My yummy steak (Momo)
Die Kampagne «Sicher geniessen» will uns die Freude am roten Fleisch vergällen

Rechtzeitig zur Grillsaison soll uns die Lust auf Fleisch genommen werden. Zwar nicht generell, aber immer dann, wenn es nicht völlig totgebraten ist. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) warnt vor dem Grillieren.
Das Leben ist wahnsinnig lebens­gefährlich. Grillieren aber noch mehr. Hauptgefahr ist ein Bakterium namens «Campylobacter». Das Tierchen verursachte gemäss Bund im letzten Jahr 7000 Durchfallerkrankungen (weniger als ein Promille der Bevölkerung), wovon 15 Prozent im Spital behandelt werden mussten.

Begrenzte Risikogruppe
Vermutlich sind das genau jene, die am Grill zu wenig Alkohol getrunken haben. Diese alte These hat das BLV noch nicht widerlegt, also gilt sie bis auf Weiteres. Die Bakteriengefahr lässt sich darum auf eine Risikogruppe eingrenzen: auf pouletbrustessende Antialkoholiker. Ich gebe zu, dass ich nicht zu dieser Gruppe gehöre.
Im Kampagnenvideo des BLV kauft ein Hipster zwei Pouletbrüstli und legt sie zu Hause unverzüglich in den Kühlschrank (Grundregel 1: «Richtig kühlen»), nur dass ihm eine Sekunde später in den Sinn kommt, dass er sie ja kochen will (er hätte vermutlich lieber ein blutiges Rindsteak, aber seine Freundin isst lieber Poulet). Doch zuerst muss er sich die Hände waschen, mit Seife natürlich (Grundregel 2 des BLV: «Richtig waschen»). Halt so wie man es zu Hause oder im Haushaltunterricht gelernt hat. Michael Beer, Leiter der Abteilung Lebensmittel und Ernährung im BLV sagt offen, dass die Kampagne an den gesunden Menschenverstand erinnern wolle. Jetzt haut der Hipster die Brüstchen ungewürzt (!) sehr lange in die Pfanne (Grundregel 3: «Richtig erhitzen»). Auch die Peperoni kommt nun dran. Sie wird gereinigt (Grundregel 2: «Richtig waschen») und auf einem neuen Brett geschnitten (Grundregel 4: «Richtig trennen»), vermutlich damit allen klar ist, dass auch Gemüse tödlich sein kann (das weiss ein Grilleur längst). Nach dem Essen stellt er die Reste vom Poulet – seiner Flamme hat es offenbar nicht geschmeckt – brav in den Kühlschrank zurück (wieder Grundregel 1: «Richtig kühlen»). Wer das einhält, macht alles richtig. Hans Wyss, Direktor des BLV, sagte gestern beinahe drohend, dies sei nur der Start der Kampagne. Die Öffentlichkeit müsse ein «Bewusstsein entwickeln, dass Lebensmittel eine Gefahr darstellen».
Alles Fleisch soll gemäss BLV auf 70 Grad Kerntemperatur erhitzt werden. Jeder gute Metzger und jeder Connaisseur am Grill weiss, dass ein edles Stück Fleisch so durchgebraten nicht schmeckt. Bei den besonders gefährlichen Hühnern gäbe es zwar eine einfache und sichere Lösung: das Chlorhühnchen. Doch die sind politisch weniger korrekt als das bakterienverseuchte Bio-Brüstli aus Freilandhaltung. Wir Schweizer Konsumenten haben nicht einmal die Wahl. Chlorhühnchen gibt es hierzulande gar nicht.
Der Staat kümmert sich umfassend um unser leibliches Wohl: Letzten Herbst warnte die WHO vor den Gefahren der Wurst. Pünktlich zu Weihnachten warnte das Bundesamt für Gesundheit vor Kerzen, gestern schob Bundesrat Alain Berset eine Strategie «Prävention nichtübertragbarer Krankheiten» an, mit der wir zu mehr Bewegung und gesünderem Konsum erzogen werden sollen. Ebenfalls gestern schrieb die Handelszeitung, dass der Kommunikations- und Beratungsaufwand des Bundes einen neuen Höchststand erreicht habe. Und der «Ausgabenkönig» ist Bundesrat Berset, bei dem obige Kampagnen laufen.

Sachkundenachweis Grill
Alle anderen Gefahren beim Grillieren bleiben derweil unerwähnt. Wann kommt die Kampagne – so fragt man sich – damit wir das Messer am Griff statt an der Klinge halten sollen? Wann die schützende Maximaltemperatur der Grillkohlen? Wann kommt die Handschuhpflicht und die Promillegrenze (0,5) für den Grilleur? Und wann der «Sachkundenachweis Grill»?
Grüsel sind einfach Grüsel. Bei einem heftigen Durchfall besteht die beste Gelegenheit, dass sie es lernen. Wenn sie zum Arzt müssen, bezahlen sie zuerst Franchise. Sie generell zu erhöhen, wäre sicher wirksamer als jede Kampagne, weil richtiges Verhalten belohnt und falsches bestraft würde. (veröffentlicht in der Basler zeitung vom 08.04.16, Foto: momo / flickr.com, CC-Lizenz, unbearbeitet)

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Steak by Taryn Fleisch Meat
Wer bis letzten Sommer ein paar saftige Steaks aus Deutschland für eine Grillparty einführen wollte, zahlte erst ab dem fünften Kilo Zoll. Mit der «Vereinfachung» der Einfuhrbestimmungen wurde diese Grenze gesenkt – heute zahlt man bereits ab dem zweiten Kilo einen Zolltarif von 17 Franken. Diese «Vereinfachung» ist nichts anderes als Protektionismus, um den heimischen Markt abzuschotten. Dass der Nationalrat jetzt aber eine weitergehende Motion überweist und die Wiedereinführung einer Obergrenze für Fleischimporte von Privaten fordert, schlägt dem Fass den Boden aus.

Die SVP und die FDP – sonst Verfechter des freien Marktes schotten damit den bereits überregulierten Schweizer Agrarmarkt noch weiter ab. Mögen die Beweggründe der Motion auch gut und zum Wohl der Schweizer Produzenten gemeint sein, ist der Konsument dennoch nicht bereit mehr als doppelt so viel für ein Kilo Rindsfilet zu bezahlen, als im grenznahen Ausland.

Anstatt sich abzuschotten, wäre es angezeigt, dass die Schweizer Produzenten konkurrenzfähiger werden und gleichzeitig mit Verkaufsargumenten wie hoher Qualität und artgerechter Tierhaltung werben.

Wer sich aber weiter abschottet und den freien Markt nur dann predigt, wenn es einem gerade passt, der wird über kurz oder lang auf der Verliereseite stehen. Der Konsument lässt sich nämlich weder für blöd verkaufen noch zahlt er einfach aus irgendeinem falsch verstandenen Patriotismus heraus mehr für sein Filet. Denn etwas ist so sicher, wie das Amen in der Kirche: Mehr Markt führt zu mehr Freiheit – und zwar für Produzenten und Konsumenten. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 04.03.15, Foto: Taryn /flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Fleisch in einer Metzgerei

Sehr geehrter Herr Ulrich Hofmann von der Metzgerei Hofmann in Lyss

Gratulation zum Interview auf der Website des Tagesanzeigers über den von der Gemeinde Lyss hoheitlich verordneten Vegi-Tag:

Zum Vegetarismus gehört der missionarische Eifer, nicht bei der persönlichen Lebensführung stehenzubleiben, sondern andere vom Verzicht auf Fleisch zu überzeugen. Wenn nötig auch mit staatlichen Mitteln. Mit der Aufklärung haben wir eigentlich die selbst verschuldete Gewissenskontrolle einer Institution abgestreift und die individuelle Verantwortung für unser Tun und Lassen gewonnen. Der Einzug von Moral in die Politik in den letzten Jahren will das wieder rückgängig machen – nicht nur bei der Frage was wir essen. Statt die Kirche würde uns nun einfach der Staat bevormunden. Der französische Politiker Alexis de Toqueville schrieb schon 1840, der Staat bedränge und verdumme die Bevölkerung “daß sie nur noch eine Herde furchtsamer und geschäftiger Tiere ist, deren Hirte die Regierung.” So war und ist die Aufklärung definitiv nicht gemeint.

Gratulation: Sie machen das sehr gut im Interview und weisen ruhig und besonnen auf die entscheidenden Fragen hin: Soll die Politik die Menschen bevormunden, umsorgen, behüten oder ihnen den freien Entscheid zumuten? Genügt es nicht, dass die Lysserinnen und Lysser wissen, was sie einkaufen, sondern muss man es ihnen noch mit einer hoheitlichen Empfehlung abspenstig machen? Wird der Verzicht auf Fleisch vom individuellen und respektierten Entscheid zur Religion und Staatsraison?

Ich an Ihrer Stelle würde am kommenden 12.Mai – dem ersten lysserisch verordneten Vegi-Tag – ein spontanes Grillfest veranstalten, als ein Akt der persönlichen Freiheit der Lysserinnen und Lysser, die sich nicht bevormunden lassen und sehr wohl wissen, dass es nicht jeden Tag Fleisch geben muss. Ein Fest der guten Produkte aus der Region beim Metzger im Dorf, für alle die das auch zu schätzen wissen. Sollte ich je bei Ihnen vorbeifahren, dann kaufe ich etwas Feines bei Ihnen, egal an welchem Tag, sieht gluschtig aus!

Ich wünsche Ihnen, Ihrer Familie, Ihrem Geschäft und allen Angestellten alles Gute – und dem Gemeinderat von Lyss die Rückkehr zum guten Menschenverstand!

Freundliche Grüsse, Colombina

(Foto: s.media / pixelio.de)

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