Innenhof der Uni Zürich mit wenig Leuten
Christoph Mörgeli wurde aus politischen Gründen entlassen

Es ist ein seltener Vorgang in der Schweiz, wenn ein Professor entlassen wird. Und wenn dies aus politischen Gründen geschieht, wie das am Sonntag im Fall Mörgeli offenbar wurde, fällt einem kein anderes Beispiel aus den letzten Jahrzehnten ein. Mögen die politischen Kämpfe hochgehen, an die berufliche Position eines Andersdenkenden geht man hierzulande nicht.

Zwar haben Hunderte fichierte Linke im Kalten Krieg oft keine Stelle erhalten. Das ist nach wie vor ein Skandal für ein freies Land. Zwar gab es die Hetzkampagne gegen den Kunsthistoriker und Kommunisten Konrad Farner, der nach Studien in Basel bis 1950 als Lektor und Schriftsteller in Frenkendorf lebte und dann in Thalwil nach der Niederschlagung des Ungarnauf­standes 1956 mit einem beispiellosen ­Kesseltreiben konfrontiert war, das offen zum Ziel hatte, ihn und seine Familie aus dem Land zu vertreiben.

Christoph Mörgeli ist nicht Konrad Farner. Er schreibt keine Bücher wie «Theologie des Kommunismus». Seine medizingeschichtliche Forschung, das Museum und die Sammlung des Medizinhistorischen Instituts der Universität Zürich sind gänzlich unpolitischer Na-­tur. Weder versuchte Mörgeli die Euthanasie politisch salonfähig zu machen oder die Physiognomie für die Strafvollzugsbehörden zu rechtfertigen. Er widmete sich unter anderem Darstellungen von Totentänzen, einem während Jahrhunderten weitverbreiteten Sinnbild für die Gegenwart des Todes im Leben. Wahrhaft kein politisches Thema. Politische Entlassungen sind in der Nachkriegsschweiz unbekannt.

Wer den Bericht der Aufsichtskommission des Zürcher Kantonsrates gelesen hat, muss aber annehmen, dass Mörgeli unter der Führung der Zürcher SP-Regierungsrätin Regine Aeppli aus Gründen, die nichts mit seiner Arbeit als Historiker zu tun hatten, aus dem Amt gejagt worden ist. Mörgelis Zensuren waren tadellos, sein Engagement für die Sammlung gross und anerkannt, als ein neuer Vorgesetzter aufkreuzte.

Der 2011 neu installierte Direktor des Medizinhistorischen Instituts, Flurin Condrau, wurde von Anfang an auf das vermeintliche Problem Mörgeli aufmerksam gemacht. Denn dieser habe «Polarisierungspotenzial», was dazu führe, dass niemand mit der Medizingeschichte an der Universität Zürich zusammenarbeiten wolle.

Condrau findet ein Institut «in desolatem Zustand» vor, wie er der Aufsichtskommission schilderte. Dass das mit seinem Vorgänger (und nicht mit Mörgeli) zu tun hat, schert ihn nicht. Er vermisst «administrative Abläufe» und «interne Qualitätskontrollen», also den bürokratischen Alltag, der an anderen Instituten dazu geführt hat, dass kluge Köpfe keine Zeit für ihre Forschung haben. Und er will die Verhältnisse im Museum und in der Sammlung verbessern.

Dazu hätte er sich eigentlich mit Mörgeli an einen Tisch setzen können. Denn der hatte schon seit Jahren darauf hingewiesen, dass die Sammlung besser betreut werden müsse. Doch sein Vor­gesetzter Condrau wollte davon auch dann nichts wissen, als der Akademische Bericht vorlag, der die Lagerung von Präparaten kritisierte. Im Gegenteil: Der Direktor mit Budgetkompetenz bremste Mörgeli sogar in seinem Bemühen, ohne Budgetkompetenz etwas für die Sammlung zu tun. Stattdessen schaltete Condrau seinen Studienfreund im Vorzimmer von Regierungsrätin Aeppli ein. Der Bericht wurde zum Beweismittel umfunktioniert, der eine Kündigung rechtfertigen sollte. Nachdem die Medien Mörgeli die Schuld am Zustand der Sammlung zugeschoben hatten, bestellte Aeppli am 17. September 2012 den Uni-Rektor und die Personalverantwortliche zu sich. Heute soll das nur eine «Rechtsbelehrung» gewesen sein, was zweifellos auch schriftlich hätte erledigt werden können.

Die unabhängigen Zeugen der Aufsichtskommission sehen das anders und sprechen von «Befehl». Es steht in dieser entscheidenden Frage nicht «Aussage gegen Aussage», wie die SP Zürich behauptet, sondern Aussage gegen widersprüchliche Aussage. Hinzu kommt, dass sich Aeppli im Schweizer Fernsehen dann noch hinsichtlich der Bewährungsfrist versprach. Glaubwürdigkeit sieht anders aus. Während die Professorin, die den Geheimbericht durch Amtsgeheimnisverletzung an den Tages-Anzeiger ­lieferte, von Hunderten von Kollegen unterstützt wird, bleibt die Empörung über die Entlassung Mörgelis aus. Das demonstriert, wie wenig der Linken die «Freiheit der Andersdenkenden» wert ist, wenn es darauf ankommt.

Die politische Einflussnahme zeigt auch, wie gefährlich die Nähe der Universitäten zum Staat ist. Die Linke heult reflexartig auf, wenn die UBS in Zürich, die Pharma in Basel oder Nestlé in Lausanne einen Lehrstuhl finanzieren. Sie wittern eine schädliche Beeinflussung der Forschungsfreiheit. Der Fall Mörgeli zeigt, dass der Staat keinesfalls unpolitischer Träger der Universität und Garant der Forschungsfreiheit ist. Staatsgelder sind nicht weniger problematisch als private Zuwendungen. Die Freiheit der Wissenschaft muss von den Wissenschaftlern selber verteidigt ­werden, auch und gerade vor SP-Regierungsräten, die unterstützt von will­fährigem Personal in ihrem Vorzimmer und an der Universität ihre Kompetenzen überschreiten. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 11.06.14, Foto: Michael Thurm / Flickr, CC-Lizenz, unverändert)

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Alte Medizinalbehälter aus einer Apotheke
Institute für Medizingeschichte gibt es an jeder grösseren Schweizer Universität – ausser in Basel. Und es ist gut, dass die Universität Basel nicht alles mitmacht. Eigene Institute für diesen Bereich braucht es aus wissenschaftlicher Sicht nicht, weil sie weder für die Medizin noch für die Geschichtswissenschaft einen Mehrwert bedeuten. Selbstverständlich ist die Medizin ein wichtiger Bereich einer Gesellschaft und soll darum mit dem historischen Operationsbesteck seziert werden. Ihre Relevanz erhält diese Forschung jedoch als Teil einer umfassend verstandenen Gesellschaftsgeschichte, nicht als abgetrennte Spielwiese für Spezialisten. Dass sich Professoren in diesem Gebiet spezialisieren, ist damit nicht ausgeschlossen.

Ob die Institutsleiter Mörgeli oder Condrau heissen, spielt darum nur bei einer politisch vorgeprägten Sichtweise eine Rolle. Darin scheint der eigentliche Grund in der mittlerweile zur Affäre Uni Zürich gewordenen Affäre Mörgeli zu liegen. Es geht um den Politiker Mörgeli. Nüchtern betrachtet, lässt sich hingegen ­festhalten: Ein eigenes Institut für Medizingeschichte entspricht bloss veraltetem Gärtchendenken an den Universitäten und vor allem einem Bedürfnis der angehenden Ärzte.

Das hat seinen Grund: «Doktor» ist ein Synonym für Arzt. Niemand sagt, er gehe zum «Doktor» und meint damit, er besuche einen Rechtsanwalt oder gar einen Historiker. Darum ist klar: Ärzte brauchen den Doktortitel, sogar in der sonst überhaupt nicht «titelgeilen» Schweiz. «Dipl. med.» tönt einfach nicht nach Gott in Weiss, sondern höchstens nach einem im Medizinstudium ­hängen gebliebenen Experten für Schweissfüsse. Doktor ohne «Dr.» ist ein No-Go.

Die Institute für Medizingeschichte eignen sich vorzüglich zum raschen Erwerb eines relativ einfachen Doktortitels. Die Arbeit lässt sich gut einteilen oder berufsbegleitend vorantreiben. Manchmal arbeiten Mediziner schon während ihres Studiums an einer kleinen historischen Untersuchung und kommen so ungleich schneller zu ihrem Titel, als wenn sie sich tatsächlich in die medizinische Forschung vertiefen.

Das sei ihnen gegönnt. Nur: Spezielle Institute für schnelle Titel brauchen wir nicht. «Tabula rasa» statt Krach auf der akademischen Spielwiese, müsste die Devise lauten. Die Universität Zürich könnte genau das von Basel lernen. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 09.11.13, Foto: Andreas Hermsdorf / pixelio.de)

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