Alberto Giacometti Skulpturen
Irgendwie gefallen sie mir ja auch, diese schlanken langen Menschen, die Alberto Giacometti geschaffen hat. Solche Skulpturen sind rar und teuer. Und weil Giacometti tot ist, gibt es auch keinen Nachschub. Das Angebot ist also ein für alle Mal begrenzt, die Nachfrage gross und der Preis entsprechend hoch. Leider reicht mein Einkommen nicht aus, um mir eine zu kaufen. Und das – so habe ich nun gelernt – ist der Ursprung meines körperlichen Übels. Das ist der Grund, weshalb mein Sixpack zum Partyfass wurde.
Ja, genau: Der fehlende Giacometti ist schuld an meinen Kilos zu viel. Das steht zumindest im Projektbeschrieb «Gesundheitsreize» des Nationalen Forschungsprojektes (NFP) Nummer 69 «Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion». Der Anblick einer schlanken Giacometti-Skulptur führe nämlich dazu, so steht da allen Ernstes, dass man weniger esse.

Das ist nur ein Beispiel für die Staatsforschung, die mit diesen Forschungsprogrammen betrieben wird. Sie sind ein teurer Verstoss gegen die Wissenschaftsfreiheit. Gemäss Gesetz ist es nämlich der Bundesrat, der die Fragestellungen und Schwerpunkte der Nationalen Forschungsprogramme bestimmt. Und er macht damit unverfroren Politik. Ob «Big Data», «Gesundheitsversorgung», «Nachhaltige Wirtschaft», «Antimikrobielle Resistenz», «Steuerung des Energieverbrauchs», «Energiewende», «Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden» oder eben «Gesunde Ernährung und nachhaltige Lebensmittelproduktion»: Es sind Themen, die im Parlament sind oder bald ins Parlament kommen. Und der Bundesrat legt das Programm so aus, damit von Anfang an klar ist, dass die Forschung allfällige Eingriffe des Staates in das Leben der Menschen irgendwie legitimiert.

Nehmen wir das Programm «Nachhaltige Wirtschaft», bei dem zurzeit die Ausschreibung läuft. Das Programm soll – gemäss Ausschreibungsunterlagen, Punkt 4, «Ziele» – gewährleisten, dass die Akteure, ausdrücklich auch jene in der Politik, die «Potenziale» einer nachhaltigen Wirtschaft erkennen. Die möglichen Nachteile einer staatlichen Lenkung der Wirtschaft sind hingegen kein Thema, dafür Papiere des Bundesrates wie der «Aktionsplan Grüne Wirtschaft 2013», dem bis heute eine anständige Rechtsgrundlage fehlt, sodass man meinen könnte, die Schweiz wäre mehr Bananenrepublik denn Rechtsstaat. Dass das Parlament vor mehr als einem Jahr die Gesetzesvorlage zur «Grünen Wirtschaft» versenkt hat, spielt im Forschungsprogramm keine Rolle. Und dass die Wirtschaft bereits deshalb nachhaltig sein könnte, weil sie sich im Wettbewerb gar keine Verschleuderung von Ressourcen leisten kann, wird gemäss Programm gar nicht untersucht. Dafür setzt die Ausschreibung voraus, dass der Staat in die Wirtschaft eingreifen muss und irgendwann eingreifen wird. Es geht also nicht nur bei der Themenauswahl, sondern auch bei der Umsetzung ganz direkt um PR für den Staat. Ähnliches liesse sich über die beiden Programme im Energiebereich sagen, wo einseitig nur gefördert wird, wer im Sinne von Doris Leuthards Energiestrategie denkt und forscht. Die Programme kosten den Bund rund 40 Millionen Franken pro Jahr.

Wer als Oberassistent oder Professor Geld aus diesem Topf will, der muss sich an die politische Ausschreibung halten. «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing» ist aber kein gutes Motto für erfolgreiche Forschung. Ganz im Gegenteil: Die Forschung der Schweiz ist wichtig und weltberühmt geworden, weil sie gerade nicht von oben gelenkt und voreingenommen war, sondern sich frei entfalten konnte oder – auch das ist einem politischen Missbrauch von Forschung moralisch vorzuziehen – wirtschaftliche Interessen verfolgte.

Das erwähnte Projekt «Gesundheitsreize» liefert übrigens irgendwann «Grundlagen, aus denen effektive Massnahmen für eine gesunde Ernährung abgeleitet werden können». Ich freue mich schon auf die Giacometti-Pflicht in Restaurants und Wohnzimmern. Aber jetzt schaue ich mir eine üppige «Nana» von Niki de Saint Phalle an. Und dann gehe ich mit Kollegen an einen Apéro. (veröffentlicht in der basler Zeitung am 01.04.17, ist aber kein Aprilscherz, Bild:
marikeeler CC-Lizenz, unverändert)

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Unterschiedliche Interessen und Neigungen sind natürlich
Es ist banal und tagtäglich erfahrbare Wirklichkeit: Frauen und Männer sind anders. Und sie sind es von Anfang an. Wer Kinder hat, weiss, was ich meine. Dazu gibt es längst wissenschaftliche Erkenntnisse. Darum erstaunt es nicht, dass die Geschlechter später unterschie­dliche Neigungen und Interessen entwickeln.

Ein millionenteures Forschungsprogramm des Bundes kommt zu ganz anderen Schlüssen. Die Gesellschaft ist schuld und schafft Ungleichheit. Also muss der Staat Abhilfe schaffen: Sensibilisierung mit staatlichen Kampagnen, geschlechterkorrekten Kindergärten und doktrinärem Lehrplan, flächendeckender Lohnpolizei, mehr Bürokratie für Kinderbetreuung – kurz: Rundumbetreuung durch Vater Staat von der egalitären Wiege bis zur gleichgestellten Bahre. Ob die Massnahmen auch wirken, wurde im Forschungsprogramm nicht untersucht.

Wer in der Tatsache, dass Frauen lieber Pflegerinnen als Ingenieurinnen werden, eine stossende und staatlich zu korrigierende Ungleichheit sieht, verwechselt gleiche Startchancen mit gleichem Ergebnis. Ersteres steht in der Bundesverfassung, Letzteres nicht. Im Gegenteil: Der Preis der absoluten Gleichstellung, wie sie der Gender-Ideologie vorschwebt, wäre die Unfreiheit. Gleichheit im Ergebnis ist nicht Voraussetzung für Freiheit. Sie ist ihr Ende.

Der Zweck der Genderforschung scheint weitaus banaler zu sein: Da der Ansatz die biologischen Ursachen der Unterschiede zwischen Frauen und Männern ausblendet, wird die so durchgeführte Forschung bis in alle Zukunft Ungleichheiten feststellen und die Notwendigkeit für weitere Studien und staatliche Massnahmen rechtfertigen können.

Die Empfehlungen des Forschungsberichtes zielen an den wahren Problemen berufstätiger Frauen und ihrer Partner vorbei. Die entstehen vor allem dort, wo der Staat sich einmischt.

Zum Beispiel bei der steuerlichen Bestrafung von Zweitverdienern. Zusammen mit der künstlich verteuerten Kinderbetreuung bleibt einem doppelt verdienenden Paar kaum mehr etwas Bares übrig. Oder bei den bürokratischen Voraussetzungen für Krippen, die verhindern, dass ausreichend Betreuungsangebote entstehen. Oder bei staatlichen Schulen, deren Angebot mit Hausmüttern statt berufstätigen Frauen rechnet – und die sich mangels freier Schulwahl auch nicht umorientieren müssen. Wahlfreiheit ist die Lösung, nicht das Problem.

Die Verteilung der Hausarbeit ist private Angelegenheit der Partner. Sie ist Gegenstand der Vereinbarung, wie Menschen ihr Leben organisieren. Auch da besteht Wahlfreiheit. Zum Glück noch. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 28.05.14, Foto: Elvin.zilverbat / Flickr.com, Creative commons, unverändert)

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