Bleistift
«Grundlage und Schranke staatlichen Handelns ist das Recht.» So steht es ganz weit vorne in der Bundesverfassung. Der Satz tönt harmlos, aber ­ er ist es nicht. Doch davon später.

Ausgedeutscht steht der Satz in einem Bundesgesetz mit einem komplizierten Namen, dem «Regierungs- und Verwaltungsorganisationsgesetz», auch ganz weit vorne, nämlich in Artikel 3 Absatz 1: «Bundesrat und Bundesverwaltung handeln auf der Grundlage von Verfassung und Gesetz.» In Absatz 3 heisst es dann auch noch, der Staat handle «nach den Grundsätzen der Zweckmässigkeit und der Wirtschaftlichkeit».

Dieser Grundsatz ist nicht harmlos, sondern entscheidend, damit wir einen Rechtsstaat und nicht einen Willkürstaat haben. Die Verwaltung darf nicht einfach alles machen, was ihr in den Sinn kommt. Sogar dann nicht, wenn sie es gut meint. Nein, sie muss zuerst den Gesetzgeber, das Parlament, fragen. Das gilt für das Eindringen in unsere Privatsphäre durch den Nachrichtendienst, die Polizei, oder die Steuerbehörden genauso wie das Ausgeben unseres Steuergeldes (beides sind zwei Seiten der gleichen Medaille).

Rund 15 Medienmitteilungen der Bundesverwaltung landen jeden Tag im Posteingang eines Bundeshausjournalisten. An Tagen mit einer ­Bundesratssitzung etwa doppelt so viele. In der Mehrheit handelt es sich um unrelevante Hurra-Meldungen. Auf der Seite der Bundesverwaltung stehen rund 500 Kommunikationsleute, die ihre Notwendigkeit (und ihren Lohn) unter Beweis stellen wollen. Die Mehrheit der Nachrichten landet ungelesen im elektronischen Papierkorb. Ab und zu erlaube ich mir aber die Rückfrage, was denn die Rechtsgrundlage für die vermeldete Aktivität gewesen sei und ob sie tatsächlich zweckmässig und wirtschaftlich durchgeführt worden sei.

So am letzten Donnerstag: Das Bundesamt für Kultur vermeldete, dass «Crowdfunding» in der Kultur immer populärer werde. Es gebe «mehr Unterstützer und mehr gesammelte Gelder». Diese «Schwarmfinanzierung» bedeutet, dass Kulturschaffende übers Internet Geld sammeln. Das BAK hatte eine entsprechende Studie machen lassen. Bundesrat Alain Berset stellte sie höchstpersönlich an einem «Forum für Kultur und Ökonomie» in Bern vor (das wiederum Geld vom BAK erhielt). Die Studie wäre relevant, wenn sie der Bund zum Anlass nähme, den Privaten den Vortritt zu lassen und sich aus der Kulturfinanzierung zurückzuziehen, aber genau das war natürlich nicht der Fall.

Aber was ist die Rechtsgrundlage für eine ­solche Studie? Auf Anfrage gibt die Sprecherin bekannt, dass die Studie 40 000 Franken gekostet habe und je zur Hälfte vom BAK und von der ­Stiftung Pro Helvetia finanziert worden sei, wobei Letztere auch wiederum durch den Bund finanziert wird. Zur Rechtsgrundlage sagt sie nur, dass man das in der Kulturbotschaft «angekündigt» habe. Eine Botschaft ist nun aber keine Rechtsgrundlage. Auf Nachfrage verweist die Sprecherin auf das Kulturförderungsgesetz. Doch auch dort findet sich keine Bestimmung, die dem Bundesamt das willkürliche Bestellen von Studien erlauben würde. Auf meine zweite Nachfrage werde ich auf den folgenden Tag vertröstet.

Dann ändert das Bundesamt seine Argumentation vollkommen. Eine solche Studie brauche gar keine Rechtsgrundlage, heisst es nun, sondern sei Teil der «Bedarfsverwaltung». Darunter fällt, was ein Bundesamt braucht, um seine Tätigkeit auszuüben, also beispielsweise Büromaterial. Nur wenn das rechtlich so wäre, könnte der Grundsatz des Rechtsstaates in der Verfassung vermutlich bei fast allen Ideen der Verwaltung elegant umgangen werden. Ob das Anfertigen von Studien mit dem Bestellen von Bleistiften vergleichbar ist, darf jedoch bezweifelt werden. Entscheidend wäre die Oberaufsicht des Parlamentes. Das BAK spekuliert also auf «wo kein Richter, da kein Henker».

Es soll Bundesämter geben, die intern zu jeder Aktivität kurz die Rechtsgrundlage festhalten. Das BAK gehört offenbar nicht dazu. Ob die Studie wirtschaftlich und zweckmässig war, liess das Bundesamt übrigens unbeantwortet. Der Rechtsstaat ist wahnsinnig mühsam. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 26.03.16, Foto: hackspoiler / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

Ähnliche Artikel:


Bundeshaus Bern
Alle sind stolz ­darauf, dass der Zugang zum ­Parlament viel einfacher ist als in den allermeisten anderen Ländern. Das ist gut so.

Dieser Zugang wurde allerdings in den vergangenen zwanzig Jahren von den Bundesbehörden schrittweise eingeschränkt. Früher war es kein Problem, einen Zutrittsausweis zu bekommen, und nach ein paar Besuchen musste man ihn nicht einmal mehr dabeihaben. Die Herren von der Loge kannten einen. Teils wegen Sicherheitsbedenken, teils wegen einzelner Lobbyisten, die sich diese Offenheit zunutze machten, wurde die Regelung laufend verschärft.

Jetzt hat der Regulierungswahn der Bundeskanzlei bizarre Züge angenommen, die nichts mit bestehenden Problemen oder dem gesundem Menschenverstand zu tun haben, sondern nach blosser Schikane riechen. Dazu gehört auch, dass die Journalisten erstmals bei der Akkreditierung eine Erklärung über Rechte und Pflichten unterzeichnen mussten.

Nun gilt eine Hürde, die auch von vielen unzweifelhaft auf den ­direkten Zugang zum Bundeshaus angewiesenen Journalisten streng genommen nicht übersprungen werden kann. Die Akkreditierung wurde zum monatelang zu erdauernden Gnadenakt der Bundeskanzlei umfunktioniert, obwohl diese streng genommen für das Parlaments­gebäude gar nicht zuständig ist. Die Bundeskanzlei setzt sich damit selber dem Vorwurf aus, mittels ihrer Zutrittsordnung eine Günstlingswirtschaft heranzuzüchten.

Dabei besteht genau besehen gar kein Problem. Die Zahl der Journalisten in Bundesbern ist seit Jahren am Sinken. Es gibt keinen sachlichen Grund, altgedienten Journalisten die Akkreditierung zu verweigern. Viel wichtiger wäre es, die Zahl der Kommunikationsverantwortlichen in der Bundesverwaltung zu beschränken. Sie sind längst in der Überzahl. Sie verhindern aktiv den Zugang der Medien zu den Verantwortlichen in der Bundesverwaltung und schirmen diese gegenüber der Öffentlichkeit ab. Ihre Verlautbarungen legen einen kaum durchdringbaren Propagandateppich von Jubelmeldungen, der ältere Zeitgenossen unweigerlich an die Hurrameldungen totalitärer Staaten erinnert. Die scharfe ­Kontrolle des Bundesapparates ist nötiger denn je.

Der freie und ungehinderte Zugang zum Parlament ist Kerngehalt der Freiheit der politischen Presse. Er sollte keinesfalls von irgendwelchen Bedingungen abhängig sein, die in der Praxis dazu führen, dass zweifellos als Journalisten tätige Personen nicht mehr direkten Zugang ins Parlament haben. Und die Journalisten selber sollten sich dieses Gebaren nicht gefallen lassen. (veröffentlicht in der basler Zeitung vom 18.11.15, Foto: fi)

Nachtrag zur Rechtsgrundlage: Die Akkreditierungsverordnung stützt sich auf die Bestimmung im Regierungs- und Verwaltungsorganisationsgesetz (Art. 62f), welche dem Bund das “Hausrecht” in seinen Gebäuden zuteilt. Nur: Ausgerechnet das Parlamentsgebäude gehört da nicht dazu – das findet sich in der erläuternden Botschaft zu diesem Artikel und insbesondere in Art. 69 des Parlamentsgesetzes, mit dem das Parlament in den Neunzigern den dem Vernehmen nach jahrzehntelangen Streit über die Frage, wer wo das Sagen hat eigentlich entschieden wurde. Seit 17.11.15, 0953 Uhr ist bei der Bundeskanzlei eine Anfrage betreffend Rechtsgrundlagen pendent…

Nachttrag, 18.11.15, 1640 Uhr: nach dreissig Stunden liegt die Antwort vor. Die BK gibt zu, für das Parlamentsgebäude nicht zuständig zu sein. Meine Akkreditierung gilt also eigentlich für alles ausser das Gebäude, wo ich herein muss. Die Bundeskanzlei verweist auf einen Passus in der Parlamentsverordnung, der besagt, das die von der Bundeskanzlei ausgestellten Akkreditierungen auch im Parlamentsgebäude zuständig seien. Mittels einer Verordnung wird also ein Gesetz ausgehebelt. Grossartig! Die Unterzeichnung der Erklärung über die Rechte und Pflichten der Journalisten des Presserates hat übrigens gemäss dieser Nachricht tatsächlich keine Rechtsgrundlage, sie sei aber auch keine Voraussetzung für die Erteilung der Akkreditierung. Gut, dass wir das nun wissen. Die Bundeskanzlei habe ein legitimes Interesse daran zu erfahren, ob die Journalisten diese Regeln respektierten. Wie kann man ein “legitimes” Interesse haben ohne Rechtsgrundlage?

Ähnliche Artikel: