Alte Frau mit Pusteblume
Wenn in Bundesbern mit Zahlen argumentiert wird, lohnt es sich immer, genau hinzuschauen. Mit Zahlen versuchen oft jene zu punkten, denen die Argumente ausgegangen sind.

So behauptete der Schweizerische Gewerkschaftsbund am letzten Mittwoch, die AHV («erste Säule» in der aus drei Säulen bestehenden Altersvorsorge der Schweiz) sei die viel bessere Versicherung als die private Vorsorge («dritte Säule» oder «Säule 3a»). Für einen Franken AHV-Beitrag erhalte ein Ehepaar sehr viel mehr Rente als für einen Franken in die private Vorsorge. Die Botschaft ist klar und so alt wie die private Vorsorge: Das private Sparen auf das Alter in der zweiten und dritten Säule ist schlecht und die AHV ist gut. Mitgeliefert werden umfangreiche Tabellen und bunte Balkengrafiken.

Die Beobachtung ist nicht völlig falsch. Viele Menschen der jetzt in Pension gehenden Babyboomer-Generation erhalten mehr aus der Altersvorsorge, als sie je einbezahlt haben. Nur ist das weder neu noch Anlass zu Jubel. Denn die Beitragsfranken der AHV vermehren sich ja nicht einfach durch Zellteilung wie es Lebewesen tun (darauf wird noch zurückzukommen sein). Das zusätzliche Geld kommt von irgendwo her.

Und genau das sucht man im Papier der Gewerkschafter vergeblich. Der Bund steuert nämlich rund einen Viertel zur AHV-Rechnung bei. 2013 waren es 10,4 Milliarden Steuerfranken. Und dann gibt es noch eine zweite wundersame Quelle: Ab einem Einkommen von 84 240 Franken haben die AHV-Beiträge nichts mehr mit der Rentenhöhe zu tun. Die darüber hinaus abgeführten Beiträge sind nichts als eine Reichtumssteuer, welche die Renten für alle subventioniert, die weniger verdienen. Das ist politisch so gewollt und müsste dem Gewerkschaftsbund bekannt sein. Wie hoch diese Subventionen genau ausfallen ist schwierig zu berechnen. Die NZZ schätzt, dass die AHV insgesamt zu vierzig Prozent subventioniert ist. Das dürfte eher eine vorsichtige Schätzung sein.

Darum verwundert es nicht, dass die Berechnung des Gewerkschaftsbundes zum Schluss kommt, pro Beitragsfranken gebe es in der AHV mehr Rente. Es verwundert vielmehr, dass gemäss diesen Berechnungen die AHV trotz vierzig Prozent Subventionen in der besten Berechnung für eine Floristin, die mit einem Bauarbeiter verheiratet ist und zwei Kinder hat, nur gerade ein Vorteil von 12 Prozent der AHV gegenüber der privaten Vorsorge herausschaut.

Die AHV arbeitet im Umlageverfahren. Die Beitragsfranken werden also umgehend an die Rentner verteilt (umgelegt wird dabei niemand). Die private Vorsorge funktioniert hingegen nach dem Kapitalanlageverfahren. Jeder Beitragsfranken wird angelegt und erarbeitet einen Zins. Das hat den Vorteil, dass die private Vorsorge sich die Subventionen selber erarbeitet, welche der AHV mittels Zwang aus Steuergeldern zufliessen. Dieser Mechanismus spielt auch in der beruflichen Vorsorge («zweite Säule»).

Es gibt sie also doch, die Geldvermehrung. Die Bedingung dafür ist, dass man spart, also auf Konsum verzichtet und das Geld jemandem gibt, der damit investiert (und nicht jemandem, der davon lebt, wie in der AHV). Die Berechnungen des Gewerkschaftsbundes zeigen darum vor allem eines: die Überlegenheit des privaten Sparens gegenüber der kollektivistischen Umverteilung.

Es ist das grosse, ungelöste Problem der AHV, dass sie wie ein Kettenbrief oder ein Schenkkreis funktioniert. Ertrag gibt es nur, wenn auch in Zukunft Geld fliesst. Die AHV braucht zur Finanzierung von immer mehr Renten immer mehr Berufstätige, die immer höhere Beiträge und immer mehr Steuergelder abliefern. Weil die Gesellschaft altert, ist klar: Das System AHV überlebt nur, solange immer mehr Geld in das System gepumpt wird. Genau das hat Bunderat Alain Berset mit seiner Rentenreform vor: Er will die Mehrwertsteuer um 1,5 Prozent erhöhen.

Schenkkreise sind in der Schweiz illegal – ausser der Staat veranstaltet selber einen solchen und nennt ihn «Sozialversicherung». (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 04.10.14, Foto: Stefanie / Flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Die lange Bank, auf welche eine nachhaltige Rentenreform geschoben wird

Der Bundesrat winkt heute Alain Bersets Rentenreform durch

In der Vernehmlassung wurde die Rentenreform des Bundesrates von links bis rechts kritisiert. Der einzige gemeinsame Nenner war die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann.

Das zeigen auch die Zahlen des vergangenen Jahres. Die aktive Bevölkerung bezahlte nur noch 14 Millionen mehr in den AHV-Topf ein, als den Rentnern ausbezahlt wurde. In diesem Jahr dürfte die AHV ins Minus kippen: Das Geld reicht nicht mehr. Gemäss Bundesamt für Sozialversicherungen wäre die Bilanz ohne Zuwanderung schon seit 20 Jahren negativ.

«Generationen-Diktatur»

Ähnlich sieht es in der beruflichen Vorsorge aus: Viele Kassen sind schlecht kapitalisiert, der viel zu hohe Umwandlungssatz führt dazu, dass systemwidrig auch in der zweiten Säule Geld von der aktiven Bevölkerung an die Rentner umverteilt wird. Eine Studie der Universität St. Gallen beziffert die Lücke im schweizerischen Rentensystem im Jahr 2030 auf 110 Milliarden Franken. Geld, das die jetzige Rentnergeneration erhält und die junge Generation dann zuerst abliefern muss, bevor sie die eigene Rente finanzieren kann. Der Publizist Beat Kappeler spricht deshalb sachlich nicht unrichtig nicht von Generationenvertrag, sondern von «Generationen-Diktatur». Die derzeit in Rente gehende Generation hinterlasse den kommenden Generationen die höchsten Staatsschulden und die höchsten ungedeckten Rentenversprechen.

Dies alles müsste eigentlich zu einer umfassenden Reform führen, welche die Altersvorsorge auf insbesondere finanziell nachhaltige Füsse stellt. Die im letzten November in die Vernehmlassung geschickte Reform ist zwar gross angelegt, weil sie die erste und zweite Säule umfasst, aber die Vorschläge sind kleine Justierungen. Das Rentenalter der Frauen soll jenem der Männer angeglichen werden, der Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge soll auf sechs Prozent gesenkt werden. Der wichtigste Reformpunkt betrifft jedoch die Einnahmenseite: Die Mehrwertsteuer soll schrittweise um eineinhalbzwei Prozent erhöht werden. Bei einer schlechteren Finanzlage könnte zudem automatisch ein zusätzliches Lohnprozent erhoben werden.

Das Paket umfasst zusammengezählt Minderausgaben von rund einer Milliarde Franken und Mehrausgaben von bis zu zwölf Milliarden Franken. Dieses Verhältnis wird denn auch von den Bürgerlichen (ausser der CVP) und den Wirtschaftsverbänden als «inakzeptabel» bekämpft. Sie erinnern auch daran, dass eine derart unausgewogene Vorlage vor rund zehn Jahren an der Urne mit fast 70 Prozent Nein abgelehnt wurde.

Die schärfste Kritik kommt aber trotz den milliardenschweren Mehreinnahmen ausgerechnet von Alain Bersets Parteigenossen. Sie wehren sich gegen die Erhöhung des Frauenrentenalters und gegen eine Senkung des Umwandlungssatzes und gegen einen auf Mehreinnahmen ausgerichteten Schuldenmechanismus.

Für eine politisch erfolgreiche Reform wäre angesichts der Kritik an der Vorlage sinnvoll, aus der Gesamtanalyse mehrere Reformschritte zu machen, die politisch eine Mehrheit finden. Genau das wäre die Aufgabe des Innenministers gewesen. Doch Bundesrat Alain Berset hält unbeirrt an seinen Plänen für eine einzige Vorlage fest.

Berset bleibt hart

Er will heute sein Reformprojekt nur mit zwei kleinen Änderungen durch den Bundesrat bringen. Erstens soll die Witwenrente bestehen bleiben. Dies, obwohl gemäss einer Studie zwei von drei Bezügerinnen einer Witwenrente heute einen Lohn haben. Das wäre ein weiteres Zugeständnis an die SP. Zweitens will Berset darauf verzichten, dass Junge schon früher und mehr von ihrem Lohn in ihre zweite Säule abliefern müssen. Dagegen hatte sich das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gewehrt, weil es junge ­Berufseinsteiger verteuern und so zu ­Jugendarbeitslosigkeit führen könnte.

Bürgerliche vermuten, dass der SP-Bundesrat das Scheitern der Reform bewusst in Kauf nehme. Dann würden die Finanzen schon bald so schlecht aussehen, dass notfallmässige Mehreinnahmen ohne jede Sparmassnahme mehrheitsfähig würden. Damit hätte die Linke das erreicht, was sie in der Vernehmlassung gefordert hat: mehr Geld ohne Korrektur bei den Leistungen.(veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 25.06.14, Foto: christianmeichtry / Flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Eine Gruppe von älteren Menschen
Die Lebenserwartung der Schweizerinnen und Schweizer nimmt ständig zu. Sie ist heute rund 14 Jahre höher als bei der Einführung der AHV im Jahr 1948. Immer mehr Junge stehen immer mehr Rentenbezügern gegenüber.

Eigentlich ist ein langes Leben in guter Gesundheit ein Geschenk und ein volkswirtschaftlicher Gewinn. Wegen der starren staatlichen Altersvorsorge wird sie zum Problem. 2029 ist gemäss Bundesrat kein Geld mehr da, um Renten zu bezahlen. Wenn die heute jünger als 55-Jährigen eine sichere Altersvorsorge wollen, braucht es eine Reform.

Solange am staatlichen System der Altersvorsorge festgehalten wird, gibt es wenig Möglichkeiten. Man könnte die Renten kürzen, was nicht im Sinne des Verfassungsauftrages wäre. Der Bundesrat will die Einnahmen mit Milliarden aus neuen Steuern erhöhen. Damit schiebt er das Problem bloss um einige Jahre in die Zukunft. Die Rechnung erhalten wir alle, einfach später. Die AHV wird so zum staatlichen Schenkkreis: Wer früh eingestiegen ist, profitiert von den Zahlungen aller anderen. Wer später kommt, hat das Nachsehen. Dieser Vorschlag zementiert den Rentenklau der Alten bei den Jungen.

Die dritte Möglichkeit ist die Erhöhung des Rentenalters. Die Frage ist berechtigt, ob nicht die heute länger gesund bleibenden Rentner auch einen Beitrag zur Sanierung der AHV leisten sollen, indem sie so lange arbeiten, wie es zu einer ausgeglichenen AHV-Rechnung notwendig ist. Genau das schlägt der Gewerbeverband vor. Das ist keine Revolution. Sowohl Dänemark wie Schweden kennen Rentensysteme, welche die Leistungen der Vorsorge an die Einnahmen koppeln, und so langfristig sichern.

Damit bleibt die Altersvorsorge aber im staatlichen Korsett, welches die Probleme erst verursacht. Was 1948 vielleicht Sinn machte, müsste mehr als sechzig Jahre danach unter die Lupe genommen werden. Die kollektivistische AHV ist nicht in der Lage, die heute individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen zur Gestaltung des Alters abzubilden. Wer diese Entwicklung ernst nehmen will, müsste die Planungs- und Wahlfreiheit den Menschen zurückgeben. Die Umlagerung von Milliarden hat keine Zukunft, die Selbstverantwortung für den eigenen Lebensabend schon. Das bedeutet die Abschaffung der AHV und die Stärkung des persönlichen Sparens auf einem eigenen Kapitalkonto beim frei gewählten Anbieter. Statt auf Kosten jüngerer Generationen würden Rentner von ihrem selber Ersparten leben. Das wäre das endgültige Ende des laufenden Rentenklaus. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 23.10.13, Foto: Thomas Max Müller / pixelio.de)

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