Bär im Wasser
M 13 ist tot. Vorgestern am frühen Morgen durch einen Schuss eines Bündner Wildhüters erlegt. Sein Bärenleben war von Anfang an schwierig. Die Alpen sind nicht der friedliche Naturpark, als den wir Unterländer sie in unseren schönen Ferien sehen. Da hat es Menschen, Dörfer und Städte. Und da wird die Natur genutzt – auch durch die Landwirtschaft und den Forst, aber ganz besonders durch den Tourismus. M 13 hat sich dieser Kulturlandschaft angepasst und sie sich zunutze gemacht. Statt den Winter 2011/2012 zu verschlafen, hat er sich im Süd­tirol den Bauch vollgeschlagen – wie Tausende von Touristen auch. Der Allesfresser nahm, was er bei Siedlungen und in Dörfern so fand: mal ein Schaf, Honig und viel Abfälle. M 13 ging es sehr gut. Er nahm von 80 auf 120 Kilo zu. Und er gewöhnte sich – ganz «ursus oeconomicus» – fatalerweise an dieses Leben nahe bei den Menschen.

Die Schweizer Behörden freuen sich an Bären, solange sie die Scheu vor den Menschen nicht verlieren. Den ganzen Sommer 2012 versuchte die Bündner Wildhut, den Bären zu vergrämen, ihm Furcht einzujagen, damit er Menschen und Siedlungen wieder meide – sogar die Rhätische Bahn half mit, indem sie ungewollt mit dem Tier kollidierte. Aber es nützte nichts. M 13 war auf die falsche Schiene geraten.

Bären ohne Scheu vor dem Menschen und mit der Gewohnheit, sich in Siedlungen zu verköstigen, sind ein Risiko. Der Abschuss war nötig. Massnahmen, damit künftige Bären gar kein riskantes Verhalten erlernen, sind es auch. M 13 ist aber auch eine Herausforderung, unsere intensive Nutzung des Alpenraumes zu überdenken. Das müssen Schlussfolgerungen für uns Unterländer selber und unsere konkrete Nutzung der Alpen sein. Wir fordern immer ausgreifendere Infrastrukturen. Wir prägen mit unseren Ansprüchen den Lebensraum für Raubtiere wie Wolf, Luchs und Bär. Die Treiber der Übernutzung der Alpen sind nicht Alpwirtschaft, Schafzucht und Forst der Einheimischen, sondern Tourismus und Sport.

Es wäre zu billig, mit dem Finger auf die Bevölkerung in den Bergen zu zeigen und vom bequemen Bürostuhl in der Stadt aus von ihr zu verlangen, gefälligst auch mit riskanten Bären zusammenzuleben. Die Menschen im Puschlav und in anderen Gegenden sind vielleicht keine akademischen Bärenkenner, aber Experten für das Leben in den Alpen. Sie haben in ihrem Lebensraum Nachhaltigkeit schon gelebt, als es das Wort noch gar nicht gab. Der Schutz des Bären entscheidet sich vor Ort und in Respekt vor den Menschen im Alpenraum. (veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 21.02.13, Foto: Hansjörg Schulthess / pixelio.de)

Ähnliche Artikel: