Lavaux sous la neige
Was ist wichtiger: Zu welchem Zeitpunkt der Unterricht in Französisch beginnt oder wie gut jemand am Ende der obligatorischen Schulzeit Französisch spricht? Natürlich kommt es auf die tatsächlichen Sprachkenntnisse an. Dem würde niemand ernsthaft widersprechen. Tatsächlich niemand? Einer tut es – zumindest faktisch: Bundesrat Alain Berset.

Am Mittwoch liess er den Bundesrat eine Vorlage verabschieden, welche den Sprachunterricht in der Primarschule zentralistisch regeln will (der Titel der Medienmitteilung ist wieder mal ein beispiels schönsten orwellschen Neusprechs). Der Bund stellt drei nur leicht unterschiedliche Varianten zur Auswahl. Dazu so viel: Keines dieser Modelle sieht vor, dass mit Französisch erst nach der Primarschule begonnen wird – so wie die meisten von uns es noch genossen haben. Alle drei Modelle des Bundesrates verlangen den Unterricht der zweiten Landessprache in der Primarschule. Die Auswahl ist also genau besehen gar keine. Alle drei Varianten bedeuten einen Eingriff des Bundes in die Bildungshoheit der Kantone, denn «für das Schulwesen sind die Kantone zuständig» – so steht es klipp und klar in der Bundesverfassung. Der Bund kann zwar den Sprachunterricht fördern, befehlen kann er ihn nicht. Die Nonchalance, mit welcher der SP-Bundesrat die Verfassung und die dort festgehaltene Aufgabenteilung zwischen Bund und Kantonen missachtet, überrascht, weil er bei jeder Gelegenheit davon redet, wie wichtig ihm die ­Institutionen des Bundes seien. Alain Berset und der Gesamtbundesrat vermischen mit ihrem ­Entscheid Sprachenpolitik und Bildungspolitik zu einem giftigen Cocktail, der genau das Gegenteil von dem bewirkt, was er vorgibt: Der nationale Zusammenhalt wird nicht gestärkt, sondern auf die Probe gestellt wie nie zuvor.

«Die Frage, ob man sich wirklich versteht, ist in einem Land wie der Schweiz von eminenter Bedeutung», sagte Bundesrat Berset am Mittwoch. Dem ist nicht zu widersprechen. Nur müsste Berset seinen eigenen Worten entsprechend handeln – und den Sprachenunterricht nicht nach den dahinter liegenden Absichten, sondern der tatsächlichen Wirkung beurteilen. Wenn es tatsächlich so wäre, dass je früher mit einer Sprache begonnen wird, desto besser sie gelernt würde, dann müsste man tatsächlich möglichst früh damit beginnen. Doch genau daran gibt es wissenschaftliche Zweifel. Und wer eine Tochter oder einen Sohn im Frühfranzösisch hat, kann bestätigen, dass sie in zwei Wochen Ferien im Nachbarland (oder der Westschweiz) mehr lernen als bei dem wöchentlichen Liedchensingen mit beschränkter Wirkung.

Bei mir selber war das nicht anders: Französisch übte ich erst in Bundesbern effektiv ein, trotz sieben Jahren gymnasialem Pflichtunterricht. In den heiligen Hallen des Bundeshauses ist es für einen Deutschschweizer angebracht, sich ­zumindest Mühe zu geben, auf die sprachlichen Minderheiten zuzugehen. Mit der Zeit merkt man, das «LAMal» kein islamischer Vorname ist, ­sondern nichts anderes als «KVG» oder ausgeschrieben «Krankenversicherungsgesetz» heisst. Italienisch habe ich bei einer Tante im Tessin und auf ­ungezählten italienischen Weingütern sprechen und verstehen gelernt.

Dass es die obligatorische Schule sei, die mit ihrem Sprachunterricht quasi den Zusammenhalt des Landes herstelle, ist eine ebenso realitätsferne wie reaktionäre und bevormundende Sicht auf Bildung, die in einer offenen Gesellschaft eigentlich nichts verloren hat. Sollte der Zusammenhalt der Schweiz tatsächlich vom Unterrichtsbeginn der zweiten Landessprache abhängen, wäre es um dieses Land gar nicht gut bestellt. Der Staat ist gar nicht in der Lage, die Grundlagen zu schaffen, auf denen er eigentlich beruht. Das müssen die Menschen schon selber tun.

Doch um die tatsächliche Sprachkenntnis der Schweizerinnen und Schweizer geht es Berset längst nicht mehr. Die Sprachenfrage dient nur noch der persönlichen Profilierung des Freiburger Bundesrates, der damit populistisch mit den ­Minderwertigkeitsgefühlen in der Romandie spielt. Wenn es eine Gefahr für den Zusammenhalt des Landes gibt, dann ist es genau dies. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 09.07.16, Foto: MB / flickr.com, CC-Lizenz, unverändert)

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Schulkind am Boden sitzend
Die freie Wahl der Schule hätte eine bessere Durchmischung zur Folge

Eltern treffen tagtäglich Entscheidungen für ihre Kinder. Das ist ihre Aufgabe. Es gibt aber einen Bereich, bei dem die Eltern nichts zu entscheiden haben: die Schule. Der Staat entscheidet hierzulande, in welche Schule ein Kind kommt. Dies, obwohl das Zivilgesetzbuch es eigentlich anders vorsieht. Das Gesetz verpflichtet dort nämlich die Eltern, den Kindern eine «angemessene, seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende allgemeine und berufliche Ausbildung zu verschaffen».

Dänemark kennt die freie Wahl der Schule seit 160 Jahren, die Niederlande kennen sie seit rund 100 Jahren. Die skandinavischen Länder haben die Schulwahl vor 20 Jahren eingeführt.

Unsichtbare Trennlinien

In Basel müssen sich Eltern für einen Wechsel der Schule durch Gesuchsverfahren kämpfen oder in die Nähe der Schule ihrer Wahl umziehen. Die freie Schulwahl gibt es in Basel nur für Reiche. Der Zugang zur guten Schule im guten Quartier bleibt Wenigverdienenden verwehrt. Die Folge: Entmischung der Quartiere, unsichtbare Trennlinien durchziehen die Stadt. Sie trennen auch die Bildungschancen der Kinder.

Die SP schlug in Basel kürzlich eine Schweizerdeutsch-Quote vor, um die Chancengleichheit der Kinder wiederherzustellen und die Integration zu verbessern. In Amerika wurden zur guten Durch­mischung Kinder mit Bussen in andere Schulhäuser gefahren – mit geringem Erfolg. In Basel soll gemäss der Ini­tiantin durch städtebauliche Massnahmen die Durchmischung der Quartiere erreicht werden, was nur schon aus raumplanerischer Überlegung scheitern dürfte. Die einfachste Lösung für die bessere Durch­mischung wäre die freie Schulwahl. Die Auswirkungen der Wahlfreiheit auf die Schulqualität sind eindrücklich: Wenn die Eltern über die Schule entscheiden, führt das zu einer Leistungssteigerung der gesamten Schule. Gleichzeitig zeigt aber eine OECD-Studie aufgrund von Leistungsvergleichen (den sogenannten Pisa-­Tests), dass in Ländern mit freier Schulwahl Beruf und Verdienst der Eltern einen geringeren Einfluss auf die Leistung der Schüler haben als anderswo. Genau das, was zu mehr Chancengleichheit führen würde. Das wissen offensichtlich die weniger begüterten Eltern. Gemäss verschiedenen Studien für die Schweiz nimmt die Zustimmung zur freien Schulwahl ab, je mehr jemand verdient. Wer sich für weniger verdienende Eltern und die Durchmischung von Schichten in Städten einsetzen will, müsste sich also für die freie Schulwahl einsetzen.

Der Dachverband der Schweizer Lehrer lehnt die Schulwahl kategorisch ab. Die Lehrergewerkschaft befürchtet genau das Gegenteil von dem, was in den Ländern mit freier Schulwahl eingetroffen ist: weniger Chancengleichheit und mehr Entmischung zwischen wohlhabenden Quartieren und ärmeren Regionen. Der Lehrer­verband zweifelt auch an der Praxis­tauglichkeit, nicht alle Eltern hätten zwei Schulen in der Nähe, und es sei oft nicht möglich, das Kind in ein anderes Dorf zu fahren.

Aufwertung der Eltern

Befürworter wie die Organisation Elternlobby Schweiz der Baselbieterin Pia Amacher entgegnen, dass das gar nicht nötig sei. Nur schon die Möglichkeit der Schulwahl führe zu besseren Schulen: «Freie Schulwahl bedeutet die Aufwertung der Eltern. Aus Befehlsempfängern werden Kunden, die durch die bewusste Wahl auch wieder mehr Erziehungsverantwortung übernehmen.» Davon würden Kinder wie Lehrer profitieren. Die Elternlobby ist in den vergangenen Jahren mit Volksinitia­tiven für die freie Schulwahl in verschiedenen Kantonen angetreten – und überall klar gescheitert.

Pia Amacher führt das auf die Stimmbevölkerung zurück, die wenig mit den betroffenen Eltern gemein ha­be. «Immerhin haben wir mit den Abstimmungen erreicht, dass ein Tabu gebrochen worden ist.» Die Elternlobby werde künftig mehr auf Lobbyarbeit direkt in den Kantonen setzen.

Da gibt es auch Entwicklungen, die in Richtung freie Schulwahl laufen. Dieses Frühjahr hat das Genfer Kantonsparlament beschlossen, dass die Eltern für die Gymnasialstufe eine Pauschale erhalten, die sie für die Schule ihrer Wahl einsetzen können. In Zürich gibt es die freie Wahl des Gymnasiums schon lange. Nach einem erfolgreichen Versuch in der Stadt Luzern mit Betreuungsgutscheinen für Kinderkrippen haben auch die Stimmbürger in Bern ein solches System eingeführt.

«Gute Vorschläge werden zerrieben»

Kinderarzt Remo Largo fordert die Öffnung des Bildungssystems

Der Zürcher Kinderarzt Remo Largo ist heutigen Eltern ein Begriff. Bekannt geworden ist er mit Sachbüchern über die Entwicklung von Kindern. Dabei hat er sich auch mit der Kindsentwicklung in den Schuljahren und dem Bildungswesen überhaupt auseinandergesetzt.

BaZ: Herr Largo, Sie kritisieren die Schulreformen der letzten Jahrzehnte, was läuft in der Schule schief?

Remo Largo: Es sind Reformen «von oben». Auch gute Vorschläge werden zwischen Interessengruppen zerrieben. Wenn man schaut, wo es zu Veränderungen gekommen ist, dann waren das Initiativen «von unten», also von engagierten Schulen, Lehrkräften oder Eltern. Wer Reformen will, muss das Bildungswesen öffnen, also autonome Schulen und Schulwahl für die Eltern schaffen.

Wie sähe das konkret aus?

Alle Schulen würden pro Kind gleich finanziert. Die Schulen dürften kein zusätzliches Geld annehmen, damit sie nicht elitär werden. Und dann bräuchte es eine Quote für Schüler mit besonderen Bedürfnissen, damit diese integriert werden.

Was würde das für Lehrer und Eltern bedeuten?

Zuerst: Wer die öffentliche Schule so will, wie sie besteht, macht so weiter. Die staatlichen Rahmenbedingungen blieben bestehen. Ich schätze, dass 10 bis 20 Prozent der Lehrer autonome Schulen eröffnen würden. In autonomen Schulen müssen die Lehrer auf die Bedürfnisse von Kind und Eltern eingehen. In der öffentlichen Schule können sie sie in hohem Masse ignorieren. Grundlegend verändern wird sich der Unterricht. Viele Lehrer haben sehr gute pädagogische Konzepte, die sie in der öffentlichen Schule nicht umsetzen können.

Was bedeutet die Schulwahl für das Kind?

Etwas überspitzt gesagt: Kinder gehen gerne in eine Schule, die kindgerecht ist. Was man heute nicht unbedingt sagen kann. Das Kind fühlt sich wohl, weil es ernst genommen wird, seinem Entwicklungsstand entsprechend lernen kann und damit Erfolg hat.

Warum wurde die Idee bei Abstimmungen so deutlich abgelehnt?

Eine Schule, für alle gleich und obligatorisch, war eine wichtige Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Das Bildungsmonopol der öffentlichen Schule ist jedoch nicht mehr zeitgemäss. Es gibt einen grossen Frust bei Eltern und Lehrern, die eine kind­gerechte Schule wollen. Nur eine Liberalisierung kann zu einer zukunftsgerichteten Erneuerung des Bildungssystems führen.

(veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 23.07.13 im Rahmen einer Serie über Wahlfreiheit in der Schweiz, Foto: Anne Garti / pixelio.de)

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Blick in ein Schaufenster
Es tönt ja nicht schlecht: Die Schüler sollen mit dem neuen Lehrplan nicht einfach Wissen büffeln, sondern lernen, das Wissen anzuwenden. Endlich sollen Kinder für das Leben und nicht für die Schule lernen.

Doch den Autoren ist die (eigene) Ideologie in die Quere gekommen. Es geht im Bereich «Wirtschaft, Arbeit und Haushalt» (PDF) nicht mehr um das Verständnis von Wirtschaft als zwangsfreie Koordination von Menschen. Es geht um die Weitergabe bestimmter moralischer Werte und Ideen. Guter Konsum ist biologisch und regional. Du trägst ein Hemd aus Baumwolle? Du isst Fleisch? Schäme dich! Wegen dir geht die Welt bald zugrunde. Unter der moralischen Keule lehrplanerischer Gesinnungswächter werden zuerst die Fakten begraben. Und dann die Freiheit und Mündigkeit der Jugendlichen.

Derartiger Unterricht nützt niemandem. Die Schule verkommt zu einem Instrument zur Beeinflussung. Sie dient dem «Aufbau einer besseren Gesellschaft» – von der wohlmeinenden und selbstverständlich besser wissenden Elite verordnet. Das ist der alte Traum der 68er-Generation: die (Um-)Erziehung der Menschen zu einer Herde wohlerzogener Schafe. Es ist zu hoffen, dass die Verfasser über ihre Ideologie stolpern. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 03.08.2013, Foto: Ilse Dunkel (ille) / pixelio.de)

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Kinder im Kreis
Eine breite von der SP angeführte Allianz im Grossen Rat von Basel-Stadt sorgt sich um die sprach­liche Durch­mischung der Schulklassen. Das ist neu. Bis anhin wurden ähnliche Vorstösse jeweils von der SVP eingereicht – und stets bachab geschickt. Jetzt fordern besorgte Grossräte eine Quote von 30 Prozent schweizerdeutscher ­Kinder pro Klasse. Damit wird ein Thema salonfähig, das noch vor Jahren als politisch unkorrekt unter den Teppich gekehrt wurde.

Reicht in Basel die Umteilung ins Nachbarschulhaus oder über den Rhein? In Deutschland gibt es Pläne, Kinder mit Bussen in die Schulen anderer Stadtteile zu fahren. Das Konzept stammt aus der Mottenkiste staatlicher Bevormundung. Sollen jetzt deutschsprachige Basler Kinder schaffen, was der Integrationsapparat des Stadtkantons nicht zustande bringt? Quotenkinder bringen nichts gegen Ghettos und nichts für die Integration. Soziale Durchmischung kann nicht mit Bussen erzwungen werden. Die Ghettoisierung hat mit Raumplanung und Steuern zu tun. Wo Boden viel kostet, sind Mietpreise hoch und Steuern tief. Dort wohnen mehrheitlich begüterte Schweizer. Wer es sich leisten kann, zieht dahin.

Übrig bleiben Mittelstand und Unterschicht, besonders fremdsprachige Familien. Die Trennung wird ausgerechnet durch den sozialen Wohnungsbau gefördert. Vergünstigte Wohnsiedlungen ziehen Unterschichten an. Und weil die Zuteilung der Kinder zu den Schulen staatlich verordnet wird, bildet sich die wirtschaftliche Trennung in wohlhabende und arme Quartiere auch in der Schule ab. Wer sich eine Wohnung im teuren Quartier leisten kann, schickt seine Kinder auch mit Einheimischen in die Schule. Nicht wenige Eltern ziehen wegen der Schule in ein anderes Quartier. Das ist die freie Schulwahl für jene, die es sich leisten können.

Die Lösung liegt weder bei Bussen, die Kinder quer durch die Stadt kutschieren, noch bei mehr staatlicher Planung und Zuteilerei gegen den Willen der Eltern. Sondern bei weniger Zwang: Verzicht auf staatliche Einteilung von Kindern in Schulhäusern, sondern freie Schulwahl für alle Eltern; keine Finanzierung von Wohnsiedlungen, sondern direkte Hilfe an jene, die es brauchen. Weg von der kollektiven Rundumversorgung, zurück zur individuellen Verantwortung der Eltern für sich und ihre Kinder.

Es ist zu befürchten, dass spätestens bei den konkreten Massnahmen die breite Koalition im Grossen Rat ­wieder in ihre ideologischen Ghettos zerfällt und die Ursachen der ­Ghettoisierung ignoriert werden. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 30.04.13, Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)

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