Nivea Werbung auf einem Wagen
Die Wettbewerbskommission (Weko) legte gestern eine beeindruckende Bilanz des vergangenen Jahres vor. Die selbst erklärte «Fürsprecherin des Wettbewerbs» hat Entscheide gefällt, die über die direkt betroffenen Unternehmen hinaus vorbeugende Wirkung entfalten. Das ist die gute Nachricht.

Verbesserungen sind trotzdem möglich. Allerdings braucht die Weko dafür die Politik. Mit mehr Personal könnte sie mehr Wirkung entfalten. Die 2011 vom Parlament bewilligten zwei zusätzlichen Millionen Franken sind allerdings rasch durch automatische Lohnerhöhungen aufgefressen worden. Die Weko beschäftigt heute wieder gleich viele Leute wie 2008. Nötig wäre zudem die Trennung zwischen der Untersuchungs­behörde und der urteilenden Kommission. Die heutige Vermischung ist unfair gegenüber den angeschuldigten Unternehmen und eines Rechtsstaates unwürdig.

Doch das Parlament kümmert sich nicht um diese längst bekannten Anliegen, sondern will immer noch mit dem Kartellgesetz gegen die sogenannte Hochpreisinsel vorgehen, obwohl dies erst vor kurzem im Nationalrat gescheitert ist. Bei aller Empörung über Preisunterschiede gegenüber dem Ausland: Die Hochpreisinsel hat nichts mit Kartellen zu tun, die man nicht schon heute büssen könnte, sondern ist die Kehrseite der Hochlohninsel Schweiz. So lange der Konsument die Wahl hat und statt teures Nivea eine andere Handcreme kaufen kann, gibt es kein Problem. Die dafür aufgeworfenen Lösungen kranken im Übrigen alle daran, dass sie entweder nicht umsetzbar sind oder mehr schaden als nützen.

Die teuersten und dauerndsten Kartelle bestehen nicht in der Privatwirtschaft, sondern wachsen auf staatlichem Mist. Angefangen bei städtischen Taxi-Kartellen, die günstige Konkurrenz aus dem Internet verhindern, über SBB und Konsorten, die sich per Gesetz günstige Fernbusse vom Hals halten, bis zu Ärzten und Spitälern, welche die Konkurrenz mit Vorschriften, Bedarfsplanungen und Tarifen vom Leib halten. Auch den Pensionskassen ist es sauwohl, solange wir Versicherten keine freie Wahl haben und wichtige Leistungen politisch festgelegt werden, weil es dann keinen Wettbewerb darüber gibt. Ähnliches gilt für die Stromwirtschaft. Die Pharma legt lieber mit dem Bundesamt Medikamentenpreise fest, statt sie mit jenen auszuhandeln, die sie bezahlen. Unsere Lebensmittel sind so teuer, weil mittels Abschottung landwirtschaftliche Strukturen erhalten werden.

Eine echte «Fürsprecherin des Wettbewerbs» müsste sich auch diesen Themen annehmen und sich bei der Politik unbeliebt machen. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 10.04.15, Foto: Georg Sander / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Milton Friedman

“One of the great mistakes is to judge policies and programs by their intentions rather than their results”

Nationalrat beschliesst Nichteintreten

Die Kartellgesetzrevision ist gestern im Nationalrat definitiv gescheitert. Damit endet eine dreijährige Leidens­geschichte. 2011 hatte Bundesrat Johann Schneider-Ammann unter dem Eindruck der Frankenstärke die bereits angeschobene Revision zu einer Vorlage gegen die «Hochpreisinsel Schweiz» aufgeladen. Ein Anspruch, den das Kartellgesetz nicht einlösen konnte.

Es ist eigentlich banal: Ein Preis entsteht wesentlich im Auge des Nachfragers. Das Kartellgesetz bekämpft jedoch unlautere Absprachen auf der Angebotsseite. Die «Hochpreisinsel» ist die direkte Folge der «Hochlohninsel» Schweiz. Die Befürworter liessen trotzdem keine Gelegenheit aus, die Gegner der Revision als «Abzocker» und «Preistreiber» zu verunglimpfen. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund wies zudem nach, dass die höheren Preise vor allem durch staatliche Regulierung verursacht werden.

Die bundesrätliche Einladung zum Aktivismus liessen sich zahlreiche Parlamentarier aus allen Parteien nicht entgehen. Vor allem der Ständerat profilierte sich in der Verabschiedung von Paragrafen, die wirtschaftspolitische Kollateralschäden für Konsumenten und Unternehmen (und deren Angestellte) gehabt hätten. In den vergangenen drei Jahren wurden in der kleinen Kammer zuerst wettbewerblich sinnvolle Absprachen zwischen Herstellern und Händlern oder Arbeitsgemeinschaften mehrerer Unternehmen unter Generalverdacht gestellt und dann ein Lieferzwang für ausländische Firmen beschlossen.

Der Weko «Beine machen»

Der Nationalrat blieb hart und beschloss diesen Frühling, nicht auf die Vorlage einzutreten. Da der Ständerat im Sommer bei seiner Haltung blieb, beugte sich der Nationalrat erneut über die Vorlage und zauberte vor einem Monat das Konzept der «relativen Marktmacht» aus dem Hut, eine Regelung, die ausser jahrelangen Rechts­streitigkeiten kaum etwas bewirkt hätte. Damit sollte die Revision doch noch gerettet werden. Es gehe eigentlich nur darum, der Wettbewerbskommission (Weko) «Beine zu machen», sagten Befürworter hinter den Kulissen. Gestern ist nun auch dieser Rettungsversuch gescheitert. Eine Koalition aus SVP, BDP, Grünen, einer Minderheit von CVP, FDP und SP war nicht bereit, blosse Symbolpolitik zu betreiben.

Der Untergang der Vorlage eröffnet die Chance zu einem Neubeginn, mit dem das Parlament der Weko wirklich «Beine machen» könnte: Die Reform der Weko zu einem professionellen und unabhängigen Wettbewerbsgericht mit separater Untersuchungsbehörde und die Lockerung der bis anhin wirkungslosen Vermutungstatbestände bei vertikalen Absprachen. Auch die Fusionskontrolle könnte überarbeitet werden, damit sich die Weko nicht wie im Fall Migros/Denner um eine tatsächliche Sanktion von festgestellten Verstössen drücken kann. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 18.09.14, Foto: Wikimedia Commons, CC-Lizenz)

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Foto
WAK für extremere Version
Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrates (WAK) hat ihre Meinung zum Kartellgesetz innert sechs Monaten komplett geändert und einem Paragrafen zugestimmt, der dem Staat erlaubt, die Preisbildung in der gesamten Wirtschaft zu kontrollieren.
Im Kartellgesetz soll der Begriff der «relativen Marktmacht» eingeführt werden. Die Regelung könnte sich als absurd erweisen: Weil Ragusa den Ragusa-Markt beherrscht (was nur logisch ist, weil eben nur Ragusa so gut ist wie Ragusa), darf Ragusa keine unterschiedlichen Preise verlangen, weder im Inland noch im Ausland.
Relativ marktmächtig ist jede Firma, die ein besonders gutes oder innovatives Produkt herstellt. Das geht vom Ragusa über Coca-Cola bis zu Elektrovelos und Küchengeräten, die besonders einmalig sind. Damit ist die einst zurückhaltende Nationalratskommission plötzlich extremer als der Ständerat, der eine ähnliche Regel nur für Anbieter im Ausland ins Gesetz schreiben wollte.
Treibende Kraft hinter dem allgemeinen Anschlag auf die Marktwirtschaft ist ausgerechnet die FDP. Sie will so gegen ihre eigenen Prinzipien Bundesrat Johann Schneider-Ammann zu Hilfe eilen, der sich mit der Revision im Regulierungsdickicht verlaufen hat. Er hatte 2011 versprochen, mit dem Gesetz etwas gegen hohe Preise zu tun, und erst zu spät gemerkt, dass das gar nicht funktioniert. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 20.08.14, Foto: fi)

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Einkaufswagen
Die Migros, selbst ernannte Kämpferin für ein schärferes Kartellrecht, hält die Auflagen der Wettbewerbskommission für den Zusammenschluss mit Denner nicht ein – und kommt straflos davon. Das wirft kein gutes Licht auf den orangen ­Riesen, der bei der laufenden Kartellrechtsrevision für einen Lieferzwang von günstigen Gütern in die Schweiz lobbyiert (und dabei natürlich auf einen Zwang, diese Preise den Konsumenten weiterzugeben, verzichtet).

Die 2007 von der Weko verhängten Auflagen zum Zusammenschluss von Migros und Denner hatten vor allem symbolischen Charakter. Die Weko traute sich nicht, die Übernahme bedingungslos zu genehmigen oder sie zu verbieten. Jetzt entsteht der Eindruck, dass ihr der Mut fehlt, die eigenen Beschlüsse umzusetzen. Das schadet ihrer Glaubwürdigkeit.

Das geltende Kartellgesetz ist kein zahnloser Tiger. Das beweisen die zahlreichen Untersuchungen und Bussen, welche die Wettbewerbskommission in den letzten Jahren durchgeführt und verhängt hat.

Recht ist nur so gut wie seine Anwendung. Wettbewerbspolitik braucht Wettbewerbshüter, die sich jenseits von symbolischem und politischem Aktivismus auf den Kern von Kartellrecht beschränken, die Unterbindung von schädlichen Monopolen und Absprachen. Die Weko muss sich auf eindeutige Fälle von Verstössen konzentrieren und diese dann auch sanktionieren. Sonst behielte Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman recht, der festhielt, er sei zum Schluss gekommen, dass Kartellgesetze mehr schaden als ­nützen und wir sie loswerden müssten. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 08.04.14, Foto: imageworld24 / pixelio.de)

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Die Revision des Kartellrechtes hätte vor allem mehr Bürokratie gebracht
Der Nationalrat lehnte gestern die Revision des ­Kartellgesetzes ab. Das Geschäft geht zurück an den Ständerat. Der Entscheid bedeutet nicht, dass der Rat Kartelle und hohe Preise in der Schweiz einfach hinnehmen will. Im Gegenteil: Die Schweiz kennt bereits jetzt ein scharfes Kartellrecht, das zu vielen Verfahren und hohen Bussen geführt hat. Beim Bundesgericht liegen grosse und wegweisende Fälle, die ihre Wirkung nicht verfehlen werden. Die Anwendung des geltenden Kartellrechts ist wirkungsvoller als die Schaffung von neuen Para­graphen. Im Nationalrat hat gestern schlicht die Vernunft obsiegt, dass am heutigen Kartellrecht nicht schon wieder Veränderungen vorgenommen werden müssen.

Hinzu kommt, dass gewisse neue Regelungen den Wettbewerb eher gestört als gefördert hätten. Das neue Verbot von Arbeitsgemeinschaften hätte kleine und mittlere Betriebe von grossen Aufträgen ­ausgeschlossen und so den Wett­bewerb verringert. Die kantonalen Baudirektoren befürchteten des­wegen höhere Kosten. Konsumentenschützer ebenfalls. Der Ständerat baute dann noch einen Lieferzwang für ausländische Unternehmen ein, der selbst nach Auffassung der ­Wettbewerbskommission nicht anwendbar gewesen wäre.

Die Revision geriet aber schon vor fast vier Jahren auf die schiefe Bahn, als Bundesrat Johann Schneider-­Ammann mit der Revision plötzlich etwas gegen die hohen Preise in der Schweiz machen wollte. Kartellrecht hat die Aufgabe, den Wettbewerb zu fördern. Daraus ergeben sich tiefere Preise für viele Güter, aber nicht unbedingt für alle. Wenn die Preise für Markenprodukte wie Elmex, BMW oder Nivea hierzulande höher sind als in Deutschland, hat das zu­­allererst damit zu tun, dass es uns gut geht und wir uns teure Produkte ­leisten. Wer mit Kartellrecht tiefe Preise erzwingen will, betreibt bloss Symbolpolitik auf Kosten unseres Wohlstands.

Mit der Ablehnung im Nationalrat haben der Ständerat und Bundesrat Johann Schneider-Amman die Chance, die Revision auf jene Punkte zu konzentrieren, die nicht bestritten sind. Dazu gehört erstens die klare Trennung zwischen der Untersuchungsbehörde und dem Entscheidgremium, das Bussen verhängt. Dies ist heute nicht gewährleistet und widerspricht rechtstaatlichen Grundprinzipien. Zweitens sollten in Anbetracht der internationalen Erfahrungen Absprachen zwischen Lieferant und Verkäufer nur bestraft werden, wenn sie nachweislich den Wett­bewerb behindern. Freie Menschen haben die Wahl: Wem ein BMW zu teuer ist, darf auch Fiat fahren. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 06.03.14, Foto: Bernd Kasper / pixelio.de)

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Bundesrat Schneider-Ammann am WEF in Davos 2011
Bundesrat Schneider-Ammann hat als Firmenchef der Ammann Group in Langenthal zur Steueroptimierung Tochtergesellschaften auf der Kanalinsel Jersey und in Luxemburg unterhalten. Das Urteil der selbst ernannten Moralapostel schlägt umso härter zu, als Schneider­-Amman zur selben Zeit schrieb, es sei «unlauter», wenn Unternehmen Gelder in andere Länder verschieben würden. Gestern wurden erste Rücktrittsforderungen laut (siehe Kasten).

Schneider-Ammann droht zur tragischen Figur zu werden. Was hat der freisinnige Volkswirtschaftsminister nicht alles gemacht, um genau jenen zu gefallen, die ihn jetzt meucheln wollen? Wie einst «Hans im Glück» seinen Klumpen Gold, tauschte er seine Vorschusslorbeeren in bundesrätlichen Aktivismus um, bis kaum mehr etwas davon übrig blieb.

Er startete mit einem Konjunkturpaket für die Exportindustrie (aus der er stammt). Der Staat hätte ihr mit zwei Milliarden Franken unter die Arme greifen sollen. Sozialistischer kann Industriepolitik nicht sein. Seine Vorgängerin Doris Leuthard (CVP) hatte derartige Forderungen noch lächelnd abgelehnt, oder mit mehr symbolischen «Paketlis» den volkswirtschaftlichen Schaden in Grenzen gehalten.

Im gleichen Sommer ritzte er die Unabhängigkeit der Schweizer Nationalbank, indem er sie – in Übereinstimmung mit Gewerkschaften und Sozialdemokraten – aufforderte, gegen die Aufwertung des Frankens vorzugehen.

Beim Kartellgesetz liess er eine vollständige Kehrtwende zu. Schneider­-Amman wollte sich als Kämpfer für tiefere Preise inszenieren, wozu das Kartellgesetz weder geeignet noch in der Lage ist. Aus einer Revision, welche die tatsächlich verbesserungswürdigen Punkte enthielt, wurde ein Regu­lierungsmonster mit weitgehend bürokratischen Folgen. Die zuständige Nationalratskommission hat das Projekt vor Kurzem versenkt. Schneider­-Ammann trieb entgegen seinem mündlichen Bekenntnis zum «Erfolgsmodell Schweiz», zu dem der «flexible Arbeitsmarkt» gehöre, die Regulierung eben dieses Erfolgsfaktors voran. So liess er Gesamtarbeitsverträge für allgemeinverbindlich erklären, obwohl weniger als fünfzig Prozent der Arbeitnehmer oder Arbeitgeber bei den Sozialpartnern organisiert sind. Das Gesetz schreibt dieses Quorum vor, erlaubt aber davon abzuweichen, wenn «besondere Umstände» geltend gemacht werden können. Das ist mittlerweile bei siebzig Prozent der Gesamtarbeitsverträge der Fall. Dadurch sicherte er vor allem die Einnahmen der Gewerkschaften, auch wenn diese immer weniger Mitglieder haben. Gleichzeitig führte es bei den Unternehmen zu enormer Bürokratie und Kosten.

Ein Freisinniger hätte die Steueroptimierung verteidigt, statt als «unlauter» bezeichnet. Sie gehört zu einem funktionierenden Steuerwettbewerb, der zum Zweck hat, die Politiker am Ausgeben von fremdem Geld für ihre Klientel zu hindern. Freie Menschen brauchen mehr, nicht weniger Steuerwettbewerb. Steueroptimierung ist nur verwerflich, wenn man insgeheim davon ausgeht, jeder frei verdiente Franken gehöre zuerst einmal dem Staat.

«Hans im Glück» blieb am Schluss nur ein Schleifstein, den er auch noch verlor. «Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort», heisst es im Märchen. Jetzt hängt Schneider-Ammanns Vergangenheit wie ein Schleifstein um seinen Hals. Kein gutes Omen. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 06.02.14, Foto: CC-Copyright by World Economic Forum swiss-image.ch / Photo by Michael Wuertenberg)

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Christophe Darbellay, CVP-Parteipräsident
Der CVP ist in den letzten Jahrzehnten nicht nur das katholische Milieu abhandengekommen, sondern anscheinend auch der ideologische Kompass. Das kann nicht nur am Verhalten der Fraktion in den eidgenössischen Räten, sondern auch am «Kraftpaket für den Mittelstand» abgelesen werden, das die Partei am Samstag in Sempach verabschiedet hat.

Die CVP behauptet, sie selber sei der Mittelstand. Im Hinblick auf die Wahlen 2015 soll so ein neues Thema neben der Familie besetzt werden. War am Freitag in den zuständigen Gremien noch heftig über das Papier gestritten worden (die BaZ berichtete zum Leidwesen der Parteileitung darüber), wurde am Samstag demonstrativ Einigkeit gefeiert.

Wertlose Werte
Das Koordinatennetz christdemokratischer Politik besteht aus Föderalismus, Politik möglichst nahe bei den Menschen (Subsidiarität), persönlicher Freiheit und Solidarität. Wer das im neuen Positionspapier sucht, wird kaum fündig. Und dem weiterhin vorhandenen Gewerbeflügel gelingt es offensichtlich nicht, eine parteiinterne Debatte über diese Grundwerte der Wertepartei anzustossen.

Das beginnt bei der Diagnose: Der Mittelstand komme nur selten in den Genuss staatlicher Unterstützung. Das will die CVP ändern. Vor lauter Ideen, wie der Mittelstand unterstützt und beglückt werden soll, vergisst die Partei, dass das auch etwas kostet. Und es ist der Mittelstand, der diese «Unterstützungen» bezahlen muss. So arbeitet die CVP an einer Gesellschaft, in der jeder die Hand am Portemonnaie des andern hat.

Subventionen für alle
Konkret soll der Bund Freizeitangebote von Privaten und des öffentlichen Verkehrs subventionieren, was zweifellos viel mit dem Mandat des Freiburger Nationalrates Dominique de Buman bei Schweiz Tourismus, aber nichts mit Subsidiarität oder gar Solidarität zu tun hat. Zweites Beispiel ist eine alte Forderung der CVP: Kindern – auch von Gutverdienenden – sollen die Krankenkassenprämien gestrichen werden. Dafür bezahlen alle Erwachsenen (auch wenig verdienende) eine höhere Prämie. Das hat nichts mit Solidarität, aber viel mit populistischem Geldverteilen mit der Giesskanne zu tun. Drittes Beispiel: Kinderbetreuungsgutscheine sind eine gute Sache und in Bern hat sich die CVP mit Erfolg dafür starkgemacht. Diese nun aber «flächendeckend» einzufordern, widerspricht Vernunft, Föderalismus und Subsidia­rität. Interessanter wäre die Frage, warum die von Gutscheinen so überzeugte CVP diese nicht auch für den Kindergarten und die Volksschule fordert. Auch die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sollen unterstützt werden, zum Beispiel, damit sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. Jede neue «staatliche Vorschrift» soll die Auswirkungen auf die KMU berücksichtigen. Ob das auch für die von der CVP beantragte und im Nationalrat durchgesetzte staatliche Lohnpolizei, die von der CVP im Ständerat abgenickte bürokratische Kartellgesetzrevision und die Solidarhaftung im Baugewerbe gilt, blieb unklar.

Die CVP will die Sozialwerke sichern. Wie das geschehen soll, ist offen. In der Resolution steht vor allem, was die Mittepartei nicht will: keine Vermischung von AHV und Pensionskasse, keine Benachteiligung von verheirateten Paaren und tiefere Beiträge für ältere Arbeitnehmer (was höhere Beiträge für jüngere Arbeitnehmer bedeutet). Das Papier vermeidet jede Stellungnahme zu heissen Eisen wie der Erhöhung des Rentenalters für Frauen (oder für alle, wie es die junge CVP vorausschauend fordert).

Erbsenzählen sei jetzt fehl am Platz. Es gehe um Investitionen, sagte der Bündner Nationalrat Martin Candinas, Hauptautor des Papiers. Trotzdem hätte man gerne gewusst, wie denn die CVP die Unterstützungen und Subventionen finanzieren will. Diese und andere Fragen blieben am Samstag unbeantwortet. Parteipräsident Christophe Darbellay verweigerte der BaZ im Zorn ein Interview.

Am gross angekündigten Jass-Turnier am Nachmittag war nur noch eine Minderheit der «CVP-Familie» dabei – plus Ihr Korrespondent. Er siegte in der Kategorie «Medien» – mangels Konkurrenz. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 26.08.13, Foto: hublera auf flickr.com)

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Marxkopf in Chemnitz
Sogar der Schweizerische Gewerkschaftsbund war gegen die Revision des Kartellrechts, weil die hohen Schweizer Preise vor allem durch staatliche Regulierungen verursacht werden. Das zählte gestern im Ständerat nichts.

Die Verschärfung des Kartellgesetzes durch den Ständerat verspricht viel: Dank der Wettbewerbskommission soll die sogenannte Hochpreisinsel Schweiz verschwinden und sollen wir alle bei gleich hohen Löhnen günstiger einkaufen können. Eine Koalition aus SP, Grünen und Bürgerlichen hat sich durchgesetzt. Ob diese Versprechen gehalten werden können, darf bezweifelt werden.

Die «Kollateralschäden» aber sind enorm: Ausländische Firmen können die Regelung einfach umgehen oder sich einer Untersuchung entziehen. Schweizer Unternehmen müssen künftig Absprachen rechtfertigen, also ihre kartellrechtliche Sauberkeit beweisen. Beides wird den Wettbewerb nicht stärken, sondern schwächen. Lieferzwang und Preiskontrolle durch den Staat haben nichts mit Bekämpfung von Kartellen zu tun. Sie setzen aber wichtige Voraussetzungen einer Marktwirtschaft ausser Kraft: Vertragsfreiheit und freie Preisbildung. Der Ständerat hat den Wettbewerb zu Tode reguliert. Die Überwindung des Kapitalismus ist ein Stück näher gerückt. Die teuren Regulierungen bleiben. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 22.03.13, Betty / pixelio.de)

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Freiheitsstatue in New York
Kartellrechtliche Verbote sind schwerwiegende Eingriffe in die Wirtschaftsfreiheit. Der Staat unterbindet damit die freie Zusammenarbeit seiner Bürger. Dementsprechend zurückhaltend muss der Gesetzgeber arbeiten. Es sind zwei Fragen zu beantworten.

Rechtfertigt erstens das Problem den staatlichen Eingriff? Die Schweiz hat nach wie vor höhere Preise als unsere Nachbarländer. Nur bleibt der Bundesrat die nachvollziehbare Argumentation schuldig, dass dies an einem fehlenden Teilkatellverbot liegt. Er hat vor drei Jahren schon das Gegenteil behauptet. Zudem: Das heutige Kartellgesetz funktioniert und wirkt. Darüber sind sich alle einig – ausser der Bundesrat.

Taugt zweitens der staatliche Eingriff zur Lösung des Problems? Auch hier sind Zweifel angebracht, weil die Preisunterschiede dort auftreten, wo der Markt von der Politik unterbunden wurde. Die Ursache für Verzerrungen und mangelnden Wett­bewerb ist der Gesetzgeber selber. Statt Symbolpolitik mit wirtschaft­lichen Nebenwirkungen wären diese staatlichen Kartelle zu schleifen. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 12.02.13, Foto: Andrea Damm / pixelio.de)

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