Karl Marx touristisch
Die Sozialdemokraten haben sich gestern in Biel getroffen und über die «Wirtschaft mit Zukunft» beraten. Bekanntlich streben diese ja die ­«Überwindung des Kapitalismus» an. Das Problem dabei ist banal: Wenn Sozialisten über ein Thema nachdenken, kommt Sozialismus heraus. Und der stammt leider nicht aus der Zukunft, sondern aus dem vorletzten Jahrhundert. So geschah es auch gestern, wie man der «Erklärung von Biel» ­entnehmen kann, die von der SP bereits am ­Mittag versandt wurde – obwohl die Diskussion darüber erst am späten Nachmittag vorgesehen war (das geht auch nur im Sozialismus).

Die Schweizer Sozialisten können auch bald zwanzig Jahre nach Tony Blair und Gerhard Schröder nicht anerkennen, dass historisch keine Gesellschaftsform derart viel Wohlstand für alle geschaffen hat wie die freie Marktwirtschaft. Nie waren so viele Menschen so wohlhabend wie heute. Der Prozentsatz von Menschen, die in extremer Armut leben, ist gemäss den Vereinten Nationen von 1990 bis 2008 von 43 auf 22 Prozent gesunken. Und dies bei gleichzeitiger Zunahme der Weltbevölkerung um mehr als die Hälfte.

Blair und Schröder haben in den Neunzigern zumindest im Denkansatz erkannt, dass die ­spontane Koordination von Menschen besser Bedürfnisse befriedigt als die wohlmeinende ­Einmischung in diese freie Zusammenarbeit durch den Staat. Warum ist das so? Weil der Staat und seine Politiker und Beamten niemals in der Lage sind vorauszusehen, was freie Menschen wann brauchen. Die Wünsche und Bedürfnisse von uns sind zu unterschiedlich und veränderlich, als dass sie geplant oder dekretiert werden ­könnten. Die Politik von Blair und Schröder war ein Erfolg – auch ein sozialer Erfolg.

Die freie Marktwirtschaft, wie man diese ­spontane Koordination zwischen Menschen gemeinhin nennt, kommt allen zugute. Nicht allen genau gleich, aber allen. Die Ungleichheit ist der Preis der Freiheit. Die Einkommen der Ärmsten in der Schweiz sind mehr gestiegen als jene des Mittelstandes. Wer sich für die Ärmsten ­einsetzen will, müsste das eigentlich feiern. Aber der SP geht es nicht um das Einkommen der ­Ärmsten, sondern um die Gleichmacherei aller. Der Preis dieser Gleichheit wäre aber die Unfreiheit und die Armut weiter Bevölkerungsschichten. Viele Wenigverdienende spüren das instinktiv und lehnen darum an der Urne regelmässig die sozialistischen Rezepte ab, die nur zu einer gleichmässigeren Verteilung der Armut statt zu Wohlstand aller führen, zuletzt die Erbschaftssteuer.

Von all’ dem war in Biel nichts zu hören. Bei den hiesigen Sozialisten dominiert die alte Analyse aus dem 19. Jahrhundert, die einen Gegensatz zwischen Kapital und Menschen konstruiert, wie wenn es 150 Jahre erfolgreiche Marktwirtschaft nicht ­gegeben hätte. «Für die Menschen, nicht für das Kapital» titelt die Mitteilung aus der marxistischen Mottenkiste respektive dem SP-Sekretariat. Und mit Bedauern stellen die Sozialisten darin fest, dass die Wirtschaft «vorläufig» nicht ohne Kapital ­auskomme. Dass Kapital, egal ob es auf dem ­Sparbüechli oder in der Unternehmens­rechnung anfällt, nie brachliegt, sondern immer investiert wird, scheint man noch nicht ­mitbekommen zu haben. Und dass es diese ­Investitionen sind, die neue Produkte oder tiefere Preise und vor allem neue Stellen schaffen, so weit reicht der ideologisch verstellte Blick in die ­Wirklichkeit nicht. Die Sozialisten kritisieren wie eh und je die «Profitmaximierung», weil sie nicht verstehen, dass Profite nur dann anfallen, wenn ein Unternehmen etwas ­produziert, was wirklich gut, nützlich oder günstig ist, dem Kunden und seinen Bedürfnissen dient, wenn es also im besten Sinne «Service public» ist.

Die «solidarische, demokratische und ökologische Wirtschaft», welche die Sozialisten fordern, gibt es bereits. Das gestehen sie sogar selber zu. Weil es Kunden wollen – und das ist gut so. Darum bleibt der SP nur die Forderung, die Politik müsse diese «zivilgesellschaftlichen Initiativen» öffentlich anerkennen, das ermögliche «gezielte Unterstützung». So ist das mit sozialistischen Konzepten: Am Ende geht es immer um Subventionen. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 27.06.15, Foto: Baptiste Pons / flckr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Schild mit Politik und Volk (durchgestrichen)
Den Jungsozia­listen ging es mit ihrer 1:12-Initiative nicht um Lohngerechtigkeit und nicht um die einzelnen «Abzocker». Sonst hätten sie nicht einen Verfassungstext vorgeschlagen, der von den Gross­unternehmen einfach umgangen oder durch Wegzug aus der Schweiz ausgehebelt worden wäre. Frag­würdige Spitzenlöhne und sonderbare Abgangsentschädigungen dienten den Jusos bloss zur Bewirtschaftung von Empörung für einen ideologischen Zweck.

Ziel war es, wie ihre Exponenten es gestern selber bekräftigten, ein «anderes Wirtschaftssystem» zu erreichen. Eines, in dem die Gesellschaft nicht auf der freien Zusammenarbeit von Menschen beruht, sondern vom Staat alles bis ins kleinste Detail geregelt wird – zum vermeintlichen Wohl von uns allen. Es geht der Linken nicht um Spitzenlöhne. Es geht um die «Überwindung des Kapitalismus», um die Verstaat­lichung von immer mehr Lebens­bereichen in der Schweiz.

Die Initiativgegner sind dieser ideologischen Auseinandersetzung nicht ausgewichen. Sie haben den Ball aufgegriffen und offensiv vor einem «Lohndiktat durch den Staat» gewarnt. Und zwei von drei Abstimmenden haben diese Warnung verstanden. Die bürgerlichen Parteien standen geschlossen hinter der Kampagne gegen den Staatseingriff in den Arbeitsmarkt. Diese Allianz müsste sich weiterführen lassen, wenn es um das staatliche Lohndiktat beim Mindestlohn, beim Ausbau der flankierenden Massnahmen und ihrer Bürokratie, die Verbindlichkeitserklärung von Gesamtarbeitsverträgen, neue Forderungen für den Kündigungsschutz und weitere Eingriffe in den Arbeitsmarkt geht. Auch einer staatlichen Lohnpolizei, welche die Lohngleichheit von Frauen und Männern in Unternehmen untersucht, müsste die bürgerliche Mehrheit im Parlament eine Absage erteilen.

Frankreich hat vieles von dem getan, was SP und Gewerkschaften hierzulande fordern. Das Resultat in unserem Nachbarland sollte uns vor den gleichen Fehlern bewahren. Das einstige sozialdemokratische Paradies Schweden hat nur dank marktwirtschaftlicher Reformen einen Abstieg wie Frankreich verhindert.

Für eine «starke Schweiz mit Zukunft» wie es auf dem Plakat der Initiativgegner hiess, benötigen wir nicht nur kein Lohndiktat. Auch in anderen Bereichen braucht es kein Diktat des Staates. Wir brauchen kein «Atomausstiegs-Diktat», sondern Kostenwahrheit, kein «Altersvorsorge-Diktat» sondern Wahlfreiheit, kein «Spitalplanungs-Diktat», sondern Wettbewerb und auch kein «Einheitskassen-Diktat» sondern Vielfalt. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 25.11.13, Bild: Stephan Bratek/geralt / pixelio.de)

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Selten habe ich so klar und anschaulich den Unterschied zwischen subjektiver Wertlehre und “Arbeitswertlehre” serviert bekommen. Michael Kastner kocht auf der Achse des Guten (Link) für uns ein deftiges Mittagmahl (Link). Nach vier Töpfen Eintopf folgt das Fazit:

Um es ganz vereinfacht zu sagen: der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus besteht darin, daß im Kapitalismus der Verbraucher oder Konsument das Maß aller Dinge ist, während im Sozialismus die Arbeit und damit die Produktion zur bestimmenden Größe wird.

Mahlzeit!

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