Ich unterscheide drei verschiedene Ebenen ethischen Verhaltens. Die höchste Ethik ist die Ethik der Barmherzigkeit, der reinen Selbstlosigkeit und des vorbehaltlosen Dienstes am Mitmenschen. Sie ist selten, aber die meisten Menschen erleben sie in guten Momenten, sei es in der Rolle der Empfangende oder der spontan Schenkenden. Dass es sie gibt, ist ein Wunder, und Wunder sind Ausnahmen. Es ist klug, wenn sich eine Gesellschaft nicht allein auf den Glauben an Ausnahmen und Wunder verlässt.

Darum gibt es neben dieser Ausnahmeethik der Barmherzigkeit, eine alltäglichere Ethik, die Normalethik des Austausches, des Vertrags: Verträge sind zu halten. Das Normalverhalten des Menschen ist der Austausch. Man gibt und nimmt, man vereinbart Verträge und zählt mit guten Gründen darauf, dass damit letztlich allen gedient sei. Nicht allen gleich gut, aber doch allen besser, als wenn es keine freie Kommunikation gäbe. Ich wähle hier bewusst den allgemeineren Begriff Kommunikation und nicht den gängigeren des Marktes, denn der für eine Gesellschaft langfristig wichtigere Vorgang ist nicht der Tausch von Ware oder Dienstleistung gegen Geld, sondern der offene Austausch von Meinungen und Gegenmeinungen, der Wettbewerb um die besten Ideen auf dem Markt der freien Meinungsäusserung.

Unterhalb dieser Normalethik des fremdherrschaftsfreien Tauschs gibt es noch die Stufe der rechtlich erzwingbaren Minimalethik. Deren Ziel ist die Sanktionierung der Rechtsbrecher und die Verteilungsgerechtigkeit, der Weg dazu führt über Gebote und Verbote und über Umverteilung, nötigenfalls mit Zwang. Leider verwechseln viele Menschen diese Minimalethik mit der Ethik schlechthin, und sind dem Irrglauben verfallen, man könne sowohl die Normalethik des Tauschens als auch die Ausnahmeethik der Barmherzigkeit durch mehr Staat, mehr Gebote und Verbote, mehr Umverteilung und mehr Zwang auf ein höheres Niveau heben.

Wer aber die Ausnahme erzwingen will, verhindert sie. Erzwungene Solidarität vernichtet freiwillige Solidarität. Auch der ökonomische Ausgleich durch Tausch und die ungehinderte Meinungsäusserung wird durch Zwangsnormen eher verschlechtert als verbessert. Kurz: Staatlicher Zwang minimiert generell die Bereitschaft zum spontanen und im gegenseitigen Interesse praktizierten und kultivierten ethischen Verhalten.
(Zitat aus einem eigenen Artikel, 2010)

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Aufgehängte Arbeitshelme
Das Tauschen nach den Regeln des Marktes, also ohne Zwang und in freier Wahl, ist in unserer Gesellschaft Alltag. So alltäglich, dass wir es gar nicht mehr richtig wahrnehmen. Das zeigt sich beim wohl wichtigsten Tauschverhältnis: beim Arbeitsvertrag. Da herrscht eine eigentümliche Begriffsverwirrung: Wer gibt denn in diesem Tausch eigentlich was? Gibt mir der Arbeitgeber tatsächlich Arbeit – so als Akt der Gnade – und ich muss sie nehmen? Es ist doch zumal in unseren Wissensgesellschaften gerade umgekehrt. Ich gebe dem Unternehmen meine Arbeit, meine Firma nimmt sie und gibt mir dafür Lohn. Der Arbeitgeber ist eigentlich Arbeitnehmer – und umgekehrt. Die Sprache ist noch einem Tauschverhältnis verpflichtet, das keineswegs der Realität entspricht – jeder Einzelne tut gut daran, sich als Arbeitgeber zu fühlen. Und sie auch so im Arbeitsmarkt anzubieten.
(Rainer Sturm / pixelio.de)

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