverkehrsabkommen ist für die EU wichtig. Es regelt die Benutzung der Alpenpässe. Beim Abkommen über den Luftverkehr, die Zusammenarbeit bei der Forschung und der Landwirtschaft bestehen starke gegenseitige Interessen. Selbst Staatssekretär Yves Rossier sagte letzten Herbst, dass die EU kein Interesse habe, die von ihr freiwillig unterschriebenen weil vorteilhaften Verträge zu kündigen.

Die bilateralen Verträge sind nicht, was ihre gläubigen Verteidiger vorgeben. In Abwandlung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann könnte man sagen: Wer die Bedeutung der Bilateralen hochredet, redet auch den politischen Preis hoch, den er dafür zu zahlen bereit ist. Wir müssen die Bilateralen nicht aufgeben, aber wir sollten uns davor hüten, dafür einen selbstzerstörerischen politischen Preis zu bezahlen. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 28.02.15, Foto: mark notari / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Gold, das Edelmetall mit Wert
Von Tigerzungen und Zauberlehrlingen: Warum wir die Gold-Initiative annehmen sollten

Die Initiative «Rettet unser Schweizer Gold», über die wir am 30. November abstimmen, fordert drei Dinge: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) muss den Schweizer Franken mindestens mit 20 Prozent Gold decken, sie muss dieses Gold in der Schweiz lagern und sie darf kein Gold mehr verkaufen.

Das ist keine geldpolitische Revolution. Es ist nicht einmal die Rückkehr zum Zustand von vor 1999, als die Nationalbank noch doppelt so viel Gold besitzen musste. Es ist auch keine Einladung für Spekulanten. Dafür sorgt eine ausserordentlich lange Übergangsfrist von fünf Jahren, bis der Goldanteil 20 Prozent erreichen muss. Die Menge Gold, die die Nationalbank in diesen fünf Jahren kaufen müsste, ist zu gering, um den Preis zu beeinflussen.

Das Vertrauen ist entscheidend
Was ist Geld? Ein Gegenstand, den ich zum Tauschen verwenden kann. Wenn ich einen Geldschein bei meiner Bank beziehe, weiss ich, dass ich damit im Restaurant mein Essen bezahlen kann. Statt Münzen hat man früher auch Muscheln, gepressten Tee oder getrocknete Tigerzungen verwendet. Entscheidend ist das Vertrauen in das Tauschmittel. Nur dann hat der Geldschein tatsächlich einen Wert. Dieses Vertrauen ist der Grund, warum die Nationalbank Reserven hält. Sie gibt Franken aus und kauft damit Euro oder Dollar. Nur zu einem kleinen Teil (acht Prozent) hält sie heute Gold als Reserve. Euro und Dollar sind aber wiederum nur Papiergeld, die wiederum durch Papiergeld gedeckt werden. Dies ist so, seit 1971 die USA die Golddeckung ihrer Währung aufgehoben haben. Papiergeld hat seither gegenüber Gold fast seinen ganzen Wert verloren. Zwar schwankt auch der Goldpreis, aber er erholt sich jeweils wieder.

Gleichzeitig haben die National­banken die Geldmenge aufgeblasen. Die SNB hat alleine seit 2008 die Geldmenge verdoppelt. Ähnlich sieht es in den USA und beim Euro aus. Besonders steil stieg die Geldmenge an, als die SNB 2011 begann, den Mindestkurs des Frankens zu verteidigen. Immer wenn der Kurs des Frankens sank, musste sie mit neuen Franken Euro und Dollar kaufen. Die Geldmenge ist so viel stärker gewachsen als die Gütermenge, die man dafür kaufen kann. Das hat in der Vergangenheit früher oder später zu einem Wertzerfall der Währung (Inflation) geführt. Auf den Aktien und Immobilienmärkten ist das schon zu spüren. Inflation bestraft immer jene, die eigenverantwortlich sparen, besonders den Mittelstand, die das in Franken auf einer Bank tun.

Experiment mit grossen Risiken
Die Nationalbanken veranstalten ein noch nie dagewesenes Experiment mit unserem Geld und gehen dabei enorme Risiken ein. Seit es die SNB gibt, hat der Franken 90 Prozent seines Wertes verloren, auf Kosten der Sparer. Das 20-Franken-Goldvreneli behielt seinen Wert hingegen und muss darum heute für 200 Franken gekauft werden. Soll das so weitergehen?

Die SNB hat schon viel von ihrer Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit verloren. Als sie 2011 die Kantone warnte, es gebe keinen Gewinn auszuschütten, probten die Finanzdirektoren den Aufstand, und die SNB knickte ein. 2012 verkündete sie, es gebe trotzdem Geld. Heute kämpfen die Finanzdirektoren gegen die Gold-Initiative, weil sie auf das Geld «angewiesen» seien. Deutlicher kann man die verlorene Unschuld der Nationalbank nicht unter Beweis stellen.

Der Mindestkurs gegenüber dem Euro ab September 2011 kam der Exportindustrie sicher gelegen. Er bewahrte sie vor grossem Anpassungsdruck. Zweifellos wurden dadurch Arbeitsplätze gerettet. Gleichzeitig verringerte die Massnahme aber die Kaufkraft der gesamten Schweizer Bevölkerung. Der starke Franken hätte dazu geführt, dass wir importierte Waren billiger kaufen könnten. Der Kaufkraftverlust lässt sich sogar berechnen, wenn man die Devisenreserven der SNB durch die Bevölkerung dividiert. Pro Kopf verringert die politisch gewollte Manipulation des Franken-Kurses die Kaufkraft um 50 000 Franken, pro vierköpfige Familie um satte 200 000 Franken. Das trifft besonders jene, die nicht viel Kaufkraft haben, weil ihr Einkommen gering ist. Der Mindestkurs ist gefährlich strukturkonservativ und im höchsten Masse unsozial. Dass bis heute kein Ausstieg daraus zu erkennen ist, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil. Mit der Gold-Initiative wäre ein solcher Mindestkurs nicht unmöglich, aber schwieriger. Und er wäre mindestens mit Gold als Fundament unterlegt.

«Unheilvolle Überforderung»
In der Geldpolitik ist ein gigantisches Experiment mit dem Vertrauen der Leute im Gang. Es ist ein Experiment, das die Nationalbanken und besonders die Schweizerische von ihrem eigentlichen Zweck der Preisstabilität weggeführt hat. Sie ist jetzt auch noch für die allgemeine Konjunktur, die Kantonsfinanzen und das Wohl der Exportindustrie zuständig. Ernst Baltensperger, der wohl beste Kenner der Schweizer Geldpolitik und Berater der SNB, warnte kürzlich im Schweizer Monat vor einer «unheilvollen Überforderung» der Notenbanken. Die Geldpolitik huldige wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren einem «masslosen Machbarkeitsglauben»: «Diese Politik führte damals ins Abseits. Sie wird langfristig auch diesmal kaum erfolgreich sein.» Es sind Zauberlehrlinge am Werk, und sie spielen mit unserem Geld.

Die Gold-Initiative weist massvoll in eine andere Richtung. Wer sie befürwortet, sagt Ja zu einem Franken, der nicht bloss Papier, sondern einen über Jahrhunderte und bis in die jüngsten weltwirtschaftlichen Turbulenzen hinein realen Wert im Hintergrund hat. Das schafft Vertrauen, wo es bereits beschädigt ist. Es stärkt die Unabhängigkeit und die Glaubwürdigkeit der Nationalbank, wo sie schon beeinträchtigt wurde. Es entzieht mindestens einen Fünftel der Reserven der Politik. Das ist eigentlich zu wenig, aber ein Schritt in die richtige Richtung. Über einen künftigen Verkauf von Gold müsste das Volk abstimmen. Und das Gold wäre dort gelagert, wo es bei geldpolitischen Turbulenzen zu sein hat: in der Schweiz. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 12.11.14, Foto: Rike / pixelio.de)

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Fünfzig Rappen Stück
Aufräumen nach der Krise: private Währungen als Alternative zu staatlichem Papiergeld

Die Eurokrise sei vorbei. Das verkündeten sowohl der französische Präsident François Hollande, der EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso und auch der Präsident der europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Die Zentralbank hatte im Sommer 2012 begonnen, ­unbeschränkt Staatsanleihen von europäischen Staaten aufzukaufen. Das bedeutet, dass die europäische Notenbank direkt Staaten finanziert. Damit sicherte sie die Schulden dieser Staaten, zum Beispiel bei Banken. Kein Wunder: Die Akteure auf den Finanzmärkten beruhigten sich etwas und die Politiker frohlockten. Die Geldschwemme durch die europäische Notenbank scheint zu wirken. Sie hat vielleicht Schlimmeres verhindert, zumindest vorläufig. Ist also alles in Butter?

Die Kehrseite ist die enorme Auf­blähung der Geldmenge. Nicht nur in Europa. Die USA haben genauso versucht, die Auswirkungen der Finanz­krise abzuschwächen. In der Schweiz hat die Nationalbank mitgezogen, enorme Summen in die Wirtschaft gepumpt und damit die eigene Währung geschwächt. Die Geldmenge des Schweizer Frankens hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt, jene der USA und des Euros gar verdreifacht.

Was hat das für Auswirkungen? Geld ist billig, also die Zinsen tief und die Währung schwach. Exporte aus der Schweiz werden künstlich verbilligt, ­Importe entsprechend verteuert. Für Investoren lohnt es sich, Projekte zu finanzieren, die nur wenig einbringen. Es gibt Ökonomen, die das Aufschwung nennen, andere warnen davor, weil der ­«Stimulus» nur künstlich sei.

Schulden machen ist billiger, Sparen bringt kaum Ertrag. Das spüren wir alle: Unsere Guthaben auf der Bank werden kaum noch verzinst, die Pensionskassengelder nur noch theoretisch zum unrealistischen Mindestzinssatz und wer Geld hat, investiert es in Sachwerte wie Häuser, Luxusgüter oder Gold.

Die laufende Enteignung

Die Hoffnung ist, dass diese Werte auch die hohe Teuerung überdauern werden. Denn zu diesem Mittel haben Staaten jeweils gerne Zuflucht gesucht, wenn sie ihre Schulden loswerden wollten – auf Kosten der Allgemeinheit. Die NZZ-Redaktoren Michael Ferber und Michael Rasch sehen darin eine bereits laufende «heimliche Enteignung».

Das billige Geld der Notenbanken schafft einen künstlichen Aufschwung – und die Voraussetzung für die nächste Krise, wenn die Blase wieder platzt. Der in Hamburg lehrende Schweizer Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar kritisierte kürzlich in der Zeitung «Finanz und Wirtschaft» diese Politik als Symp- tombekämpfung. Das billige Geld ver­zögere die Anpassung der Strukturen der Wirtschaft. Das sei «das Ende des Kapitalismus und der Anfang einer dirigistischen Staatspolitik, betrieben durch die Zentralbanken». Davon profitieren vor allem die Banken, denn die Geldschwemme landet zuerst bei ihnen. Schon in diesem Jahr machen die Banken wieder enorme Gewinne und dank des billigen Geldes ist auch genügend da für Boni.

Die Basis dieser von Straubhaar als «Diktat der Notenbanken» bezeichneten Staatswirtschaft ist das Währungsmonopol der Notenbanken. Der Franken ist das gesetzlich vorgeschriebene Zahlungsmittel in der Schweiz. Es gibt keine alternative freie Währung, die nicht durch eine staatliche Institution herausgegeben würde. Da setzen die grundsätzlichen Kritiker des Geldsystems ein: Formell sind die Notenbanken zwar unabhängig, letztlich betreiben sie aber das, was man seitens der Politik von ihnen erwartet.

Früher war jede Banknote und jedes Guthaben durch Gold gedeckt. Seit der definitiven Abschaffung des Goldstandards Anfang der Siebzigerjahre haben die Notenbanken die Möglichkeit, aus dem Nichts Geld zu schaffen, per Knopfdruck und ohne Rücklage. Da auch die Geschäftsbanken nur eine Mindestreserve halten müssen, machen sie dabei mit und schaffen ihrerseits neues Geld. Ebenfalls per Knopfdruck und nur mit einer Teilrücklage.

Der Kater nach der Party

Der Frankfurter Ökonom Thorsten Polleit sieht in der staatlich gelenkten Kredit- und Geldwirtschaft die Ursache der immer wiederkehrenden Finanz- und Schuldenkrisen. Und weil der Kapitalismus zum Sündenbock gestempelt und die tatsächlichen Zusammenhänge verwischt würden, werde als Lösung angepriesen, was die Ursache der Krise sei: Noch mehr billiges Geld, was zu noch grösseren Verzerrungen, falschen Anreizen und neuen Blasen führe. Das wäre vergleichbar mit einem Kater nach einer Wodka-Party, den man mit noch mehr Alkohol bekämpfen wolle.

Die Alternative sehen er und andere Kritiker in einem freien Geldsystem, worin jede und jeder sein eigenes Geld herausgeben kann und die Menschen selber entscheiden, welche Währung sie benutzen. Damit gäbe es Alternativen zu staatlichem Geld – vielleicht so etwas wie Raiffeisen-Dollars statt Schweizer Franken. Es entstünde ein Wettbewerb der Währungen. Dabei würden sich Währungen durchsetzen, die von besonders vertrauenswürdigen Absendern stammten – besonders Währungen, welche tatsächlich mit Gold oder anderen Werten gedeckt wären.

Abstraktes Denkmodell

Keine politisch motivierte und durch die Notenpresse geschaffenen Aufschwünge mehr, keine Blasen und damit auch keine Finanzkrisen mehr, Stärkung der realen Wirtschaft, der Sparer und Vorsorger und keine Enteignung. Die Idee geht auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich A. von Hayek zurück. Die «Entnationalisierung des Geldes» war für ihn von entscheidender Bedeutung: «Wir werden so lange kein anständiges Geld bekommen, bis es anderen freisteht, uns ein besseres anzubieten als die jeweils herrschende Regierung.»

Andere Ökonomen sind skeptisch, ob das so gelingen würde, wie man es sich in der Theorie ausdenkt. Kurt Schiltknecht, ehemaliger Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, sieht darin eher ein abstraktes Denkmodell. Man habe das noch nie wirklich in die Praxis umgesetzt. Er bezweifelt, dass der Wettbewerb immer und überall das beste Resultat hervorbringt.

Zudem gebe es ja auch heute schon einen Wettbewerb zwischen den verschiedenen staatlichen Währungen: «Dieser Wettbewerb hat heute disziplinierende Wirkung auf die Notenbanken.» Freie Finanzmärkte seien deshalb entscheidend für das Funktionieren des heutigen Systems.

Das Jahrhundert der Inflation

Bern. Das 20. Jahrhundert kann als Zeit der Inflation beschrieben werden. Der amerikanische Dollar hat in den letzten hundert Jahren 95 Prozent seines Werts eingebüsst. Und obwohl in der Schweiz hohe Inflationsraten Jahrzehnte her sind: Auch der Schweizer Franken ist über den langen Zeitraum betrachtet nicht viel besser. Und das, obwohl die meisten Notenbanken, auch die Schweizerische, Preisstabilität zum Ziel haben. Nur: Für die Schweizerische Nationalbank bedeutet auch eine Teuerung von bis zu zwei Prozent noch Stabilität. Das scheint wenig. Aber innert zwanzig Jahren ­verliert ein Vermögen real einen Drittel seines Werts. Und in 35 Arbeitsjahren ist der erste Pensionskassenfranken nur noch halb so viel wert. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 12.08.13 im Rahmen einer Serie über Wahlfreiheit in der Schweiz, Foto: michael berger / pixelio.de)

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