SRF Becher
Die Schweizer Armee hat die neuen Kampfstiefel für einen tiefen, aber gesetzlichen Stundenlohn in Rumänien bestellt. Ist das ein Skandal, wie die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens meint? Für unsere Verhältnisse schon. Aber in Rumänien?

Die Journalistin Sarah Weber ist für die Sendung nach Rumänien gereist und zeigt uns mit trister Musik untermalt, wo die Schuhe hergestellt werden. Doch die Fabrik sieht nicht anders aus als anderswo. Als sie einen Mitarbeiter sieht, der mit Leim hantiert und gerade keine Maske trägt, spielt sie sich als Kontrolleurin des Arbeitsinspektorates auf. Ansonsten ist alles in Ordnung. Das Unternehmen bezahlt von Anfang an den Mindestlohn von 300 Franken, nach dem Einstieg bald mehr. Überstunden werden doppelt vergütet.

Doch das genügt Sarah Weber nicht. Sie versucht, aus den Arbeiterinnen etwas herauszu­holen, das die Geschichte doch noch zum ­Skandal machen könnte. Sie verfolgt sie in ihre Dörfer ausserhalb der Stadt, lässt «unauffällig» ­filmen, natürlich nur «um sie nicht zu gefährden». Es sieht allerdings eher danach aus, als wolle sie versteckt an Aussagen herankommen, die in die Skandal- These passen. Doch auch so schaut nicht viel heraus. Dafür redet eine rumänische Aktivistin, die – oh Wunder – die Schweiz für die ­Verhältnisse in Rumänien verantwortlich macht. Erst ganz am Schluss des Beitrages kommt doch noch ein aus­sagekräftiges Zitat einer Arbeiterin: «Leben mit einem kleinen Lohn ist schlecht. Leben ohne Lohn ist schlimmer.»

Die ungenannte Arbeiterin hat mehr von Wirtschaft begriffen als die Journalistin. Denn genau das ist die Alternative: diese Arbeit oder keine Arbeit, diesen Lohn oder gar keinen Lohn. ­Jahrzehnte sozialistische Planwirtschaft haben in Rumänien Tausende von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Leuten zurückgelassen, die nur für einfache und wenig bezahlte Arbeiten gebraucht werden. Damit es trotzdem Arbeit gibt, setzte die rumänische Regierung den Mindestlohn tief an, wie es im Beitrag heisst. Das ist gut, weil so Leute Arbeit finden, die sonst keine hätten.

Die Frage, die Frau Weber hätte stellen müssen ist nicht, ob die Arbeiter mehr verdienen wollen, sondern ob sie gar nichts verdienen wollen. Höhere Anforderungen im Beschaffungswesen würden nämlich nicht dazu führen, dass in Rumänien Arbeiter besser bezahlt würden, sondern dass sie gar nicht mehr bezahlt würden, weil der Auftrag anderswohin vergeben würde.

Zurück in der Schweiz hätte Sarah Weber einen Steuerzahler fragen sollen, ob er bereit wäre, mehr Steuern zu zahlen, damit ein teurerer, aber identischer Kampfstiefel beschafft werden könne. Auch das macht sie natürlich nicht. Dafür darf Marc Steiner, «Jurist», auftreten, der genau das sagt, was Frau Weber von ihm erwartet. Woher er kommt, sagt uns Sarah Weber nicht. Es handelt sich um einen Bundesverwaltungsrichter der SP, der sich nebenbei als Lobbyist für ein Beschaffungsrecht einsetzt, das «soziale Kriterien» enthält und damit Aufträge nach Rumänien oder andere Billiglohnländer unterbindet – und dort Jobs zerstört.

Es ist banaler Fakt: Vom freien Handel profitieren immer alle Beteiligten – sonst käme das Geschäft gar nicht zustande. Der Arbeiter in Rumänien hat einen Job und einen Lohn. So und nicht durch staatliche Entwicklungshilfe entsteht Wohlstand. Es wäre geradezu unmoralisch, Länder wie Rumänien, dessen Bevölkerung ganz dringend auf Aufträge aus dem Ausland angewiesen ist, vom Schweizer Beschaffungsrecht auszuschliessen und so den einzigen möglichen Ausweg aus der Armut zu verbauen. Aber den ideologischen Moralaposteln waren die konkreten Folgen ihrer Politik schon immer egal, solange die Absicht dahinter moralisch gut ist. Sie nehmen für ihre Anti-Freihandel-­Moral sogar Entlassungen in Kauf. Und die «Rundschau» lässt sich unkritisch vor deren ideologischen Karren spannen.

Besonders paradox ist es, dass die Journalisten beim Staatssender sich so furchtbar über den nächsten US-Präsidenten Donald Trump empören können, der in Sachen Freihandel genau so denkt und so ökonomisch danebenliegt wie sie. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 19.11.16, Bild: Patrik Tschudin, CC-Lizenz, unverändert)

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Lastwagen Schweizer Armee
Am Schluss gibt es vor der Berner und der Schweizer Fahne einen feuchten Händedruck von irgendeinem subalternen Berner Beamten. Vermutlich hat er am Tag zuvor beim Jassen verloren und muss sich das nun antun.

In die Hand drückt er jedem ehemaligen Wehrmann ein kleines silbergraues Paket. Vorne sieht man eine rostige Fahnenstange mit einer schlaffen Schweizerfahne daran. Auf der Rückseite ein paar Dankesworte von Korpskommandant André Blattmann, Chef der Armee. Darin hat es ein Pack Armeeguetzli und einen Riegel Armeeschoggi. Tschüss, das wars.

Minuten vorher habe ich ein Einkaufswägeli mit meiner gesamten militärischen Ausrüstung durch die Kaserne Bern geschoben und Stück für Stück abgegeben. Zum Beispiel drei Paar schwere Schuhe oder den uralten Ausgangsanzug noch aus unverwechselbar «tannigem» Wollstoff statt Nato-tauglichem Tuch.

Das wars also, meine Militärdienstpflicht, die vor fast 25 Jahren frühmorgens auf einem Ladewagen begann. Wir Jungmänner des Dorfes ­fuhren mit einem Traktor an die Aushebung. Für mich gab es dort die erste Niederlage: Trotz bester Referenzen wurde ich Gebirgsfüsilier statt Wettersoldat. Am Abend betranken wir uns trotzdem. Niemand fand die Armee toll. Gerade wir jungen Gymnasiasten waren noch immer elektrisiert von der Armeeabschaffungs-Initiative und von der Reaktion des bürgerlichen Establishments darauf. Aber «UT» («untauglich»), die erste von Hunderten von Abkürzungen, die ich in der Armee lernte, also: «UT» wollte trotzdem niemand sein.

Wie ein schneller Film rauschen ein paar Stationen an mir vorbei, als ich mein Wägeli brav zurückstelle. Die Szene an der Luzerner Seebucht mit einem guten Freund, der ebenfalls nach Stans in die «Geb Inf RS 211» musste, die feierliche Übergabe des Sturmgewehrs auf dem Landenberg ob Sarnen und wie ich in Verehrung des Rebellen Albert Camus bald darauf mit dem Sackmesser «Sisyphos ist glücklich» auf den Gewehrkolben ritzte (und es bis zur Rückgabe der Waffe verstecken konnte), oder der Widerstandsgeist gegen die militärische Hierachie, der uns angehende Studenten und die mit uns Dienst leistenden Bauernsöhne aus der Innerschweiz und dem Berner Oberland konspirativ zusammenbrachte. Und natürlich all die in Uniform rasch zutage tretenden menschlichen Schwächen und wie sie durch grobe Befehlsgewalt zugedeckt werden können.

Es flimmert die Szene vorbei, als später in der legendären Gottharddivision der Staatsanwalt mit einem Füsilier in den Wald verschwand, um endlich auch einmal eins zu kiffen, statt nur ständig Kiffer büssen zu müssen. Oder wie der Kommandant aus der eigenen Brauerei palettenweise Bier organisierte und uns einmal so lange Ausgang gewährte, wie wir mit ihm mithalten konnten.

In der Abteilung Presse und Funkspruch (APF) setzte mich die Armee schliesslich zum ersten Mal so ein, wie es meiner Begabung entsprach. Im Glarnerland schrieb ich mit zwei damaligen Chefredaktoren eine Tageszeitung. Sie muss miserabel gewesen sein: Kurz darauf wurde die APF aufgelöst. Man schob mich bald ins neue Projekt «Informationsoperationen» ab, das man gestartet hatte, weil der Verzicht auf das Schlachtfeld der Information von engagierten Berufsoffizieren als falsch erkannt wurde. Kriege sind immer Informationskriege. Dies umfassend zu betrachten und sich darauf vorzubereiten, wäre dringend nötig. Doch die damit betrauten Berufskader wurden von ganz oben zuerst behindert und zuletzt gestoppt. Und als wir Milizler dann die Sache selber an die Hand nahmen, passierte mit uns das Gleiche.

Bisquit und Schoggi für 23 Jahre Dienst. Ein Bekannter macht mich darauf aufmerksam, dass es Sache der Kantone sei, was es zur Entlassung gebe. Kaum jemand sei so geizig wie der einst stolze Kanton Bern. Das hätte die Armee nie den Kantonen überlassen dürfen, denn das magere Gschänkli wird ihr ganz allein angelastet. Ein Beweis mehr, dass die Armeespitze keine Ahnung von Informationsoperationen hat, aber sich dringend damit befassen sollte. Ab sofort leider ohne mich. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 28.11.15, Foto: ClearFrost, CC-Lizenz, unbearbeitet)

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