Kopfloses Behinderten-Symbol
Vor bald acht ­Jahren hat die Bevölkerung an der Urne eine bis Ende dieses ­Jahres befristete zusätzliche ­Finanzierung der Invalidenversicherung (IV) mit Mehrwertsteuern genehmigt. ­Bundesrat und Parlament – inklusive die Sozialdemokraten – gaben das Versprechen ab, dafür Einsparungen auf der Leistungsseite zu beschliessen. Das Ziel war die langfristige Sanierung.

Kaum floss das Geld, rund eine Milliarde Franken pro Jahr, vergassen SP, Grüne und CVP, was sie versprochen hatten. Sie versenkten 2013 minimale Sparvorschläge. Jetzt läuft die Zusatzfinanzierung aus und ab 2018 wird die IV wieder Verluste in ­dreistelliger Millionenhöhe schreiben. Der Abbau der immer noch zwölf Milliarden Franken Schulden der IV ist in weite Ferne gerückt. Nur noch die Statistiker im Bundesamt für Sozialversicherungen glauben daran. Sie rechnen mit optimistischem Wirtschaftswachstum die IV-Rechnung schön.

Wer jetzt gedacht hätte, SP-Bundesrat Alain Berset würde sich dieser Herausforderung stellen und eine einigermassen ausgewogene Vorlage ans Parlament schicken, wurde ­gestern enttäuscht. Nicht einmal die vom Parlament schon vor drei Jahren geforderten minimalen Korrekturen bei den Reisekosten (beispielsweise von Thailand in die Schweiz) oder den Renten für IV-Bezüger mit Kindern findet er nötig. Auch bei den psychischen Gründen für Tausende von Neurenten setzt er auf noch mehr Unterstützung statt auf bessere Eingrenzung auf klar definierte Beeinträchtigungen der Gesundheit.

Sparen bei einem Sozialwerk ist keine erfreuliche Angelegenheit. Alain Berset verweigert die unangenehme Arbeit. Und der auf dem Papier bürgerliche Bundesrat ­verzichtet darauf, von ihm eine ­nachhaltige Reform einzufordern, welche das wichtige Sozialwerk langfristig sichert.

Einmal mehr ist das Parlament gefordert zu tun, wozu der Bundesrat nicht willens ist. Es muss eine ausgewogene Revision zimmern. Bundesrat Alain Berset wird sich dabei zurücklehnen, seine ihm ideologisch treu ergebenen Beamten die Arbeit der Bürgerlichen beeinflussen lassen und sich ab und zu mit seiner Partei empört gegen jede Art von Leistungskürzungen in Szene setzen. Dabei dürfte er darauf spekulieren, dass die Bürgerlichen sich in die Haare geraten und keinen Vorschlag auf die Reihe bekommen, hinter dem alle stehen können – und dass die CVP zuletzt wieder abspringt, wie schon bei der letzten Revision 2013. Wenn dann der Versicherung der Bankrott droht, kann sich Berset als Retter inszenieren – wiederum mit dem Geld aller anderen. (Veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 16.02.17, Bild:
Quinn Dombrowski / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

Ähnliche Artikel:


Pension Rente Altersvorsorge
Die Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) und die Invalidenversicherung (IV) sind Sanierungsfälle. Während die AHV letztes Jahr zum ersten Mal seit 15 Jahren in die roten Zahlen rutschte, kommt die IV nicht daraus heraus.

Die beiden Sozialwerke stehen schlechter da als vom Bund vorausgesehen. Angesichts von Negativzinsen, schwächerer Konjunktur und geringerer Zuwanderung müssen die Prognosen deutlich nach unten angepasst werden. Dann kommen Tage der Wahrheit, wenn der Bundesrat der Bevölkerung offen sagen muss, was jeder aus den Zahlen erkennen kann: Ohne Leistungskürzungen gibt es keine faire Reform, sondern weiterhin und zunehmend einen Rentenklau der wohlhabenden Alten bei den jungen, weniger verdienenden Erwerbstätigen. Gouverner serait prévoir: Wer die Augen vor der Entwicklung der Sozialwerke schliesst, verursacht deren Ende. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 27.03.15, Foto: Somin Cunningham / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

Ähnliche Artikel:


SP und Gewerkschaften können keine Volksinitiativen gewinnen

23,4 Prozent Zustimmung zur Mindestlohn-Initiative gab es vor einer Woche. Dieses Verdikt traf SP und Gewerkschaften hart. Kein einziger Kanton hat die Mindestlohn-Initiative befürwortet. Dabei ging es um ein linkes Kernanliegen.

Das Parteiprogramm der SP von 2010 will nicht nur den Kapitalismus überwinden, sondern aus der Schweiz eine «Wirtschaftsdemokratie» machen. So schwammig der Begriff ist, so klar ist, was das für die Löhne bedeutet: einen «gesetzlich garantierten, existenzsichernden Mindestlohn». Also nicht mehr im Betrieb zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder zwischen den Sozialpartnern ausgehandelte Entgelte, sondern politisch festgelegte Löhne. «Für uns Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen gilt das Primat von Demokratie und Politik», heisst es. Mit der vor einer Woche an der Urne bestätigten Sozialpartnerschaft können die Sozialdemokraten nicht zufrieden sein.

Darum ist es folgerichtig, wenn der Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Daniel Lampart, am Abstimmungssonntag von einem «ersten Anlauf» für gesetzliche Mindestlöhne sprach und die Baselbieter SP-­Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer im Interview mit der BaZ trotz Abstimmungsniederlage Forderungen wie eine gesetzliche Pflicht zu Gesamtarbeitsverträgen mit Mindestlöhnen erhob, womit wiederum die Politik ins Lohngefüge eingreifen würde. Gleichzeitig forderte Leutenegger eine «kritische Analyse». Nicht einmal die eigenen Wähler stimmten der Initiative zu. Könnte es sein, dass die Spitzen von Partei und Gewerkschaft mit ihrem Parteiprogramm völlig neben den Anliegen der Basis liegen, wie Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes, ebenfalls in der BaZ vermutete?

Mühe mit linken Kernanliegen

Dass ein Sieg sowieso schwierig geworden wäre, zeigt eine Übersicht der Volksinitiativen von links der letzten 20 Jahre, bei denen es um das sozial­demokratische Kernanliegen «Umverteilung» oder «Eingriff in den Arbeitsmarkt» ging. Das Resultat der Mindestlohn-Initiative ist das Schlechteste von allen. Nur eine Volksinitiative hat ähnlich schlecht abgeschnitten: Die Volks­initiative für eine kürzere Arbeitszeit, die 2002 in der Bundes­verfassung die 36-Stunden-Woche verankern wollte. Sie wurde wie die Mindestlohn-Initiative vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund eingereicht. Nur gerade 25,4 Prozent der Stimmenden legten ein Ja ein.

Wenig mehr Zustimmung erhielten die beiden Volksinitiativen zum Gesundheitswesen 2003 und 2007. Beide forderten einkommensabhängige Krankenkassenprämien. Damit wäre aus der Versicherungsprämie eine Gesundheitssteuer geworden. Die Befragung von Stimmenden nach der Abstimmung von 2007 ergab, dass ausgerechnet diese zentrale SP-Forderung wesentlich zum schlechten Abschneiden beigetragen hatte. Konsequenterweise hat die SP darum bei der erneuten Initiative für eine Einheitskasse, die Ende September 2014 vors Volk kommt, auf einkommensabhängige Prämien verzichtet, dies obwohl dieser Systemwechsel im Parteiprogramm enthalten ist.

Bei allen anderen Initiativen gelang es der Linken, mehr Ja-Stimmen zu ergattern, als ihrem Wählerpotenzial bei Nationalratswahlen entspricht. Dies traf eher knapp zu bei der Volksinitiative für eine Kapitalgewinnsteuer (2001), bei der Volksinitiative für sechs Wochen Ferien (2012) und bei der 1:12-Initiative (2013). Auch Letztere wurde gemäss der nachträglichen Befragung bei 1500 Stimmenden als zu etatistisch und wirtschaftsfeindlich angesehen. Das Thema lud jedoch dazu ein, ein «Zeichen zu setzen». 16 Prozent der Befragten gaben das als Grund für ihr Ja an.

Noch besser kamen nur Volksinitiativen an, die sich mit der AHV beschäftigten. Die Ausnahme von dieser Regel ist die Volksinitiative zum Ausbau von AHV und IV von 1995. Sie hatte vor allem taktische Bedeutung als Drohkulisse für die 10. AHV-Revision, die als Gegenvorschlag notgedrungen einige Anliegen der Initiative annahm. Das funktionierte so gut, dass für die jetzt anstehende ­Reform der Altersvorsorge die Gewerkschaften wieder eine entsprechende ­Initiative «AHVplus» eingereicht haben.

Alle anderen Initiativen zur sozialen ­Absicherung und Umverteilung im Alter erreichten mehr als 40 Prozent. Bei diesem Thema gelingt es der SP offensichtlich, Wähler aus anderen Parteien, insbesondere der älteren Generation ­abzuholen. Trotzdem wurde keines der Volksbegehren angenommen.

Erfolgreich bei Referenden

Das Bild wäre unvollständig, ohne einen Blick auf die Referenden zu werfen. Dabei fällt auf: SP und Gewerkschaften sind sehr viel erfolgreicher, wenn es darum geht, Reformen zu verhindern. Sowohl die 11. AHV-Revision (2004) als auch die Revision der beruflichen Vorsorge (2010) scheiterten an der Urne, nachdem SP und Gewerkschaften das Referendum ergriffen hatten. Ein Nein zu einem manchmal bloss behaupteten Abbau ist einfacher zu erreichen als ein Ja zu einem Kernanliegen.

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass SP-Bundesrat Alain Berset bei der Invalidenversicherung wie auch bei der AHV auf keinen Fall eine Schuldenbremse mit einer automatischen Anpassung der Rentenhöhe oder des Rentenalters will. Ein Automatismus würde SP und Gewerkschaften das einzige Instrument aus der Hand schlagen, mit dem sie in den vergangenen zwanzig Jahren in den für sie zentralen Fragen der sozialen Sicherheit und Umverteilung erfolgreich waren.

Prompt hat sich der Bundesrat gegen einen solchen Automatismus entschieden. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) teilt mit, die Regierung habe «das Primat der politischen Entscheidung» beizubehalten. Das ist darum bemerkenswert, weil eine Untersuchung des BSV vor zwei Jahren ergab, dass eine automatische Anpassung wirksam wäre. Zahlreiche andere Länder sorgen so für eine Anpassung des Rentensystems an die grössere Lebenserwartung. Die Sicherung des politischen Drohpotenzials scheint in der politischen Auseinandersetzung aber wichtiger als die sachlich beste Lösung. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 26.05.14, Grafik: BaZ)
image

Ähnliche Artikel:


Treppe mit einem Hinweisschild für Rollifahrer
Was würde eine freie Wahl der Invalidenversicherung bedeuten?

Die Volksinitiative «für eine öffentliche Krankenkasse» schlägt vor, anstelle der heutigen privaten Krankenversicherer eine einzige nationale Institution mit kantonalen Agenturen einzurichten. Die Initiative kommt voraussichtlich 2014 vors Volk. Die Gegner dieser ­Einheitskasse argumentieren, dass ­damit der Wettbewerb zwischen den Kassen wegfalle und die Versicherten voll und ganz dieser Kasse ausgeliefert wären. Bei der letzten Abstimmung über die Einheitskasse von 2007 ­machte das Schlagwort «Monster-Kasse» die Runde.

Diese Monster-Kasse gibt es bereits. Es ist die Invalidenversicherung (IV). Sie ist eine nationale Einrichtung mit kantonalen Agenturen zur Durch­führung. Sie hat aktuell 14 Milliarden Franken Schulden bei der AHV und schreibt jedes Jahr mehr als eine Mil­liarde Verlust, wenn man das reine ­Versicherungsgeschäft betrachtet. Die Versicherungsbedingungen stehen in einem hochkomplexen Gesetzeswerk, dessen Reform im Parlament eben nach fast drei Jahren Arbeit gescheitert ist.

Zwangsversicherung

Die IV beruht auf Zwang: Niemand kann bei der IV austreten und sich bei einer anderen Versicherung gegen Erwerbsunfähigkeit versichern. Wer sich bei der Krankenversicherung für eine freie Wahl und gegen die Einheitskasse einsetzt, müsste sich das bei der IV auch überlegen. Was würde eine freie Wahl der Invalidenversicherung bedeuten?

Den Privatversicherern würde ­erlaubt, eine Erwerbsunfähigkeitsver­sicherung anzubieten. Die Versicherten könnten unter unterschiedlichen An­geboten wählen und würden sich dort versichern lassen, wo sie die tiefsten Prämien bei den besten Leistungen erhalten würden. Jérôme Cosandey vom Thinktank Avenir Suisse meint, dass es definierte Grundleistungen bräuchte. Christian Hoffmann, Forschungsleiter beim Liberalen Institut, sieht das ­anders. Eine Vorschrift über den Ver­sicherungsgegenstand führe zu Ver­zerrungen des Versicherungsmarktes, zu Missbrauchsanreizen und zu Übernutzungsanreizen.

Risikogerechte Prämien

Die Versicherten bezahlten eine Prämie je nach dem Risiko ihres Berufs. Der Grund: Bei einer einheitlichen Prämie würde wie im Bereich der Kranken­versicherungen eine Jagd nach geringen Risiken entstehen, die dann wiederum kompliziert über einen Risiko­ausgleich bekämpft werden müsste. Dem stimmt der Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger zu. «Einheitliche Prämien für alle sind der Tod des Wettbewerbs. So kann ein Markt nicht richtig funktionieren.»

Vor Jahrzehnten hätten risiko­gerechte Prämien höhere Kosten für Landwirtschaft und Handwerk wie zum ­Beispiel den Bau bedeutet. Seit Mitte der Neunzigerjahre nehmen aber die psychischen Gründe für einen Eintritt in die IV stetig zu – 2012 waren es 43 Prozent der Neurenten –, und diese Ge­brechen haben nicht mehr unbedingt mit körperlich harter Arbeit zu tun. Die risikogerechten Prämien würden letztlich die externen Kosten eines Berufsstandes einbauen – statt wie heute auf die Gemeinschaft verteilen.

Umstrittenes Obligatorium

Bei der Frage, ob die Versicherung obligatorisch sein sollte, sind sich die Experten nicht einig. Cosandey erachtet einen Zwang als nötig, weil sich sonst niemand versichern und sich auf die ­Sozialhilfe verlassen würde. Umgekehrt erachtet er es als nötig, dass die Ver­sicherer gezwungen wären, jemanden aufzunehmen, weil sonst gerade Leute mit Risiken eventuell gar keine Ver­sicherung fänden. Das sehe man schon jetzt im Bereich der Pensionskassen, wo es ja eine private Versicherung des ­Invaliditätsrisikos gebe.

Hoffmann sieht darin eine unnötige Bevormundung der Menschen mit ­negativen Folgen für das Funktionieren des Markts: «Es wäre falsch, Sozialpolitik zu betreiben, indem die Konditionen für Nichtbedürftige verschlechtert werden. Sozialpolitik muss sich subsidiär auf jene konzentrieren, die durch das privatwirtschaftliche System tatsächlich nicht ausreichend abgedeckt werden können.» Für die allermeisten Fälle würde ein solcher Markt funktionieren. «In Härtefällen kann eine subsidiäre ­sozialpolitische Massnahme greifen.»

Sabine Alder, Mediensprecherin des Schweizer Versicherungsverbands, schliesst ein Angebot der Versicherer nicht aus: «Bei einer Privatisierung der IV wäre es theoretisch möglich, dass die Privatversicherer entsprechende Lösungen anbieten würden, da sie über das Know-how verfügen.» In Deutschland gibt es derartige Versicherungen schon: Eine private Betriebsunfähigkeits­ver­sicherung ist ziemlich verbreitet.

Innovation für Eingliederung

Für Eichenberger würde die freie Wahl umgehend zu mehr Wettbewerb führen, was nicht nur die Effizienz steigern, sondern insbesondere die Innovation im Bereich der Eingliederung von Erwerbsunfähigen verbessern würde. Derartige private Versicherer hätten ­zudem ein Interesse an der Vorbeugung von Erwerbsunfähigkeit, um ihre Kosten zu senken.

Klar ist, dass Geburtsgebrechen nicht versicherbar wären. Dies müsste – vielleicht grosszügiger als heute – vom Staat durchgeführt werden. Das betrifft rund 800 Kinder pro Jahr, nur gerade fünf Prozent der neuen Renten der IV. (erschienen in der BaZ vom 16.07.13 im Rahmen einer Serie über Wahlfreiheit in der Schweiz, Foto: GG-Berlin / pixelio.de)

Ähnliche Artikel:


Knopf in der Leitung für Sparmassnahmen
Die Perspektiven der Invalidenversicherung sind besser als auch schon. Das stimmt. Mehr als hoffnungsvolle Prognosen mit zahlreichen Unbekannten sind es aber nicht. Nur ein kleines Stottern in der Konjunktur und die Zahlen der IV werden wieder tiefrot. Das vom Volk vor drei Jahren relativ knapp gesprochene zusätzliche Geld wirkt aber auf die Politiker wie Opium. Insbesondere vernebelt es die Sicht auf den 15 Milliarden Franken hohen Schuldenberg. Diese Schuld entstand in den Neunzigerjahren durch konsequentes Schönreden der Verluste und Verzögern von Massnahmen. Genau wie in der gestrigen Debatte des Nationalrates. Gesinnungsethik verdrängte jede Verantwortung für die Zukunft des Sozialwerks. Wer die Ära Dreifuss zwischen 1993 und 2002 erlebt hat, wähnte sich in diese Zeit zurückversetzt.

Es darf bezweifelt werden, dass die IV so auf ein gesundes Fundament gestellt wird. Genau das wäre nötig, wenn die Invalidenversicherung langfristig gesichert werden soll. Die Nationalräte aus der Mitte, welche die Sparmassnahmen entweder versenkt oder auf die Zukunft verschoben haben, nehmen eine enorme Verantwortung auf sich. Heute erhalten die Gegner der zusätzlichen Einnahmen aus der Mehrwertsteuer recht. Sie warnten 2009 davor, der IV mehr Geld zu sprechen, ohne gleichzeitig Sparmassnahmen zu beschliessen. Wenn sich die Hoffnungen nicht bewahrheiten, dürfte der bald nötige «Drogenentzug» schmerzhaft werden. (aus der Basler Zeitung vom 13.12.12, Foto: Kurt Michel / pixelio.de)

Ähnliche Artikel:


Die Gewerkschafter von Travailsuisse legen ihren Finger in die Wunde. In der beruflichen Vorsorge gibt es tiefe Renditen und hohe Verwaltungskosten für die Versicherten. Und hohe Gewinne für die Versicherer. Dieser Bereich des staatlichen Zwangssparens ist für sie fast schon ein todsicheres Geschäft. Der Grund ist einfach: Der Wettbewerb spielt nicht genügend. Das geben auch die Gewerkschaften zu. Die berufliche Vorsorge ist heute an den Arbeitsplatz gekoppelt. Die Arbeitnehmer sind der Versicherung ihres Arbeitgebers ausgeliefert. Niemand wechselt seine Stelle wegen einer schlechten zweiten Säule.
Die Lösung wäre einfach: Jede und jeder wählt seine berufliche Vorsorge selber – und dank Freizügigkeitsregelung nimmt er das angesparte Geld mit, wenn er mit seiner Kasse oder Versicherung nicht mehr zufrieden ist. Dann könnten sich die Versicherer überrissene Gewinne und Verwaltungskosten gar nicht mehr leisten, ohne die Abwanderung ihrer Kunden zu befürchten. Das Geschäft müsste sich an jenen ausrichten, um die es eigentlich geht: die Arbeitnehmer und ihre Altersvorsorge. Die politischen Diskussionen über Gewinne, Verwaltungskosten, Mindestzins und Umwandlungssatz wären vorbei. Gewinn würde nur noch erzielen, wer gute Leistungen zu tiefen Kosten anbieten würde.
Die freie Wahl der Pensionskasse passt aber nicht in das ideologische Schema der Gewerkschafter. Sie fordern deshalb lieber noch mehr Regulierung. Und das, obwohl die Geschichte der berufliche Vorsorge zeigt, wie immer mehr Regulierung nur immer grössere Probleme geschaffen hat. Die freie Wahl in der zweiten Säule hat politisch so lange keine Chance, wie niemand die Interessen der Versicherten vertritt. Wer die berufliche Vorsorge wirklich sichern oder stärken will, muss hier ansetzen. (Kommentar erschienen in der heutigen Basler Zeitung, hier mehr über die wirklich skandalösen vergessenen Milliarden)

Ähnliche Artikel:


Handbike
Wir haben bereits vor einem Jahr über die Pläne des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) berichtet, die Hilfsmittel der IV staatlich einzukaufen und über ein staatliches Logistikzentrum zu vertreiben (Link). Das Vorhaben wurde dann vom Bundesverwaltungsgericht gestoppt – da es ohne jede Rechtsgrundlage war (Link, es lebe die Bananenrepublik, in dem der Staat einfach einmal so verstaatlichen kann!). Jetzt versucht man es rechtsstaatlich korrekt mit einer Gesetzesrevision.

Nun hat man offenbar auch bei den Organisationen der Menschen mit Behinderten gemerkt, was das Vorhaben des BSV bedeutet. Die Behinderten wehren sich gegen die Installation eines Hilfsmittelmonopols und fordern als Alternative eine marktwirtschaftliche Lösung, welche auf den individuellen Kaufentscheidungen der Betroffenen beruht – den einzigen Experten in Sachen Hilfsmittel und Behinderung. Wettebwerb funktioniert nur, wenn er frei von den Vertragsparteien gelebt wird – ein Schreibtischtäter in einem Bundesamt kann die individuellen Präferenzen der Betroffenen nie abbilden. Ein Hilfsmittelmonopol (genauso wie ein Kartell) geht immer zu Lasten der Kunden, hier den Behinderten, früher oder später auch zuLasten der Kostenträger, hier der IV.

Das Zentrum für selbstbestimmtes Leben Schweiz lanciert eine Petition mit der klaren Forderung, auf das Hilfsmittelmonopol zu verzichten. Die Petitionäre fordern:

Betroffene Stärken statt staatlich bevormunden!

Unterschreiben Sie die Petition. Helfen Sie mit, den ordnungspolitisch falschen Eingriff abzuwehren (Link zur Petition). Weiterer Beitrag siehe hier: Link zu Peter Wehrlis Blog. (Foto: Querschnitt @ pixelio)

Ähnliche Artikel:


krawatteschlips
Manchmal muss man jemandem auf den Schlips treten. Also: Die Invalidenversicherung ist ein gutes Beispiel für eine staatliche Einheitskasse und warum dies nicht funktionieren kann. Niemand im die IV verwaltenden Beamtenapparat hat ein Interesse an effizienten Leistungen und Sparanreizen, denn ausgegeben wird nicht das eigene Geld, sondern via Lohnabzüge automatisch von uns eingezogene Beiträge. Die Versicherten haben keine Alternative. Es gibt keine Konkurrenz. Die Folge: Jahrelange Misswirtschaft, 12 Milliarden Franken Schulden und jedes Jahr ein zusätzliches Defizit von 1.5 Milliarden. Hinzu kommen tausende von sogenannt “wohlerworbenen Rechten”, welche bis in alle Ewigkeit finanzielle Ansprüche begründen sollen. Nun wird die Allgemeinheit mittels Mehrwertsteuererhöhung zur Kasse gebeten – am 27. September 2009 stimmen wir darüber ab.

Statt neue Finanzierungsquellen braucht es eine grundlegende Neukonzeption einer Versicherung gegen Schädigungen der Erwerbsgesundheit (das und nichts anderes ist die IV eigentlich). Dabei ist zuerst zu klären, ob es überhaupt nötig ist, dass der Staat selber eine Invalidenversicherung betreibt und organisiert. Es gibt auf den ersten Blick keinen Grund, dass dies nicht durch private Versicherungen betrieben werden könnte. Es ist Mode, über die Krankenkassen herzuziehen, aber dieses System funktioniert zumindest an dieser Ecke klar besser und effizienter als die IV. Auch hinsichtlich der Erwerbsgesundheit sollen sich konkurrenzierende Versicherungsmodelle den Bedürfnissen der Kunden anpassen können – und damit diese besser befriedigen. (Foto: doro52 @ pixelio)

Ähnliche Artikel: